Thema: Plädoyer für einen Code of Conduct

erstellt am: 28.08.2019 10:49

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Diskussion zum Artikel


„Ratlose Politik! Hilfreiche Berater?"
Plädoyer für einen Code of Conduct


Es knirscht im Zusammenspiel zwischen Staat und externen Beratern. Das gilt auch für eGovernment. Wie die notwendige Kooperation wieder verbessert werden könnte, erläutert der Bremer Staatsrat und derzeitige Vorsitzende des IT-Planungsrats.

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woksoll





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Kommentar zu: Plädoyer für einen Code of Conduct
28.08.2019 10:49

Lieber Henning,

ich finde es gut, dass mal jemand die Klappe aufmacht und dann nach guter Analyse auch Maßnahmen angeht. Zum Beispiel die Bildungsmaßnahmen in Bremen finde ich gut. Der Öffentliche Dienst muss sich selbst fitter machen, sich enablen, wie der Neudeutsch sagt. Da sind unsere Hanseaten ganz vorn.
In dem Bericht ist aber m.E. zu viel über die Schnittstelle ÖD-Berater die Rede und zu wenig über den ÖD selbst die Rede.
Da ich ja selbst gefühlte Jahrhunderte als Berater im ÖD tätig war (EU, Bund, Länder und Kommunen), will ich an ein paar Beispielen zeigen, wie schwer wir uns tun, von Max Weber uns zu befreien, um zu Niklas Luhmann zu kommen.
Zunächst zum Berater als Person. Da gibt es viele Facetten. Da gibt es den Fachberater, der weiß, wie man einen Haushalt aufstellt und bewirtschaftet. Der Strategieberater mit meist BWL-Hintergrund (wie oft die Mackies) ist ein anderer als der, der seine Leute in Speyer ausbilden lässt (die mir gesagt haben, dass Ihnen Luhmann zu kompliziert ist). EIn systemischer Berater andererseits ist ganz anders als ein Fachberater für Haushalt oder IT. Wenn man in eine systemische Familientherapie geht, erwartet man eher einen Soziologen oder Psychologen als einen Kinderarzt. Deshalb sollt man die Berater nicht alle in einen Topf werfen.
Zum Neuen Steuerungsmodell (NSM), das in Neuseeland sehr erfolgreich war: wir haben es verkackt. Wir waren zu blöd, einheitliches Rechnungswesen einzuführen.
Der Staat mutet allen Kaufleuten zu einheitlich nach HGB zu buchen. Für sich selbst baut er einen wilden Flickenteppich im Föderalismus, Die einen buchen kameral, die anderen doppisch. Es gibt keinen einheitlichen Kontenrahem für die KLR und wir haben erfolgreich Benchmarking durch die KGST sabotiert. Das waren nicht Berater.
In Österreich gibt es ein zentrales Meldewesen. Wir muten Bürgern zu, dass sie bei der Personensuche sich ggf. durch mehrere Melderegister wühlen müssen, weil die Kommunen nicht auf Auskunftsgebühren verzichten wollten. Beim BMF haben wir aber für die einheitlich Steuernummer, das aber nicht für Meldeauskünfte genutzt werden darf. Schildbürgerstreich. Nicht von Beratern.
Beim Markus Klimmer in der brandeins habe ich mich gewundert. In Berlin, als er bei McK war, habe ich mit ihm zusammengearbeitet. Das war zwar sehr frustrierend wegen des Landes, aber gewundert habe ich mich über seinen Frust doch sehr. Lag es auch daran, dass seine Arbeit für Steinmeiers Kanzlerkandidatur nicht so erfolgreich war wie seine Hilfe in Österreich? Ich finde es immer schade, wenn Menschen aussteigen, weil sie in ihrem Metier keine Hoffnung mehr haben, wie Klimmer im Public Service, wo es auf long distance running ankommt.
Zuletzt möchte ich noch ein Empfehlung geben gerade auch für die Ausbildung junger Menschen: Schickt die Leute ins Ausland, damit sie nicht im deutschen nationalen Sumpf versauern und Projekte gegen die Wand fahren, so wie zum Beispiel bei beA der Anwälte, ein Unsinn denn man in UK oder USA nicht braucht und trotzdem elektronisch mit Gerichten kommuniziert. Lasst nicht nach, die jungen auch an Effizienz zu gewöhnen. Es darf nicht weiter sein, dass EGov teurer und komplizierter ist als Papier, wie wir es die letzten 20 Jahre dummerweise gestaltet haben.
Trotz der Verbesserungen, die Ihr bei der Beauftragung von Beratern plant, glaube ich nicht, dass die Berater der Kern unseres Stillstandes sind.
Wenn wir vorwärts kommen, dann am Ehesten mit Frauen und Männer aus dem Norden. Auch weil neben den Vorgaben von Max Weber die Pfeffersäcke auch die von der Verfassung gebotene Wirtschaftlich im Auge haben!
Gutes Gelingen und Danke für die Anregungen!

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RE: Plädoyer für einen Code of Conduct
10.09.2019 16:43

Das Übel hat viele Wurzeln, um mal einmal vier zu nennen, von denen einige nicht so häufig genannt werden:
1. Die Ressourcen und/oder Kompetenzem für IT-Ausschreibungen sind in vielen Verwaltungen des ÖD schlicht nicht ausreichend vorhanden, um zu guten Ausschreibungsergebnissen zu kommen
2. Große Beratungshäuser und IT-Dienstleister/Anbieter haben zu viel Macht und diktieren zum Teil die Ausschreibungen/Projekte - in ihrem Sinne. Ein Unding ist, dass Vertreter großer Anbieter wie bspw. Microsoft sogar in Gremien sitzen und die auszuschreibenden Projekte mit definieren, die sie dann später auch gewinnen.
3. Die Kriterien bei IT-Ausschreibungen sind nicht selten nicht geeignet, politischen Vorgaben wie bpsw. Energieeffizienz (Green IT), Systemoffenheit/-Flexibilität, Sicherheit umsetzen zu helfen, auch haben unabhängige Berater und kleinere Lösungsanbieter kaum eine Chance
4. Der Begriff IT-Beschaffung alleine führt schon zu dem Problem, dass die fortlaufende Pflege und Weiterentwicklung/Aktualisierung zu wenig berücksichtigt wird. Beschaffung spielt insgesamt eine immer geringere Rolle, s. Mietlösungen, SAAS, ASP, Cloud.
Die Liste ließe sich noch lange weiterführen, was viele andere Kommentare darlegen (werden).

Thomas Klauß X.0 # Public service digital (unabhängiger Digitalisierungsberater

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