Nutzung sozialer Netzwerke zur Bürgermeisterwahl in NRW Facebook & Co.als Wahlhelfer

Autor / Redakteur: Franz-Reinhard Habbel / Manfred Klein

Am 13. September werden in Nordrhein-Westfalen mehr als 100 Bürgermeister und Landräte gewählt. Welche Kommunikationsmittel nutzen die Kandidaten im Zeitalter sozialer Netzwerke, um die Menschen in die Wahllokale zu locken? Und ist die digitale Ansprache des Bürgers geeignet, Politikverdrossenheit zu beenden?

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Das Wahlergebnis lässt sich durch Social-Media-Aktivitäten beeinflussen
Das Wahlergebnis lässt sich durch Social-Media-Aktivitäten beeinflussen
(Bild: JiSign_Fotolia.com)

Die Zeiten, als Wahlplakate, samstägliche Informationsveranstaltungen und eine Veröffentlichung des Wahlprogramms mit Foto des Bürgermeisterkandidaten in der Lokalzeitung ausreichten, um Menschen zur Wahlurne zu bewegen, sind vorbei. Inzwischen gehören auch Debatten und Podiumsdiskussionen mit den Kandidaten, „Wahlkampfreisen“ durch die Stadtviertel, Fragerunden mit Bürgern oder der Besuch von strategisch wichtigen Veranstaltungen, wie etwa Sportevents, Spendenbasaren und Sommerfesten zum Pflichtprogramm.

Das Motto heißt: Präsenz und Bürgernähe zeigen. Junge Parteimitglieder zu koordinieren, damit die Plakate auch im gesamten Stadtgebiet verteilt wurden und Flyer für die Infostände drucken zu lassen, wird heute oft durch mehrköpfiges, professionalisiertes Team sichergestellt.

Wahlkampf einst und heute

Auch die Organisation des Wahlkampfs hat sich stark gewandelt. Wo es früher ausreichte, Wahlkampfteams zu beschäftigen, die die Strategie festlegen und an der Programmaufstellung mitwirkten, bieten jetzt Beratungs- und Marketingagenturen verschiedene Bausteine an. Der kommunale Wahlkampf ist längst zu einer Dienstleistungsmaschinerie und einem umkämpften Markt geworden!

Durch die zunehmende Digitalisierung und den Wandel der Kommunikationsmöglichkeiten tun sich für die Wahlkandidaten neue Chancen auf, bestimmte Zielgruppen, insbesondere jüngere Wähler, besser zu erreichen.

Es eröffnet sich ein buntes Spektrum an Möglichkeiten, um Pluspunkte bei den Bürgern zu sammeln, Imagepflege zu betreiben und sich durch die Nutzung von sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Instagram als moderner, weltoffener Bürgermeisterkandidat zu profilieren.

Die Taktiken der großen Kommunen

Die folgenden Beispiele aus verschieden großen Kommunen in NRW, sollen deutlich machen, wie Bürgermeisterkandidaten die Möglichkeiten der Digitalisierung für ihren Wahlkampf nutzen, insbesondere um die „Generation Facebook“ anzusprechen und um zu zeigen, welche Vorteile und Chancen die Nutzung sozialer Netzwerke und der digitalen Welt bietet.

In der knapp 300.000 Einwohner zählenden Stadt Münster wird der Wahlkampf zu einem beachtlichen Teil auch digital geführt und ergänzt so die „konventionelle“ Methode auf eine harmonische Art und Weise.

So ist der amtierende Oberbürgermeister Markus Lewe in hohem Maß online aktiv. Neben einer Website, die heute eigentlich für jeden Politiker Pflicht ist, betreibt Lewe einen Blog, in dem der Leser unter anderem über den Wahlkampf und das Wahlprogramm auf dem Laufenden gehalten wird. Bei Bedarf kann man auch einen Newsletter abonnieren. Außerdem präsentiert sich der CDU-Kandidat bei Facebook, Twitter und Instragram, wo er regelmäßig zu (Wahl-) Veranstaltungen einlädt, Bilder postet oder Aktivitäten bei Twitter kommentiert.

Das Thema Digitalisierung und Kommune taucht auch in seinem Wahlprogramm auf, das man als PDF downloaden kann. So unternahm er beispielsweise einen digitalen Stadtrundgang mit interessierten Bürgern.

SPD-Kandidat Jochen Köhnke veranstaltet ein Selfie-Gewinnspiel, um junge Wähler für sich zu gewinnen, bei dem die Gewinner ausschließlich über Facebook benachrichtigt werden.

In der Ruhrgebietsmetropole Essen nutzt der amtierende Oberbürgermeister Reinhard Paß Facebook, um die Wähler virtuell über seinen Wahlkampf auf dem Laufenden zu halten. So postet er Bilder und Videos von Veranstaltungen und antwortet persönlich auf Nutzerkommentare. Auch auf seiner Website findet man alle Aktivitäten und Inhalte zum Wahlkampf, sowie das Wahlprogramm. Zusätzlich berichtet Paß aus seinem Privatleben und stellt entsprechende Fotos online.

CDU-Kandidat Thomas Kufen präsentiert sich und sein Wahlprogramm in einem professionellen Youtube-Video, das ihn bei verschiedenen Aktivitäten begleitet, wie beispielsweise auf der Fahrt zur Arbeit, bei Gesprächen mit Menschen auf der Straße, beim Fußball oder Boxen mit Jugendlichen. Zudem ist er bei Twitter, Facebook und Google Plus aktiv und präsentiert sich auch ausführlich auf seiner Website.

Die Kandidatin der Grünen, Gönül Eglence, ist bei Twitter und Facebook aktiv und postet nicht nur kommunal- und wahlkampfspezifisch, sondern kommentiert und liked auch internationale oder nationale Themen, teilweise auch auf Englisch. Neben den Informationen auf ihrer eigenen Website, wird sie zusätzlich vom Kreisverband Essen unterstützt, der ihre Vita, das Wahlprogramm und Ankündigungen zu Veranstaltungen ebenfalls auf seiner Internetseite veröffentlicht hat.

Kleinere Kommunen

Auch in kleineren Kommunen wie der rund 33.500 Einwohner zählenden Stadt Geldern, hat der digitale Wahlkampf Fahrt aufgenommen. Die Bürgermeisterkandidatin Hanneke Hellmann betreibt eine Homepage, auf die sie auch ein Video gestellt hat, das Filmsequenzen von Veranstaltungen mit Musik und Schlagworten untermalt. Außerdem ist Hellmann bei Facebook aktiv, wo sie viele Fotos von ihrem Wahlkampf postet.

Auch der amtierende Bürgermeister Ulrich Janssen ist bei Facebook und Twitter sehr umtriebig und postet auch allgemeine Informationen für Bürger, in denen er zum Beispiel an den Schulanfang erinnert oder an die Autofahrer appelliert, Rücksicht zu nehmen. Außerdem nutzt und erstellt er für seinen Wahlkampf Videos, die auf einer ganzen Reihe von sozialen Netzwerken wie zum Beispiel reddit, Pinterest, Digg, Livejournal oder Skyrock geteilt und verbreitet werden können.

Für die Initiative „Mehr Demokratie wagen“ bewirbt sich Anke Knopp um das Amt der Bürgermeisterin in Gütersloh. Sie nutzt intensiv verschiedene digitale Kanäle und Instrumente für ihre Wahlkampagne. Neben einer eher wahlkampforientierten Homepage, betreibt sie auch den Politik-Blog „Blickpunkt aus Gütersloh“, auf dem sie regelmäßig Artikel primär zu kommunalen Themen veröffentlicht.

Hier besteht für die Möglichkeit, diese bei Netzwerken wie Google oder Pinterest zu teilen und so zu verbreiten. Bei Twitter und Facebook ist Knopp ebenfalls außerordentlich aktiv und postet beinahe täglich Artikel, Veranstaltungsfotos sowie Videos und Podcasts mit verschiedenen Inhalten wie Interviews oder Bürgergesprächen. Letztere sind auch auf ihrem Soundcloud Account zu finden.

Die Beispiele sollen die Möglichkeiten, Chancen und die daraus resultierende Aufwertung verdeutlichen, die durch eine Ergänzung des traditionellen Wahlkampfs mit digitaler Kommunikation entsteht, nämlich auch junge Wähler mitzunehmen, zu integrieren und wieder für die Kommunalpolitik zu begeistern.

Oft resultiert die „Null-Bock-Haltung“ der Jugendlichen aus der Nutzung von Kommunikationsmitteln, die sie nicht ansprechen und oft gar nicht mehr nutzen weil sie schlicht „out“ sind. Welcher Jugendliche liest noch die Lokalzeitung oder bleibt am Parteistand stehen, um sich das Wahlprogramm erklären zu lassen? Sie leben und kommunizieren online und schon sechsjährige nutzen Smartphone und Tablets mit einer Selbstverständlichkeit, die erahnen lässt, dass dieser Trend anhalten und sich verstärken wird.

Die Lebenswelt von morgen wird digital sein, was sich auch heute schon in immer stärkerem Maß abzeichnet. Man denke nur an Onlinebanking, die tendenzielle Verlagerung des Soziallebens in soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter, das unentbehrlich gewordene Smartphone oder das aktuell umstrittene Thema des Sammelns von digitalen Gesundheitsdaten über die Apple Watch.

Chance Digitalisierung

Indem Kommunen und Kommunalpolitiker das Thema Digitalisierung und soziale Netzwerke ignorieren oder nur halbherzig angehen, tun sie sich keinen Gefallen und riskieren, die Wähler von morgen zu verlieren und das Vorurteil der „verstaubten Verwaltung“ zu bestätigen.

Der Bürgermeister der Stadt Arnsberg, Hans-Josef Vogel, zieht aus dem Problem im Rahmen des Projekts „Generation Zukunft Arnsberg“ eine zentrale Botschaft für seine Stadt und wählt deutliche Worte, um die Dringlichkeit des Handlungsbedarfs zu betonen: „Wir werden zukünftig online und mobil mit jungen Leuten kommunizieren. Wenn wir dies nicht tun, diskriminieren wir Jugendliche.“

In dieser Aussage steckt die wichtige Erkenntnis, dass Webpräsenz heutzutage zum Repertoire des modernen Kommunalpolitikers zählen sollte. Dies gilt umso mehr im Wahlkampf, wenn es um jede einzelne Stimme geht.

Social Media will gepflegt werden

Jedoch bedeutet Webpräsenz nicht, eine Website, einen Facebook- und/oder Twitteraccount oder einen Blog zu erstellen und dann sich selbst zu überlassen. Eine Homepage, die nicht auf dem neusten Stand oder eine „pro forma“ Facebookseite, die praktisch inaktiv ist und auf der keine regelmäßigen Postings, persönliche Kommentare oder das Teilen von Artikeln zu finden sind, werden für die Nutzer schnell unattraktiv.

Es gilt, sich komplett auf das Medium einzulassen, das heißt auch, aktiv zu kommunizieren. Nicht umsonst heißt es „soziales Netzwerk“. Es muss regelmäßige Kommunikation und Interaktion stattfinden, um sein Potenzial voll auszuschöpfen. Gerade im Wahlkampf bieten soziale Netzwerke die Möglichkeit, in kürzester Zeit eine große Anzahl von Menschen über beispielsweise Veranstaltungen zu informieren.

Nicht zuletzt sind soziale Netzwerke sehr gut geeignet, um Bürgernähe zu praktizieren, etwa durch das individuelle Eingehen auf Nutzerkommentare. Auch Lerneffekte für die Kandidaten sind aus der Kommunikation sozialer Netzwerke nicht zu unterschätzen.

Generell gilt: Ein bisschen Facebook gibt es nicht. Sonst besteht die Gefahr, das geweckte Bürgerinteresse wieder zu verlieren. Der digitale Wahlkampf muss mit dem gleichen Enthusiasmus und Herzblut geführt werden, wie der „Straßenwahlkampf“. Dann wird es möglich, wirklich alle Wählergruppen zu erreichen und so die Basis für eine erfolgreiche Kommunalwahl zu schaffen, bei der die Wahlbeteiligung vielleicht wieder an die „Spitzenwerte“ vergangener Tage erreicht.

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