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eGovernment als Wirtschaftsmotor Gemeinden und Stadtwerke als Innovatoren

Autor / Redakteur: Hadi Stiel / Manfred Klein

Die Finanz- und Wirtschaftskrise engt die Bewegungsfreiheit privatwirtschaftlich geführter Unternehmen ein. Investitionen lohnen für die Entscheider nur, wenn sie mit Kosteneinsparungen verbunden sind. Die Kreditklemme und eine nicht absehbare wirtschaftliche Entwicklung bremsen Investitionen zusätzlich aus. Marktsektoren gibt es dennoch, in denen es sich lohnt, Investitionen anzustoßen, um in und für die Zeit nach der Krise gut gewappnet zu sein.

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( Archiv: Vogel Business Media )

Die Breitbandkommunikation ist eine davon. Eine Unterstützungsinitiative der Bundesregierung, die Breitbandstrategie, bietet Spielraum für innovatives Handeln. Profiteure der staatlichen Fördermittel werden sowohl privatwirtschaftlich geführte Unternehmen als auch Öffentliche Verwaltungen sein. eGovernment Computing hat sich mit Thomas Schröder, Leiter Vertrieb FTTX in Deutschland bei Alcatel-Lucent, über die Chancen eines offensiven Ausbaus der Breitbandkommunikation unterhalten.

Können Sie die Eckdaten der Breitbandstrategie der Bundesregierung skizzieren?

Schröder: Die Bundesregierung will dafür staatliche Fördermittel von über 150 Millionen Euro bereitstellen, auf die dann die Länder und Kommunen zurückgreifen können. Die Zielsetzung des Dreistufenplans: Bis Ende 2010 sollen in Deutschland flächendeckend Breitbandanschlüsse zur Verfügung stehen. Bis 2014 sollen 75 Prozent dieser Anschlüsse mindestens 50 Mbit/s vorhalten. Bis 2018 sollen mindestens 50 Mbit/s flächendeckend bereitstehen. Diese ehrgeizigen Ziele antizyklisch zur Krise setzen hohe Investitionen in die Verkabelung nicht nur im Anschlussbereich voraus. Insider gehen von 50 Milliarden Euro für den Ausbau der Breitbandnetze und den Aufbau von Hochleistungsnetzen aus.

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Wie sieht der Status quo im Anschlussbereich aus? Immerhin sprechen die Netzbetreiber schon heute von flächendeckenden Breitbandanschlüssen.

Schröder: Das beschönigt die aktuelle Situation. DSL steht heute noch nicht flächendeckend zur Verfügung. Das soll erst bis Ende 2010 der Fall sein. Geschwindigkeiten wie DSL 6000 und erst recht ADSL2+ (bis 24 Mbit/s) sind heute noch weit von einer Flächendeckung entfernt. VDSL (Very High Data Rate DSL) mit bis zu 55 Mbit/s wird nur vereinzelt und zurzeit ausschließlich in Ballungszentren angeboten. Klassische DSL-Anschlüsse, die heute die Regel sind, bremsen besonders die geschäftliche Kommunikation aus. Zumal, je nach Verkehrsaufkommen in den Kupferbündeln, an dieser Verbindungsstrecke die Nominalbandbreite nur zu einem Teil zur Verfügung steht. Moderne Business-Modelle oder Verwaltungskonzepte, die sich beispielsweise auf Unified Communications oder Echtzeit-Datenkommunikation stützen, werden durch solche Nadelöhre behindert. Daran ändern auch synchrone DSL-Anschlüsse für den Business-Bereich mit gleicher Bandbreite in beide Richtungen wenig. Außerdem haben die ihren Preis.

Sehen Sie aktuelle Projekte in den Unternehmen und Behörden, wie die Optimierung der Geschäfts- respektive Verwaltungsprozesse, durch die viel zu knappe Anschlussbandbreite in Gefahr?

Schröder: Nicht nur durch zu knappe Bandbreite. DSL-Verbindungen als asynchrone Verbindungen sind auf dem Uplink deutlich langsamer als auf dem Downlink. Ein kontinuierlicher Übertragungsfluss kann darüber nicht bewerkstelligt werden. Das passt nicht zur Geschäftsprozessoptimierung der Unternehmen und Behörden, die sie aus ihren lokalen Netzwerken heraus voranzutreiben versuchen. Während in den LANs problemlos jedem PC 1 Gigabit/s bereitgestellt werden kann, müssen sich die meisten Mitarbeiter an abgesetzten PCs mit einem winzigen Bruchteil dieser Bandbreite begnügen. Geschäftliche Abläufe, an denen ortsunabhängig eingesetzte Mitarbeiter beteiligt sind, können so nicht optimiert werden.

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Also besteht auf der WAN-Seite extrem hoher Handlungsbedarf, um einigermaßen mit der Entwicklung in den LANs gleichzuziehen?

Schröder: Ja, der Nachholbedarf ist groß. Anders als innerhalb der lokalen Netzwerke der Unternehmen und Verwaltungen ist im Anschlussbereich die Verlegung von Glasfaserverkabelung notwendig. Die beiden Varianten hier: FTTB (Fiber to the Building) und FTTH (Fiber to the Home), kurz: FTTX. Das liegt an der erheblich größeren Distanz, die im Vergleich zur Endgeräteverkabelung über Kupfer im LAN überbrückt werden muss. Nicht von ungefähr ist die Rede von der Last Mile.

50 Mbit/s-Anschlüsse flächendeckend bis 2018. Bis 2014 sollen immerhin 75 Prozent der Anschlüsse diese hohe Kapazität haben: Das ist doch über VDSL, also über Kupferverkabelung erreichbar – oder?

Schröder: Das ist genau das Problem: Mit VDSL über die Kupferverkabelung vom Kabelverzweiger ist bei 55 Mbit/s Schluss. VDSL bietet hier nach oben keinerlei Ausbaumöglichkeiten. Allein auf diese Zugangstechnologie zu setzen, wäre somit kurzsichtig. Die notwendigen Bandbreitenerweiterungen für die Zukunft eröffnen lediglich Zugangstechnologien wie P2P-FE/GE, GPON und NGPON, alles Glasfaser-basierende Technologien. Innerhalb von LANs liegt die Messlatte für die Endgeräteanschlüsse bei 1 Gigabit/s, dem 20-fachen von 50 Mbit/s. Deutlich mehr als 50 Mbit/s sollten also auch an den WAN-Anschlüssen möglich sein.

Welche Anwendungen und Dienste werden derart hohe Bandbreiten erfordern?

Schröder: Diese Frage wurde vor zehn Jahren für die lokalen Netzwerke auch gestellt. Heute sind 100 Mbit/s-, teils sogar 1 Gigabit/s-PC-Anschlüsse, in den LANs Realität. Vor allem Anwendungen und Dienste, die einen konstanten Übertragungsfluss voraussetzen, erfordern hohe Bandbreiten. Beispiele dafür sind Videokonferenzen sowie alle integrierten Echtzeit-Video- und Sprachströme mit hohen Synchronisationsanforderungen, aber auch zeitkritische, umfangreiche Datenströme, wie sie bei Online-Transaktionen oder bei der Zusammenarbeit von Mitarbeitern an verschiedenen Standorten anfallen. Auch Kundenservices, wie im Rahmen der zentralen Behördennummer 115, dürften davon profitieren. Ein weiterer Vorteil der Bandbreitenerhöhung auf der letzten Meile: Mit einer schnelleren Kommunikation in beide Richtungen fallen die Antwortzeiten erheblich geringer aus. So beim Abruf von Inhalten, Grafiken oder Videos aus dem Internet. Keiner kann heute vorhersagen, welche bandbreitenfordernden Anwendungen und Dienste noch ins Haus stehen. Deshalb ist es sinnvoll, vorausschauend in FTTX-Verbindungen zu investieren.

Nächste Seite: Warum Städte und Gemeinden beim Glasfaserausbau eine wesentliche Rolle spielen?

Welche Rolle können die Kommunen für die Etablierung der Glasfaserverkabelung im Access-Bereich spielen?

Schröder: Ihnen wird eine ganz wesentliche Rolle zukommen. Städte und Gemeinden können, unterstützt durch die Breitbandstrategie des Bundes, die Errichtung der passiven Netzinfrastruktur, also der Glasfaserverkabelung, übernehmen. Sie können bestehende Leerrohre für die Glasfaserverkabelung bis zum Gebäude beziehungsweise bis zum Raum nutzen. Mehr als die Errichtung der aktiven Infrastruktur und darüber die Bereitstellung von Diensten, lässt ihre Organisationsform in der Regel nicht zu. Ein anderes Modell: Die Stadtwerke übernehmen, neben Strom, Wärme und Wasser, die Versorgung mit der Breitbandkommunikation der nächsten Generation. Stadtwerke sind, anders als die kommunale Verwaltung, frei in der Entscheidung, in welchem Umfang sie Leistungen erbringen. Ihre Verantwortung kann bis zur Bereitstellung der Dienste für Geschäfts- und private Kunden reichen.

Für die Errichtung der passiven Infrastruktur können sie auf die von den Kommunen bereitgestellten Leerrohre zurückgreifen. Die Errichtung der aktiven Infrastruktur und die Bereitstellung von Diensten können sie jedoch alternativ an private Dienstleister, zum Beispiel regionale Netzbetreiber, übertragen – sofern sie die damit verbundenen Investitionen nicht selbst tätigen wollen oder können.

Lohnt für die öffentlichen Betreiber das Breitband-Engagement?

Schröder: Für Kommunen gilt: Sie dürfen keine Gewinne machen. Aber sie können Investitionen und Aufwände auf der einen Seite, Erträge auf der anderen Seite über zehn Jahre kalkulieren und verrechnen. Und sie können über ihr Bandbreitenengagement Signale in den Markt senden, die gerade in der Wirtschaftskrise wichtig sind. Nicht zu unterschätzen ist der Standortvorteil, den sich die Kommunen mit breitbandstarken Anschlüssen gegenüber anderen Kommunen verschaffen. Der Standortvorteil kann beispielsweise zu höheren Gewerbesteuereinnahmen und nachhaltig zu einem soliden Haushalt beitragen.

Für Stadtwerke lohnt es gleich doppelt, initiativ zu werden. Sie dürfen Gewinne machen und können somit die geschäftlichen Vorteile der Breitbandkommunikation voll ausschöpfen. Sie können den nächsten Versorgungskontakt zu ihren Kunden dazu nutzen, um ihr Telekommunikationsangebot zu bewerben.

Nächste Seite: Das Geschäftsmodell entscheidet über den wirtschaftlichen Erfolg für die Kommune

Wie kann im Fall eines Stadtwerks das Business-Modell aussehen?

Schröder: Ein Stadtwerk muss sich zunächst darüber im Klaren sein, wie weit der Aufgaben- und Verantwortungsbereich gefächert sein soll: nur passive Infrastruktur, passive und aktive Infrastruktur oder gegebenenfalls sogar Aufstellung als multimedialer Dienstleister. Zudem sollten die Kosten für die zu ergreifenden Maßnahmen erhoben werden. Für den Fall, dass das Stadtwerk nur die passive Infrastruktur errichten will, heißt das, die Investitionen und Aufwände für die Glasfaserverkabelung, die tiefbaulichen Maßnahmen, die Anschlusskosten sowie die laufenden Kosten zu ermitteln.

Zu einem seriösen Geschäftsmodell gehört ein Verteilungsschlüssel. Welcher Prozentsatz der anfallenden und laufenden Kosten soll das Stadtwerk tragen? Welcher Prozentsatz dieser Kosten kann als Anschluss-, Bereitstellungs- und Servicegebühr auf die Kunden umgelegt werden? Wichtig ist außerdem, die Zeit für die Errichtung und Inbetriebnahme der Glasfaserstrecken zu veranschlagen. Sollen Dienstleister wie Netzbetreiber an Bord geholt werden, müssen diese Geschäftskontakte frühzeitig eingefädelt werden. Denn erst über die Dienste entsteht in den Augen der Kunden der eigentliche Mehrwert. Je größer die Teilnehmerdichte pro Quadratkilometer ist, umso lohnender wird natürlich das Breitbandengagement für das Stadtwerk sein.

Nächste Seite: Ein Beispiel aus der Praxis

Können Sie bereits auf ein Beispiel aus der Praxis verweisen?

Schröder: Die Stadtwerke Sindelfingen-Böblingen sind ein solches Beispiel. Hier ist das Verhältnis 1.000 Einwohner auf 5,1 Quadratkilometer. Als Multimedia-Dienstgebühr wurden für einen Privathaushalt 50 Euro pro Monat veranschlagt. Dafür erhält der private Teilnehmer Telefon, einen extrem schnellen Breitbandanschluß und Fernsehen. Bereits nach sieben Jahren ist die Amortisierungsschwelle überschritten. Das zeugt davon, wie lukrativ das Breitband-Engagement für Stadtwerke sein kann.

Aber es geht nicht nur darum, ob sich der Breitbandausbau betriebswirtschaftlich lohnt. Kommunen und Stadtwerke können über einen progressiv vorangebrachten Breitbandausbau der schwächelnden Wirtschaft wichtige Impulse verleihen. Nach der Krise wird die deutsche Wirtschaft dann umso besser durchstarten können. Auch deshalb will die Bundesregierung der Breitbandkommunikation der nächsten Generation zum Durchbruch verhelfen.

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