Brexit

EU-Austritt trifft deutsche Medtech-Industrie

| Autor: Kathrin Schäfer

Mit welchen Auswirkungen müssen Medizintechnikfirmen jetzt rechnen?

Während die Reaktionen von Medizintechnikfirmen also je nach Betroffenheitsgrad variieren, geben Branchenverbände bereits erste Einschätzungen, können Risiken für die Branche benennen. „Der Brexit hat zu einer Verunsicherung der Märkte geführt, unklar ist zudem, wie lange die Hängepartie anhalten wird. Dies alles wird sich negativ auf das Konjunkturklima insbesondere in Europa auswirken. Auch wenn ein Austritt Großbritanniens aus der EU angesichts der Vorhersagen nicht unwahrscheinlich war, hat das Ergebnis dennoch überrascht – auch uns. Wir hatten bis zuletzt auf einen anderen Ausgang des Referendums gehofft“, beschreibt Spectaris-Geschäftsführer Dr. Tobias Weiler die aktuelle Stimmungslage.

Weiler sieht negative Effekte auf das reale Bruttoinlandsprodukt und damit verbunden eine schwächere Investitionstätigkeit im Gesundheitswesen auf Großbritannien zukommen. „Auf globaler Ebene schwäche der Brexit die Verhandlungsposition der EU gegenüber Dritten, wie zum Beispiel in Sachen TTIP gegenüber den USA“, so Weiler weiter. Im globalen Wettbewerb seien stabile Gemeinschaften und gut funktionierender Binnenmärkte ohne Handelshemmnisse wichtiger denn je.

Inwiefern sind die Mitgliedsfirmen von Spectaris vom Brexit betroffen? „Es ist wahrscheinlich, dass sich der Brexit negativ auf das Konjunkturklima und die Investitionstätigkeit in Großbritannien und darüber hinaus auswirken wird. Davon wären nahezu alle unsere Mitgliedsunternehmen betroffen. Nicht nur für die Medizintechnik, auch für die anderen von Spectaris vertretenen Branchen zählt das Vereinigte Königreich zu den wichtigsten Handelspartnern. Daneben ist insbesondere bei den Herstellern, die eine eigene Fertigung in Großbritannien betreiben, eine Verunsicherung zu beobachten. Unklar sind beispielsweise die arbeitsrechtlichen Folgen und in welchem Ausmaß die neuen Rahmenbedingungen zu Mehrkosten führen werden.“

Weilers Fazit: „Wir hoffen zumindest auf das Modell Norwegen, also den Verbleib Großbritanniens im Europäischen Wirtschaftsraum. Auch dann wird es aber noch viele Fragen geben, nicht zuletzt in Hinblick auf das Thema Solidarität.“

Der Brexit und die EU-Medizinprodukteverordnung

Yvonne Glienke aus dem Vorstand des Medizintechnik-Clusters Medical Mountains vertritt Medtech-Unternehmen und deren Zulieferer im Raum Tuttlingen. Auch sie spricht von der Abwertung des britischen Pfunds gegenüber dem Euro, wie sie am Wochenende schon an den internationalen Börsen und Märkten zu beobachten war. Unsicherheit und ein Rückgang an Investitionen gingen damit einher, aber „deutlich spürbare wirtschaftliche Auswirkungen sehe ich erst mittel- bis langfristig auf unsere Medizintechnik-Unternehmen zukommen.“

Welche das genau sind? „Durch die Abwertung des Pfunds steigen dort die Preise für deutsche Produkte. Es kann zu einer spürbaren Absatzsenkung kommen, die das Wachstum unserer Unternehmen mittel- bis langfristig ausbremst. Außerdem drohen teure Handelszölle und mehr Bürokratie.“

Im Hinblick auf die neue EU-Medizinprodukteverordnung bedauert Glienke: „Gerade jetzt, wo die EU nach langjährigen Verhandlungen mit der neuen Medizinprodukteverordnung einheitliche Anforderungen für die Zulassung und Herstellung von Medizinprodukten geschaffen hat, die den freien Verkehr von Medizinprodukten weiter erleichtern soll, ist es geradezu widersinnig, dass sich unsere Unternehmen bezüglich Großbritannien – einem der wichtigsten Märkte für unsere Branche – auf langwierige Neuverhandlungen von überhaupt grundlegenden Handelsbeziehungen einstellen müssen.“

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