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Strategien für eine europäische Digitalwirtschaft

„Europa muss seine Kräfte bündeln“

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Künstliche Intelligenz braucht Bildung

Europa muss seine traditionelle Ingenieurskraft, seinen Erfinderreichtum und seine technologische Kreativität in Stärkefeldern investieren, mit denen auf Umwegen die Souveränität des Kontinents gesichert werden kann. Dazu zählen die erwähnten Standards und Sicherheitslösungen ebenso wie digitale Dienstleistungen, mit denen Basistechnologien aus anderen Teilen der Welt erst zu massentauglichen Industrieprodukten veredelt werden. Mit dem Durchbruch des Internets der Dinge rückt die künstliche Intelligenz (KI) immer stärker in den Mittelpunkt.

Da KI den Technologie-Wettlauf im nächsten Jahrzehnt mitentscheiden wird, muss Europa jetzt seine Kräfte bündeln, um echte Innovationen bei neuralen Netzwerken, bei Deep Learning oder bei Natural Language Processing anzustoßen. Das europäische Netzwerk der Technischen Universitäten ist mit seinen Lehr- und Forschungsprogrammen auf diesen nächsten Schritt der digitalen Technologie-Innovation ganz gut vorbereitet. Wir müssen jetzt nur gemeinsam mit schon bestehenden Industrie-Clustern und Technologie-Hubs unsere Anstrengungen weiter verdichten, damit Europa Mitte der Zwanziger Jahre über Technologiehoheit bei AI verfügen und unsere Digitalwirtschaft zu weltweit respektierten Lieferanten von KI ausgebaut werden kann.

Wer bei künstlicher Intelligenz auf Weltklasse-Niveau mitspielen möchte, muss auch über die entsprechende digitale Workforce auf höchstem Level verfügen. Derzeit fehlen in der EU rund 350.000 Experten in den Bereichen Data Science und Big Data-Analyse, um die wissenschaftliche Forschung bei künstlicher Intelligenz oder Cyber Security vorantreiben zu können. Es muss uns in Europa daher gelingen, möglichst früh Begeisterung für MINT-Fächer zu wecken und digitale Literalität als Basisqualifikation neben Schreiben, Lesen und Rechnen zu etablieren.

In einem altersgerechten Aufbaukonzept haben wir dafür Sorge zu tragen, dass Heranwachsende frühzeitig in die Welt der Informatik eingeführt werden, gestützt von der Vermittlung der erforderlichen Mathematik- und Physikkenntnisse. Einen weiteren Schwerpunkt müssen wir darauf verwenden, das derzeit größtenteils brachliegende Reservoir an naturwissenschaftlichen begabten Mädchen durch entsprechende Anreiz- und Fördermaßnahmen anzuzapfen.

Nur dann wird es möglich sein, dass junge Europäerinnen und Europäer nicht nur Internet, Apps und Spiele nutzen, sondern auch über die dahinter liegenden Strukturen und Algorithmen Bescheid wissen. Und nur dadurch können sie selbst digitale Inhalte erstellen und bestens vorbereitet in einem Informatikstudium weitere digitale Führungskompetenz aufbauen.

Kein Ausverkauf europäischer Start-ups

Start-ups tragen zum Wachstum der Wirtschaft bei und sorgen für Beschäftigung. Nur aus einem richtig konzipierten Start-up-Ökosystem können europäische Digital-Champions entstehen, die mit der Geschwindigkeit des globalen Technologiewandels Schritt halten können. In dieser Hinsicht war Europa in den letzten Jahren ziemlich erfolgreich.

Zwischen 2012 und 2017 ist das Tech-Investment in Europa von 3,6 Mrd. Euro auf 17 Milliarden angewachsen. In den drei großen europäischen Start-up-Metropolen London, Paris und Berlin wurden 2017 in diesem Segment 7,1 Mrd. Euro lukriert. Trotzdem hat Europa Aufholbedarf. Von den 2018 weltweit existierenden 266 „Unicorns“, also in Privatbesitz befindliche Start-up-Unternehmen des Tech-Sektors mit einem Unternehmenswert von mehr als einer Mrd. US-Dollar, kamen nur 41 aus Europa, darunter der Musik-Streaming-Dienst Spotify und der Retailer Zalando.

Mindestens gleichbedeutend wie die Gründungsförderung durch Venture Capital und das Aufsetzen erfolgsversprechender Business-Pläne in der Seed- und ersten Wachstumsphase ist aber die Transformation eines Start-ups in ein nachhaltig agierendes Unternehmen.

Wenn wir echte Wertschöpfung bei industrieller Digitalisierung anstreben und das aufgebaute Know-how bei Anwendungen im Bereich künstlicher Intelligenz für verschiedenste Einsatzszenarien bewahren wollen, dürfen wir in Europa dem im Silicon Valley häufig praktizierten schnellen Verkauf einer genialen Tech-Idee an große Unternehmen nicht folgen.

Die Forcierung einer Kultur, in der Unternehmen als Motoren von Innovation und gesellschaftlichem Fortschritt wahrgenommen werden, wird daher in den nächsten Jahren zu einer Schlüsselfrage der europäischen Digitalökonomie. Parallel zur umfassenden Vorbereitung junger Menschen auf die Herausforderungen unserer digitalen Gesellschaft über IT-Skills müssen wir auch die Attraktivität des Unternehmertums und die dafür erforderlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten im Verlauf des Bildungszyklus besser vermitteln.

Fazit

Wir brauchen heute mehr als nur kreative Start-ups, wir brauchen Unternehmen, die sich ihre Anfangsbegeisterung erhalten und ihre Ideen laufend in Abhängigkeit ihres oft volatilen Marktumfeldes weiterentwickeln. Nachhaltigkeit entsteht nur durch Ausdauer und Reifung. Und nachhaltige Unternehmen sind der beste Schutz gegen eine Abwanderung von Know-how in der europäischen Tech-Industrie. Wenn es uns gelingt, das spannende Berufsfeld selbständigen Unter­nehmertums und das Abenteuer Wirtschaft mit seinen Entfaltungsmöglichkeiten so zu bewerben, dass junge Menschen den Mut fassen, nach einer gediegenen Ausbildung ihre Selbstverwirklichung mit einem eigenen Betrieb zu suchen, brauchen wir uns um die gesellschaftliche Wertschätzung und ein innovationsfreundliches Klima nicht mehr sorgen.

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