Thema: Humanistische Realpolitik für das digitale Zeitalter

erstellt am: 14.12.2016 10:18

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Was würde Cicero tun?
Humanistische Realpolitik für das digitale Zeitalter


Manipulierte eMails und gefakte Facebook-News – der amerikanische Wahlkampf hat deutlich gezeigt, dass Politik mit demokratischem Anspruch sich dringend mit den Folgen des Kommunikationszeitalters befassen muss, will sie nicht populistischen Hasardeuren unterliegen.

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philippmueller@gmail.com





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Kommentar zu: Humanistische Realpolitik für das digitale Zeitalter
14.12.2016 10:18

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RE: Humanistische Realpolitik für das digitale Zeitalter
14.12.2016 19:35

Es gibt Vieles schon dass Niemand gedacht haette. Trump. Aleppo. Was in der Türkei los Ist. Ein politisches Macro-Vision der Digitalisierung dauert zu lang. Wir haben uns schon Selbe uebrrholt. Individuum und Firmen werden in selbst Interesse den Takt setzen. Hinterher und schnellstmöglich wird und muss die politische MacroUmfeld sich Formen. Die fundamentale physische Gesetze bleiben gleich (Tevhnologie hin oder her),. Wie die Schwerkraft beim Skifahren...die Techmologie wirkt sich aus wie Bergen die immer steiler werden und Sessellift die immer schneller werden (analog gemeint). In short, we Must be good at our basic game in the first place.

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woksoll





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RE: Humanistische Realpolitik für das digitale Zeitalter
14.12.2016 19:57

Dazu will ich gerne ein paar Punkte sagen:
1.) Cicero. Robert Harris hat uns in seiner Cicero-Trilogie wissen lassen, dass der rationale Verstand gegen den brutalen Machtwillen Caesars und Octavians verloren hat (und Cicero wie Macchiavelli zeitweise in Exil musste). Die feine Analyse in der bürgerlichen Republik gelang nicht. Sondern Caesar und seine Nachfolger vernichteten die Republik und schufen als Vorstufe zum Untergang ein Kaiserreich. So wie die USA im Iran 1953 durch die CIA die Demokratie abschaffte, um ein Königreich mit dem Schah zu errichten, was dem Iran letztlich den Gottesstaat mit den Mullahs brachte.
2.) Luther. Luther war kein Reformer, sondern ein fundamentalistischer Zersetze, der die Christenheit spaltete mit seinem angeblichen Blog. Europas Bevölkerung wurde dezimiert in den 30 Jahren Religionskrieg. Die Spaltung und Zersetzung hält bis heute an. Zudem war Luther ein regionaler Populist, der sich der Weltsprache entzog und das Deutsch zu seiner Sache machte bis hin zum Vulgären (Warum rülpset und furzet Ihr nicht?). Der Buchdruck aber führte dazu, dass den Menschen eine ungeahnte Kommunikation erwuchs, die sich in Aufklärung Luft machte und das Christentum neben der Zersetzung durch Luther weiter zurückdrängte.
3.) Realpolitik. Diesen begriff assoziieren viele mit Kissinger, der seine Dissertation über den Wiener Kongress machte, wo es darum ging, den Fortschritt zu hemmen und den Adel zu retten. Kissinger steht für eine ungeahnte Vernichtung von Menschenleben, die nach den Nazis die zweitgrößte ist. Alleine in Vietnam wurden 5 Mio Menschen getötet, wo Kissinger auch noch die Friedensverhandlungen in Paris hintertrieb, um ohne Rücksicht auf Menschenleben Nixos Wahl zu sichern. Für Realpolitik stehen heute Namen wie: Hiroshima, My Lai, Anthrax (Kissingers Vorschlag für Jugendaufstände in Pakistan), Kunduz, Syrien, Irak, Libyen, Abu Ghraib, Aleppo (durch die CIA in einen Bürgerkrieg geführt), usw. Ich würde den Begriff Realpolitik nicht verwenden. An ihm klebt seit Kissinger zu viel Blut, das er offenbar auch durch seine Vorschläge für eine (amerikanische ) Weltordnung weiter munter vergiessen lassen möchte.
4.) Habermas. Wie ich schon erwähnte hat Habermas immer noch keine schlüssige Theorie, die Handeln begründen könnte, sondern nur Emotionen, die sein Handeln begründen. Nach wie vor vermisse ich den Blick auf Luhmann mit seiner soziologischen Systemtheorie. Kern ist, dass Luhmann Gesellschaften nicht auf Ansammlungen von Menschen begründet, sondern auf Kommunikation. Ohne Kommunikation keine Gesellschaft. Die aber verändert sich explosionsartig, wenn sich die Kommunikationstechnik ändert (siehe oben Buchdruck). Die Spaltung der Christenheit durch Luther hat wesentlich weniger Bedeutung als der Buchdruck, dem Schulpflicht folgte, damit die Bauernkiinder auch in der Industrie eingesetzt werden konnten, so dass aus den in der Landwirtschaft tätigen 90% heute 3% wurden und ein Vielfaches an Wohlstand, als als Ergebnis der zersetzenden Religionskrieg. So redet dann der Luhmann-Schüler Dirk Baecker ganz unaufgeregt davon, das sich die Gesellschaft eben damit auseinander setzen muss, dass der Souverän seine Meinung nicht nur auf dem Stammtisch unter Alkoholeinfluss äußert sondern in den Sozialen Medien öffentlich. Die klassischen Meinungsmonopolisten wie Politik und Presse sind entsetzt, dass ihre Meinungshoheit zugunsten der Meinung des demokratischen Souveräns schrumpft. Die Hysterie dieser beiden Traditions-Splittergruppen führt dann dazu, dass über Algorithmen, Echokammern und Fake-News Verschwörungstheorien in Umlauf gebracht werden, die nur von der Erarbeitung von ordentlicher Politik wie Rüstungsabbau, Energiepolitik, Bildungspolitik, bedingungslosen Grundeinkommen, um die Kaufkraft und somit den Kapitalismus zu retten, ein Beenden der Umverteilung von unten nach oben durch Panama, Abschaffung der Erbschafts- und Vermögenssteuer und Erhöhung der Mehrwertsteuer von 16 auf 19% abzulenken. Natürlich ist der Souverän nicht so blöd, wie er von den Medien und Cambridge Analytics als Volltrottel hingestellt wird, den man durch ein bisschen Pillepalle auf Facebook steuern könnte. Das ist der alte irrationale Glauben an Command and Control, mit dem Francis Fukuyama die Amis in den Irak hetzte, um dort nach US-Gustos die neue irakische Gesellschaft zu bauen. Was misslang, wie wir im Islamischen Staat und 4 Mio Flüchtlingen aus Syrien sehen (3 Mio für die Türkei, 1 Mio für uns). Da helfen auch unsere Waffenlieferungen an Kriegsverbrecher wie die Saudis und Kriegseinsätze von unserer Luftwaffe und Marine an den den Bombardierungen Syriens durch die Türkei und Frankreich nichts. Habermas hat dafür keine Ansätze. Das jüngste Interview von Dirk Baecker findet man hier:
http://www.egovernment-computing.de/humanistische-realpolitik-fuer-das-digitale-zeitalter-a-567420/
Die ökonomischen Gründe, die die erodierende Mittelschicht in die Arme von Populisten wie Trump, Brexit, Le Pen, AfD, usw. treibt, habe ich hier beschrieben:
http://wk-blog.wolfgang-ksoll.de/2016/08/26/zerstoeren-kuenstliche-intelligenz-und-roboter-den-kapitalismus/
5.) Blockchain: das wird in Deutschland nichts. Sieh Dir an, wie wir E-Government ohne Sinn und Verstand zu Tode reguliert haben, so dass nichts läuft. Wie soll da national eine Blockchain reguliert werden. Das einzige, was wir können, ist es Heerscharen von Abmahnanwälten in Trab bringen, die mit Studenten in Hinterzimmern die Bit-Torrent-Technologie, einer der Vorläufer der Blockchain, in den Tod getrieben haben. Dein Vorbild Macchiavelli war da in der realpolitischen Analyse pragmatischer
6.) Cloud. Da hast Du recht. Schon 2011 recherchierte und veröffentlichte ich, dass die Cloudtechnologie einsatzbereit ist und in den USA viele zehntausende Beamte in Bundesministerin dort ihre Mailkörbchen in der Cloud von Microsoft und Google hatten. Aber auch da haben wir es geschafft, diese Technologien durch Projekte wie Trusted Cloud über 5 Jahre in Deutschland zu verhindern. Jetzt kommt es langsam mit Wucht. Von Microsoft und Amazon mit lokalen Rechenzentren hier. Hätten wir früher haben können, wollten wir nicht.
7.) KI. Die Technologie wird nicht datengetrieben. Wir haben heute Theorien, die uns Massendaten nutzen lassen. Auch zum Lernen der Maschinen. Aber aus den Daten kommt überhaupt nichts ohne ordentliche Theorie. Die Ethikdiskussion ist Hass gegen Technologie: Wenn ein Pilot 150 Menschen mit einem Flugzeug ermordet, dann haben wir keine ethische Diskussion, ob man Flugzeuge so bauen darf, das man sie zum Massenmord verwenden kann. Also ist es ethisch den Autopiloten abschalten zu dürfen? Wenn ein Fahrdienstleiter lieber seiner Spielsucht auf dem Handy nachgeht und damit viele Menschen tötet, dann haben wir keine Ethik-Diskussion, ob es ethisch ist, dass man nach 200 Jahren Eisenbahn, immer noch keine technischen Vorrichtungen hat, dass zwei Züge nicht auf dem selben Gleis gegeneinander rasen dürfen. Wir lassen putzmunter in Bad Aibling und im Emsland bei der Magnetbahn ohne jede Ethik Züge aufeinander rasen, so das das Blut der getöteten aus den Waggons spritzt. Immer wieder. Aber wehe im fernen Kalifornien, wo die ganzen erfolgreichen IT-Unternehmen sitzt, kommt ein Mensch zu Tode in einem computergesteuerten Auto, dann auf einmal erfinden wir die Ethik neu und gründen tausende Kilometer entfernt auf Bundesebene eine Ethikkommission, wobei uns die Ethik unserer technischen Systeme egal ist und wir der irrationalen Logik folgen, dass der Mensch über der Technik stehe, was in den Alpen mit dem Flugzeug und in Bad Aibling mit dem Zug widerlegt wurde. Aber Rationalität interessiert uns in unserem antiamerikanischen Hass nicht.
8.) IoT: mit dem jedes Atom im Universum grundsätzlich digital angesprochen und manipuliert werden solltest Du vielleicht noch mal bei Heisenberg und der Unschärfe nachsehen, auch wenn Du es nur metaphorisch meintest. Aber da werden tatsächlich viele neue Dinge auf uns zukommen. In einer Studie eruierte ich neulich, dass in Bangalore, dem Hightech-Zentrum Indiens, IoT-Devices in einen See gepackt wurden, um Temperatur, pH-Wert, Sulfat-Wert, Phosphatwert, Sauerstoffgehalt zu messen und auf einem Webserver zu veröffentlichen. Dagegen sprach ich mit einer deutschen Behörde, die Übersäuerung von Seen durch Pyrrhit-Eintrag maßen mit einem pH-Wert von 2 (steckst Finger rein, kommt Knochen zurück), die dann keck sagte, dass man mit der Freigabe von Daten restriktiver sei. Das werden sich aufgeklärte Bürger nicht weiter bieten lasen, wie wir auch gerade bei den Feinstaub-Messungen bei Hackathons sehen, weil Behörden mit den Daten nicht raus rücken, aber die Preise für die Messgeräte dramatisch sinken. Bei der Nitrierung des Grundwasser ist es ähnlich: die EU hat keine Böcke mehr, dass wir in unserer Fahrlässigkeit bei der Düngung landwirtschaftlicher Flächen Babies mit Blausucht gefährden, sondern wir gegen uns klagen,. EU-Vorschriften einzuhalten. So wie sie keine Bock mehr hatte unseren spinnerten Nationalismus hinzunehmen und mit eIDAS uns das Signaturgesetz um die Ohren haut. Es kommt jetzt weg. Hier haben wir aber die klassische Disruption, dass mit Preisverfall der Technik wir Gesellschaft neu organisieren müssen. Es wird nicht so weitergehen, dass wir wie im Urheberrecht den Nutzen des technischen Fortschrittes boykottieren, bis hin dazu dass HRK und KMK mit der VGWort die Bildung boykottieren wollten zum Schaden unsere Wohlstandes und auf Kosten der Bürger. Und sich gar erblödeten, dass sie in Schulen heimlich auf Servern Schüler und Lehrer ausspionieren wollten.
9.) Politiker müssen nicht lernen, die Klaviatur der Sozailen Medien zu bespielen. Sie müssen lernen, am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen, was früher nicht nötig war in den Hinterzimmern der Macht. Wer das nur machtpolitisch sieht, wird sich aufreiben und den Job als Politiker unattraktiv finden. Aber so ist Dienstleistung nun mal, insbesondere, wenn man die Ehre hat, für den Souverän arbeiten zu dürfen.
10.) Nimm einfach mal ein Szenario von Rifkin: eine Genossenschaft im ländlichen Raum will ihren Strom lokal mit Wind und Speicherung erzeugen. Die Windräder werden dezentral mit 3D-Druckern erzeugt und mit Open Source Bauplänen aus dem Internet. Organisation und Finanzierung lassen sich zu Grenzkosten von nahezu Null organisieren. Was fällt dann weg? Kapitalistische Strukturen für zentralen Bau der Bauteile mit hohen Kapitalkosten für die industrielle Fertigung. Kohle- und Atomkraftwerke. Leitungstrassen durch Bayern, die die nicht wollen. Profit bleibt bei den Genossen, Umverteilungsbürokratien in Banken und Versicherungen reduzieren sich. Die Stromproduktion schädigt weder das Klima, noch mit Resten die Umwelt. Das sind irrsinige Umwälzungen im Staat, merheren Politikfeldern. Das kriegst Du nicht mit Social Media weggepuffert, da musst Du richtig arbeiten. Sonst siegen die Populisten.
11.) Das Weiterschlafen wie bisher und sich ausruhen auf den wirtschaftlichen Erfolgen des Wirtschaftswunders wird teuer. Es geht auch nicht darum, das die Politik sich Vorwärts- oder Rückwärts-Verteidigen soll. Sie soll nur Gestalten und wie seit Jahrtausenden die Veränderung nicht behindern sondern formen. Dazu nimmt man seit Jahrtausenden die aktuell modernsten Technologien. Bronze und Eisen, Pflug, Buchdruck, Internet usw. Normal. Kein Grund für aufgeregte Hysterie, aber auch kein Platz fürs Durchpennen.
12.) Ich finde es gut, dass Du den Diskurs voran treibst, statt devot anderen nach dem Mund zu reden. Just das ist der Kern der Demokratie, die uns stark und wohlhabend gemacht hat. Cicero mit seinen gescheiterten Theorien wird uns nicht mehr helfen können. Wir werden selber denken müssen. Ist doch aber nicht so schlimm. Das haben die meisten in den letzten Jahrzehnten doch viel besser gelernt als vorher. Die Despoten bekommen wir nicht durch Gegenhalten weg, sondern in dem wir durch bessere Lösungen begeistern.
13.) Erst mal
* zuletzt geändert von: woksoll am 14.12.2016 um 21:14 Uhr *

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RE: Humanistische Realpolitik für das digitale Zeitalter
15.12.2016 19:52

Hallo woksoll,

da haben sie sich wirklich viel Mühe gegeben bei ihrer ausführlichen Antwort (Daumen hoch).
Ich klinke mich dennoch mal bei ein paar Punkten ein:

zu 1.) In the lonmg ru n hat Cicero aber mehr erreicht als die genannten und bekannter als Octavian ist auch m.E. auch... Nebenbei hat er ja einige Nachkömmlinge, denen es ähnlich ging: Marx, Gramsci und co.
zu 2.) Klar war Luther ein übler Populist und recht vulgär, andererseits hat er die Organisation, die über das Leben der Menschen damals entschied (selbst Kaiser kroochen auf Knien nach Rom) dazu gebracht anders zu handeln - er sorgte mit seiner Bibelübersetzung dafür, dass eben Kommunikation möglich wurde... Das bashing ist nicht schlusslogisch!
zu 3.) Kissinger ist in seiner aktiven Laufbahn sicherlich kein Kandidat für den Friedensnobelpreis gewesen - anderserseits muss man heute sagen, dass er als Politiker kein Arbeitsverweigerer war, wie die derzeit aktiven Gestalten... Chantal Mouffe fordert seit Jahrzehnten eine antagonistische Politik, aber wie soll man eine solche umsetzen mit lauter A-Politikern?
zu 4.) Ja, der liebe Herr Habermas - da ist vielen unschlüssig... Andererseits Denken wird durch Emotionen gesteuert, was ihren Einwand nicht unbedingt bestärkt (s. etwa die Arbeiten von Luc Ciompi)!
Mit Luhmann winken ist aber auch nicht einfach - sie selbst heben auf die Kommuniaktion als Steuerungselement ab, tragen aber in den ersten 3 Punkten jeweils Personen als Verursacher vor - ich habe da Luhmann anders gelesen, sorry.
zu 7.) Richtige Darlegung, aber der Schlusssatz ist auch kein Fortschritt...
zu 9.) Hinterzimmer oder Bühne ist doch egal - was wir brauchen sind Politiker! Frau Petry ist nichts anderes als die weibliche Version von Dieter Bohlen im TV - da schauen 8 Millionen zu, aber dies ist eine Zustimmungsquote von 10%... - die Weihnachtsansprache von Frau Merkel (oder redet die Sylvester?) werden auch nicht mehr schauen, weil es egal ist... Politik muss aus harten Kämpfen bestehen - um Inhalte für die Menschen zu generieren, dies darf m.E. auch in einem Hinterzimmer erfolgen, wenn man die Ergebnisse dann Allen darlegt - defakto wird ne Laberbacke ala Petry aber derzeit so gehypt, dass sie schon in den Hinterzimmern angelangt ist (d.h. nicht, dass man die Populisten nicht überall dort direkt angreifen sollte, wo sie bereits in den Parlamenten oder Stadtverordnetenversammlungen angelangt sind und auch nicht prophylaktisch im Bundestagswahlkampft - aber immo geriert sich die gesamte politische Elite derart, dass man sich fragen muss, haben die nicht auch ein eigenes Programm?).
zu 10.) Fazit stimmt, aber brauchen wir wirklich eine chosen segregation und eine kommunistische Revolution, wenn es um politische Fragen geht? Nach Marx heißt ja nicht unbedingt ohne Marx - aber auch nicht nur Marx, das hat R. Jaeggi ja deutlich herausgearbeitet!

Gruß
M. Günter

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woksoll





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RE: Humanistische Realpolitik für das digitale Zeitalter
16.12.2016 19:24

Hallo Herr Günter,
endlich kommuniziert man
Also ein paar Ergänzungen:
zu 1) Cicero hat nichts erreicht, ausser Bekanntheit in der Literatur. Das demokratische Imperium Romanum ging dahin durch die Leute die Cicero vordergründig besiegten. Das schlimme ist, dass die USA sich so sehr am Imperium Romanum bis hin zum Baustil orientieren. Wenn Sie den dritten Band von Robert Harris lesen, sehen Sie, was es für ein unwürdiges Verkriechen vor den Machthabern war.
2.) Luther hat mit der deutschen Übersetzung keine bidirektionale Kommunikation ermöglicht. Er hat sich sprachlich von allen Nichtdeutschen abgewandt und die Weltsprache Latein suspendiert. Es ist egal, ob es Latein, Französisch oder wie heute Englisch spricht. Aber man ist Zersetzer, wenn man eine globale Sprache durch eine regionale ersetzt. Das sieht man schön derzeit am E-Government in Deutschland: der Nationalismus hat das E-Government in Deutschland vernichtet.
Dass auch Bauern dann akkustisch die Bibel verstehen konnten, war ja noch keine Kommunikation. Luther hat seinen Fundamentalismus ex cathedra gepredigt und wer nicht für ihn war, war gegen ihn. Schlimmer als die grünen Fundis, so tödlich wie Bush, der Jüngere. Der Dreissigjährige Krieg war wesentlich Religionskrieg. Das ist kein Luther-Bashing, sondern Fakt. Er war Haupttäter der Spaltung und Zersetzung (neben anderen Fundamentalisten wie den Wiedertäufern in Münster, Tschechien und den Calvinisten in Süddeutschland Er hat die katholische Kirche kaputtgemacht und das Bett gemacht für eine absurde, unchristliche kapitalistische Ethik der Protestanten. Da ist Papst Franziskus wesentlich smarter.
3.) Manchmal vergibt man ja auch Friedensnobelpreis, um Monster vom Töten abzubringen. Hat bei Kissinger leider nicht geklappt. Der Arbeitseifer ist egal, auf das Ergebnis kommt es an. Und da ist Kissinger für die Menschheit eine Katastrophe. Die Massenmorde in Vietnam und Nachbarstaaten, das Unterstützung des Kriminellen Pinochets, 1975 die Empfehlung, aufmüpfige Jugendliche mit Anthrax zu vernichten, usw. Kissinger ist durch und durch brutal und opportunistischer Populist. Seine Werke aber sind Grütze, auch die neueren über China (wo er nichts gestaltet hat, sondern auf die Chinesen nur reagiert) oder die brutalen Halluzinationen über seine (amerikanische) Weltordnung. Bei dieser menschenverachtenden Brutalität ist Fleiß keine Entschuldigung. Sein Brutalisierung hat schon im WWII angefangen, als er als Geheimdienstagent im CIC-Attachment hinter den Linien operierte. Und er ließ sich von Rockefeller fördern, der gerade vorher noch die Forschung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Dahlem zur Eugenik mit jüdischen Zwillingen durch Josef Mengele in Auschwitz bezahlt hatte.
4.) Ja. Luhmann ist nicht so einfach. Deswegen meiden ihn ja so viele.
Bei den drei Figuren oben geht es mir nicht um die individuellen Figuren, sondern darum, wie sie ihre sozialen Systeme zerstört haben. Cicero hat durch schöngeistige Rhetorik keinen Beitrag zur Einheit des Imperium gemacht, Luther die Spaltung herbei gepredigt, Kissinger die USA in de Abgrund geführt. Seit 1970 geht es bergab, nicht die diplomatische Kommunikation sondern die brautale militärische GEwalt haben die Vernichtung herbeigeführt. Fukuyma kennt Luhmann nicht und hat den Irak in den Abgrund gerissen, was die USA degradiert hat. Die USA kommen nicht mehr mit den Folgen ihrer Irakplünderung zurecht. Der CIA-Einsatz gegen das Regime in Syrien durch Obama ging voll in die Hose. Aber bei der Befreiung Syrien von dem IS spielen die USA keine Rolle mehr. Und man kotzt voller Hass gegen Russland, die den Job machen müssen. Und dabei verteidigen die Russen nicht mal die westlichen Werte wie die USA in Hiroshima, wo man einfach mit einer einzigen feigen Bombe aus der Luft 100.000 Frauen, Kinder, Alte; Wehrlose pulverisiert. Schneller als in den Öfen von Auschwitz, schneller als die Russen in Aleppo. Das soziale System, das sich nur durch Kommunikation konstituiert kollabiert durch den Verzicht auf Kommunikation. Mit dem durch die USA geschaffenen IS hat man nicht mal diplomatische Beziehungen. Man lässt nur feige Bomben aus der Luft sprechen. Mit einer waffenbasierten Kommunikation betreibt man aber keine Luhmannschen sozialen Systeme, sondern vernichtet sie. Ich empfehle, den Luhmann-Aspekt noch mal zu überdenken. Ohne Personenkult, sondern mit den Kommunikationen bei 1.-3.
7.) Nein, der Schlusssatz ist ja richtig, wie das Ergebnis der Diskussion ja zeigt:
Die Zersetzer haben sich mit ihren perversen Methoden, gegen Bildung und Wissen gerichtet, auch dieses Mal nicht durchsetzen können:
https://netzpolitik.org/2016/unirahmenvertrag-offenbar-uebergangsloesung-gefunden/
9.) Ich stehe nicht so auf Personenkult. Das ist mir zu Retro. Die Florentiner hatten zur Zeit von Macciavelli einen Rat von 500. Da ist das egal, wenn mal eine Person ausfällt. Es sind nicht die Personen, sondern die Themen, die das Übel bringen: wenn die neoliberale Ideologie den Mittelstand ökonomisch vernichtet, dann ist es egal, welcher Populist die Ernte einfährt. Ob Petry, Trump oder Le Pen. Die Katholiken hatten das richtig erkannt. Mea culpa. Wir haben ihnen das Bett gemacht mit unserer Duldung der Umverteilung von unten nach oben. Just heute erblöden sich die Briten trotz Brexit sich gegen den Kampf gegen Steuerparadiese für Steuerkriminelle aufzulehnen. Ein demokratisches Parlament will reiche Steuerkriminelle schützen. Absurd.
10.) Marx spielt keine Rolle mehr. Der ist auch zu Retro. Wir haben doch heute ganz andere Phänomene durch die Digitalisierung: alles was digitalisiert wird, ist kaum noch geheim zu halten. Sei es die Folterei in Abu Ghraib, die CDs mit den Daten der Steuerkriminellen, die Totalüberwachung durch Kriminelle von NSA und BND, die perversen Kommunikationen von Diplomaten, die unkoscheren Geschäfte der Hillary Clinton, usw. Personenkult ist da Retro. Und Politiker zu sein ist ein anstrengender, immer unattraktiv werdender Job. Wir müssen sehen, ob wir denen helfen können oder sonst Ausfallsicherungen bauen, wenn die nicht mehr zurecht kommen. Die Eliten zu Ciceros Zeiten waren wie in Griechenland winzige Teile der Gesellschaft. Heute braucht es ganz andere Kommunikationen in einer Massengesellschaft, die ihre Kommunikationen weltweit elektronisch vernetzt hat. Der Souverän braucht keine Filterbubble mehr. Das ist schwierig. Und man muss sich den Problemen damit auch mental stellen und nicht die Heldenmetapher der Vergangenheit revitalisieren.

11.) Aber man sieht ja auch hier: wir kommunizieren. Offen, theoretisch (technisch) weltweit. Es geht. Und das ist gut so.
* zuletzt geändert von: woksoll am 16.12.2016 um 19:56 Uhr *

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RE: Humanistische Realpolitik für das digitale Zeitalter
12.01.2017 16:52

Danke für die tolle Diskussion, die ich erst gerade entdeckt habe (im Cafe neben dem Globe Theater in London). Bin bei dir, dass wir das Gespräch führen müssen!

Ich rekurriere auf historische Figuren, um die Szenerie auszumalen, auf der es Platz zum gestalten gibt. Denn nur wenn wir die heroische Annahme machen, dass Menschen Strukturen verändern können, kann man zum handeln auffordern. Das das strukturalistisch (oder biologistisch) kritisierbar ist, ist mir klar.

Spiele doch mal mit dem Luther vom Economist: http://www.economist.com/news/europe/21713843-500th-anniversary-95-theses-finds-country-moralistic-ever-how-martin-luther-has?fsrc=scn/tw_ec/how_martin_luther_has_shaped_germany_for_half_a_millennium

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