Brexit EU-Austritt trifft deutsche Medtech-Industrie

Autor: Kathrin Schäfer

Medizintechnik im Wert von 1,13 Milliarden Euro wurde 2015 von Deutschland nach Groß­britannien exportiert. Branchenriesen wie Dräger, Siemens und Fresenius, aber auch Fachverbände hat unsere Würzburger Schwesterpublikation Devicemed zu den Folgen des Brexit befragt. Die Liste ist lang und lässt nichts Gutes hoffen.

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Erst wenige Tage sind seit der Abstimmung über den Brexit vergangen. Devicemed hat Medizintechnikfirmen und Verbände nach den Konsequenzen des Brexit befragt.
Erst wenige Tage sind seit der Abstimmung über den Brexit vergangen. Devicemed hat Medizintechnikfirmen und Verbände nach den Konsequenzen des Brexit befragt.
(Bild: gemeinfrei)

Von Unsicherheit, einer Abwertung des britischen Pfunds, veränderten Handelsbeziehungen sowie der Frage nach der Gültigkeit der neuen EU-Medizinprodukteverordnung ist jetzt die Rede.

Erst wenige Tage sind seit der Abstimmung über den Brexit vergangen. Europaweit reagieren Politiker geschockt über den Austritt Großbritanniens aus der EU, äußern ihr Bedauern. Von einem „bitteren Tag für Europa“ spricht beispielsweise der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Eine Chance für einen Neuanfang sieht hingegen Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel.

Wie es allerdings konkret weitergehen soll und wird, darauf haben bislang die wenigsten eine Antwort. Zu groß ist die Überraschung, dass es tatsächlich zu diesem Ergebnis gekommen ist. Während die Politik also erst einmal einen genauen Handlungsplan für den Austritt erarbeiten muss, steht die Wirtschaft, stehen Medizintechnikunternehmen vor der dringenden Frage, wie sich ihre Handelsbeziehungen zu Großbritannien gestalten werden, mit welchen Konsequenzen kurz- und langfristig zu rechnen ist.

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Was sagen Dräger, Fresenius und Siemens zum Brexit?

Zum Hintergrund: Laut Branchenverband Spectaris wurde im Jahr 2015 Medizintechnik aus Deutschland im Wert von 1,13 Milliarden Euro nach Großbritannien exportiert. Das Vereinigte Königreich ist damit – nach den USA, China und Frankreich – Deutschlands viertwichtigster Handelspartner in diesem Bereich.

Dr. Reiner Piske, Vorstand Personal mit Regionalverantwortung Europa bei Drägerwerk, erklärt: „Neben der Unsicherheit über die Details und Regelungen eines EU-Austritts Großbritanniens ist aktuell der deutliche Rückgang des britischen Pfunds als Auswirkung zu konstatieren. Diese Abwertung betrifft Dräger auf zweierlei Weise. Unsere Produktion in Blyth, wo wir sicherheitstechnische Produkte herstellen, verbilligt sich. Auf der anderen Seite würden sich Exporte nach Großbritannien, beispielsweise von medizintechnischen Geräten, in Zukunft verteuern oder aber unsere Gewinnmarge bei stabilen Preisen in Pfund negativ beeinträchtigen. Da unsere Kosten und unsere Umsätze in britischen Pfund nahezu auf gleichem Niveau liegen, erwarten wir von der Währungsseite allerdings keine wesentlichen Effekte. Eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation in Großbritannien könnte sich allerdings auf unsere Geschäftsaussichten dort negativ auswirken.“

Dennoch, seine Aktivitäten in Großbritannien stellt Drägerwerk nicht in Frage. „Mittelfristige Auswirkungen hängen davon ab, wie genau die Modalitäten der zukünftigen Zusammenarbeit zwischen Großbritannien und der EU aussehen und wie zügig sie geklärt werden können“, gibt sich Piske abwartend.

Weniger betroffen ist der Branchenriese Fresenius, dessen UK-Anteil am Konzernumsatz zu gering ist, als dass er nun ins Gewicht fallen würde. Matthias Link von der Konzern-Kommunikation erklärt, „dass wir für Fresenius und Fresenius Medical Care nicht mit spürbaren Effekten aus dem Brexit rechnen, weil der UK-Anteil am Konzernumsatz sehr gering ist. Zudem fallen bei uns Kosten und Erlöse unseres UK-Geschäfts größtenteils in derselben Währung an. Nennenswerte Warenlieferungen aus der EU nach UK und umgekehrt gibt es bei uns keine. Deswegen sind wir auch von Währungsschwankungen praktisch nicht betroffen.“

Ähnlich scheint die Situation bei Siemens. Dort heißt es: „Als ein globales Unternehmen mit erheblichen langfristigen Investitionen in Großbritannien und hoher lokaler Wertschöpfung ist Siemens nicht so stark von möglichen negativen Auswirkungen betroffen.“ Dennoch erwartet man „unverzügliche Maßnahmen“ von Seiten der Bundesregierung, „um sich über die Natur der Beziehungen Großbritanniens zur EU und anderen Handelspartnern abzustimmen, und einen klaren Weg vorzeichnen, um künftige Investitionen anzuziehen.“

Grundsätzlich bleibe Siemens seinem Geschäft und damit seinen Standorten sowie seiner über 170-jährigen Geschichte in Großbritannien verpflichtet. In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies: Siemens erzielt in Großbritannien mit rund 14.000 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 4 Milliarden Euro. Mit 13 Produktionsstandorten ist Siemens in Großbritannien auch lokal stark vertreten.

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Mit welchen Auswirkungen müssen Medizintechnikfirmen jetzt rechnen?

Während die Reaktionen von Medizintechnikfirmen also je nach Betroffenheitsgrad variieren, geben Branchenverbände bereits erste Einschätzungen, können Risiken für die Branche benennen. „Der Brexit hat zu einer Verunsicherung der Märkte geführt, unklar ist zudem, wie lange die Hängepartie anhalten wird. Dies alles wird sich negativ auf das Konjunkturklima insbesondere in Europa auswirken. Auch wenn ein Austritt Großbritanniens aus der EU angesichts der Vorhersagen nicht unwahrscheinlich war, hat das Ergebnis dennoch überrascht – auch uns. Wir hatten bis zuletzt auf einen anderen Ausgang des Referendums gehofft“, beschreibt Spectaris-Geschäftsführer Dr. Tobias Weiler die aktuelle Stimmungslage.

Weiler sieht negative Effekte auf das reale Bruttoinlandsprodukt und damit verbunden eine schwächere Investitionstätigkeit im Gesundheitswesen auf Großbritannien zukommen. „Auf globaler Ebene schwäche der Brexit die Verhandlungsposition der EU gegenüber Dritten, wie zum Beispiel in Sachen TTIP gegenüber den USA“, so Weiler weiter. Im globalen Wettbewerb seien stabile Gemeinschaften und gut funktionierender Binnenmärkte ohne Handelshemmnisse wichtiger denn je.

Inwiefern sind die Mitgliedsfirmen von Spectaris vom Brexit betroffen? „Es ist wahrscheinlich, dass sich der Brexit negativ auf das Konjunkturklima und die Investitionstätigkeit in Großbritannien und darüber hinaus auswirken wird. Davon wären nahezu alle unsere Mitgliedsunternehmen betroffen. Nicht nur für die Medizintechnik, auch für die anderen von Spectaris vertretenen Branchen zählt das Vereinigte Königreich zu den wichtigsten Handelspartnern. Daneben ist insbesondere bei den Herstellern, die eine eigene Fertigung in Großbritannien betreiben, eine Verunsicherung zu beobachten. Unklar sind beispielsweise die arbeitsrechtlichen Folgen und in welchem Ausmaß die neuen Rahmenbedingungen zu Mehrkosten führen werden.“

Weilers Fazit: „Wir hoffen zumindest auf das Modell Norwegen, also den Verbleib Großbritanniens im Europäischen Wirtschaftsraum. Auch dann wird es aber noch viele Fragen geben, nicht zuletzt in Hinblick auf das Thema Solidarität.“

Der Brexit und die EU-Medizinprodukteverordnung

Yvonne Glienke aus dem Vorstand des Medizintechnik-Clusters Medical Mountains vertritt Medtech-Unternehmen und deren Zulieferer im Raum Tuttlingen. Auch sie spricht von der Abwertung des britischen Pfunds gegenüber dem Euro, wie sie am Wochenende schon an den internationalen Börsen und Märkten zu beobachten war. Unsicherheit und ein Rückgang an Investitionen gingen damit einher, aber „deutlich spürbare wirtschaftliche Auswirkungen sehe ich erst mittel- bis langfristig auf unsere Medizintechnik-Unternehmen zukommen.“

Welche das genau sind? „Durch die Abwertung des Pfunds steigen dort die Preise für deutsche Produkte. Es kann zu einer spürbaren Absatzsenkung kommen, die das Wachstum unserer Unternehmen mittel- bis langfristig ausbremst. Außerdem drohen teure Handelszölle und mehr Bürokratie.“

Im Hinblick auf die neue EU-Medizinprodukteverordnung bedauert Glienke: „Gerade jetzt, wo die EU nach langjährigen Verhandlungen mit der neuen Medizinprodukteverordnung einheitliche Anforderungen für die Zulassung und Herstellung von Medizinprodukten geschaffen hat, die den freien Verkehr von Medizinprodukten weiter erleichtern soll, ist es geradezu widersinnig, dass sich unsere Unternehmen bezüglich Großbritannien – einem der wichtigsten Märkte für unsere Branche – auf langwierige Neuverhandlungen von überhaupt grundlegenden Handelsbeziehungen einstellen müssen.“

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Bis zum endgültigen Austritt gibt es viele Variablen

In diesem Zusammenhang warnt Hans-Peter Bursig, Geschäftsführer im Fachverband Elektromedizinische Technik im Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) vor einem Mehraufwand bei der Verwaltung für deutsche und britische Medizintechnikunternehmen. „EU-Hersteller könnten sich möglicherweise mittelfristig einem eigenen britischen Zulassungssystem für Medizinprodukte gegenüber sehen, wenn es nicht gelingt, eine Vereinbarung über den Zugang zum Europäischen Binnenmarkt zu verhandeln beziehungsweise Großbritannien die CE-Kennzeichnung als Kriterium für den Marktzugang nicht länger anerkennt.“

Ein eigenes britisches Zulassungssystem wäre, so Bursig, unabhängig von den inhaltlichen Anforderungen, alleine durch die zusätzliche Bürokratie für EU-Hersteller das ungünstigste Ergebnis. Des Weiteren sei abzuwarten, ob beispielsweise Konsequenzen in Sachen Zoll- oder Zollformalitäten drohten.

Kurzfristig jedoch gibt Bursig erst einmal Entwarnung, verweist darauf, dass die Verhandlungen bis zum Austritt wohl erst einmal dauern, dass weder mit einem sofortigen noch mit einem ungeregelten Ausscheiden Großbritanniens zu rechnen sei.

„Bis zum endgültigen Austritt aus der EU bleibt Großbritannien volles Mitglied der Union, mit allen Rechten und Pflichten. Das gilt auch für den freien Warenverkehr mit Medizinprodukten. Wie lange dieser Zustand bestehen bleibt, hängt wesentlich davon ab, wann die Verhandlungen über den Austritt aus der EU beginnen und mit welchen Regelungen diese Verhandlungen enden.“

Ein Beitritt Großbritanniens zum Europäischen Wirtschaftsraum habe zum Beispiel ein anderes Verhältnis zur Folge, als es heute zwischen der Schweiz und der EU bestehe, so Bursig.“

Wichtig sei es laut Bursig, festzuhalten, dass die kommende Medical Devices Regulation (MDR) von den Verhandlungen zum Austritt Großbritanniens nicht beeinflusst wird. „Der Inhalt der MDR steht jetzt fest und die Regelungen werden am Ende der Übergangsfrist auf alle Fälle in den 27 Mitgliedstaaten der EU gelten.“

Was können deutschen Medizintechnikunternehmen jetzt tun, worauf sollten sie achten? „Hersteller, die mit einer Benannten Stelle aus Großbritannien zusammenarbeiten, sollten die weitere Entwicklung sehr aufmerksam beobachten. Es ist zwar sehr wahrscheinlich, dass es auch nach einem Austritt des Landes aus der EU Benannte Stellen aus Großbritannien geben wird. Genaues lässt sich aber erst sagen, wenn die Gespräche zwischen der EU und Großbritannien diesen Punkt geklärt haben“, so Bursigs Einschätzung.

Dieser Artikel erschient zuerst in unserer Würzburger Schwesterzeitschrift DeviceMed.

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