Landkreis Friesland Eine Linux-Strategie zieht Kreise

Autor / Redakteur: Andreas Wolf / Gerald Viola

Spektakuläre Projekte der Öffentlichen Verwaltung, etwa von Windows auf Linux umzustellen, machen prompt auch bei vermeintlichen Problemen von sich reden. Andernorts kann man in Ruhe an Lösungen arbeiten. So im Landkreis Friesland, wo diese Migration planmäßig über die Bühne gegangen ist.

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( Archiv: Vogel Business Media )

Ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein wird den Menschen im äußersten Nordwesten Deutschlands nicht zu Unrecht nachgesagt. Auf den Inseln und dem feuchten Land hinter den Deichen ist „friesische Freiheit“ eine gelebte Tradition. Selbst Microsoft bekam das früh zu spüren. Schon 2001 lehnte der Landkreis Friesland die neuen teuren Wartungsverträge („Software Assurance“) kurzerhand ab.

Inseln sind von der einst durch Windows-Monokultur gekennzeichneten IT-Landschaft noch geblieben. Nach und nach werden auch sie von der Open-Source-Flut abgetragen. Noch gibt es Fachverfahren, zum Beispiel in der Kfz-Zulassung, die es am Markt nur für Microsoft-Umgebungen gibt. Aber die liegen auf Windows-2003-Terminal-Servern, und die meisten Anwender greifen nicht mehr von Windows-, sondern von Linux-Desktops auf sie zu. Den Herstellern der Fachanwendungen gibt der Landkreis Friesland in Ausschreibungen vor, dass ihre Produkte nicht mehr nur Word und Excel, sondern auch das Büropaket OpenOffice unterstützen müssen.

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Drei Jahre hat es gedauert, die IT-Verhältnisse hinter den Deichen von Grund auf umzubauen – genau so lang wie von Anfang an kalkuliert. Die Vorüberlegungen wurden 2004 aus einer Zwangslage heraus konkreter. Microsoft hatte angekündigt, das im Landkreis Friesland verwendete Betriebssystem Windows NT nicht mehr pflegen zu wollen. Die notwendige Umstellung auf XP hätte aber die betagte Hardware überfordert und beträchtliche Investitionen verlangt. Das Maß war voll, der Landkreis wollte sich nicht mehr alle paar Jahre von Microsoft auf ein neues Betriebssystem und neue Hardware zwingen lassen.

Nach einer positiv ausgefallenen Machbarkeitsstudie der Universität Oldenburg fasste der Kreistag 2004 den Beschluss, die Server und Desktops in einer „sanften Migration“ abschnittsweise und so weit wie technisch möglich auf Linux und Open-Source-Anwendungen umzustellen. Die erklärten Ziele waren, die Herstellerabhängigkeit und die Kosten der IT zu reduzieren. Die Initiative dazu kam nicht – wie andernorts – aus der Politik, sondern von den IT-Administratoren des Landkreises. Sie hatten errechnet, dass ihr Etat jährlich von rund 40.000 Euro Lizenzkosten entlastet würde. Weitere Ersparnisse würden sich dadurch ergeben, dass sich die Desktop-Hardware mit wenig Aufwand weiter verwenden ließe. Höhere Systemstabilität und geringere Virengefahr würden einer sanften Migration weiteren Rückenwind geben.

Migration begann 2004 in mehreren Phasen

Nach einer erfolglosen Testphase mit einer Open-Source-Lösung eines großen, internationalen Software-Anbieter überzeugte der Bremer Enterprise-Linux-Hersteller Univention die Administratoren. Dafür sprachen mehrere Gründe: Die auf der Linux-Variante Debian basierende Lösung ermöglicht eine einfache und regelbasierende Administration unterschiedlicher Systemumgebungen unter einem Hut. Der Verzeichnisdienst OpenLDAP sorgt weiter für Offenheit und Flexibilität. Auf der Client-Seite lassen sich unterschiedliche Windows- und Linux-Desktops integrieren.

Noch 2004 begann die in Phasen gegliederte konkrete Migration. Zunächst wurden die Fachanwendungen auf Windows-Terminal-Server-2003 umgezogen. Jeder Server bedient heute 15 bis 20 User. Innerhalb von nur zwei Tagen stellte die IT-Abteilung im Dezember des gleichen Jahres die Domänenverwaltung – das umfasst die File- und Print-Services, die Benutzerverwaltung und die Authentifizierung – von Windows NT auf „Univention Corporate Server“ (UCS) mit dessen Komponente „Services for Windows“ um. Im Februar 2005 wurde der Windows-Domain-Controller abgeschaltet. Einen Monat später ging es daran, alte Desktops mit PXE-Karten zu Thin Clients umzubauen. Diese PCs booten nun nicht mehr von ihren lokalen Festplatten, sondern über das Netzwerk vom Server. Dabei griffen sie zunächst nur auf Windows-Terminal-Server zu.

Wahlfreiheit der Anwendungen

Ab diesem Zeitpunkt konnten die Anwender für eineinhalb Jahre wahlweise mit Word und Excel oder mit OpenOffice arbeiten. In einem ersten Schritt erhielten 30 freiwillige Mitarbeiter eine umfangreiche Schulung. Das erwies sich als glücklicher Schritt, denn diese Anwender halfen als Moderatoren ihren Kollegen – und sie gaben der IT-Abteilung wertvolle Hinweise auf Verbesserungsmöglichkeiten. Das änderte die anfängliche Zurückhaltung der Angestellten in ein großes Interesse an den angebotenen Schulungen für OpenOffice und andere Open-Source-Anwendungen. Bisher sind 250 User geschult. Allen interessierten Anwendern wurden Informationen für den kostenfreien Download von quelloffenen Programmen für Windows oder Linux zur Verfügung gestellt, um diese Umgebungen auch auf den Privat-PCs ausprobieren zu können.

Als die Verwaltungsabteilungen ihre Schulungen absolviert hatten, wurden dort die Clients auf Univention Corporate Desktop (UCD) mit der Linux-Benutzeroberfläche KDE umgestellt. Ihre Standardanwendungen OpenOffice, den Browser Firefox, die Planungssoftware Ganttproject, den Groupware- und eMail-Client Kontact beziehen diese PCs von den UCS-Servern.

Inzwischen sind 190 Linuxdesktops UCD mit Unterstützung von Win2003 für die Fachanwendungen im Einsatz. Dazu kommen 90 Thin Clients mit eigener Flash-Karte mit Win2003 MS Office und den Fachanwendungen. Allerdings haben diese Thin Clients den Nachteil, dass sie zu einer hohen Arbeitsbelastung der Window-Terminal-Server führen.

Der Desktop: effizient und effektiv

Außerdem sind noch 60 Windows-XP-Desktops mit Fachanwendungen und MS-Office im Einsatz (siehe Grafik Betriebssystem).

Das erklärte Ziel des Landkreises Friesland ist es, einen wirtschaftlichen und effektiven Desktop für alle Mitarbeiter bereitzustellen. Das ist keine Frage von Windows oder Linux. Nach den Erfahrungen der friesischen ITler liegt momentan die Wahrheit irgendwo zwischen den beiden Welten.

Darüber hinaus startete noch 2005 die Umstellung der Groupware von Microsoft Exchange 5.5 auf Univention Groupware Server (UGS). Dieser verwendet die vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) geförderte Kooperationslösung Kolab 2. Diese Lösung hat den Vorteil, clientseitig sowohl Microsoft Outlook als auch das Linux-basierende KDE Kontact zu unterstützen. Deshalb ist sie die ideale Wahl beim Mischbetrieb von verschiedenen Clients. Die Umstellung der Groupware war Mitte 2007 abgeschlossen. Damit kam das vom Kreistag beschlossene gesamte Migrationsprojekt fristgerecht zum Abschluss.

Aktuell besteht nun das Rückgrat der IT im Landkreis Friesland aus dreizehn Linux-Servern – vom zentralen UCS-Server mit Backup über Rechner für die zentralen Dienste (OpenLDAP, Samba etc.) bis zum Groupware-System:

  • 1 Server als Domäncontroller Master,
  • 2 Server als Backup- sowie als Printserver,?
  • Groupware-Server,?2
  • Fileserver,?5
  • Linux-Terminalserver und?e
  • nem Linux Applikationsserver.?

Windowsseitig gibt es noch sieben Applikations-Server und fünfzehn Windows-Terminalserver, allesamt nicht mehr als aufgebohrte Desktops. Diese lassen sich nach und nach auf Linux überführen, wenn Fachanwendungen linuxfähig werden (siehe Grafik Struktur).

Erwartungen übertroffen

Das bisherige Ergebnis hat die Erwartungen übertroffen. Statt der kalkulierten 40.000 Euro spart der Landkreis nun jährlich 49.000 Euro an IT-Kosten, rund 20 Prozent mehr als erwartet. Nicht eingerechnet sind dabei Energiekosten und Einsparungen aus anderen Projekten. Damit haben sich aus Sicht der Kreisverwaltung die Umstellungskosten von insgesamt rund einer drittel Million Euro, einschließlich einer zusätzlichen Planstelle für den Migrationsaufwand, bereits gerechnet.

Technisch ist das System stabil, wobei es erstaunliche Erfahrungen gibt. So funktioniert die Übergabe eines Druckauftrags von einem Linux-System an einen Windows-Server reibungsloser als zwischen zwei Windows-Rechnern. Um Microsofts Access ablösen zu können, wünschen sich die IT-Administratoren zukünftig ein auf Open Source basierendes Dokumentenmanagementsystem inklusive einer Adressverwaltung.

„Momentan testen wir die Verwendung von Handys, darunter das iPhone, für mobile Groupware-Anwendungen. Darüber hinaus planen wir Maßnahmen zur Virtualisierung unserer IT-Umgebung mit dem VMware Server 2. Außerdem wollen wir künftig unsere Verwaltungsaußen-stellen anbinden“, so Eric Matthiesen, verantwortlich für die technische Umsetzung der Migration und die Betreuung der friesländischen IT-Infrastruktur.

Die Open-Source-Strategie im Landkreis Friesland hatte einen frühen Vorläufer: Bereits 2001 wurden an 24 Schulen die Rechner mit einem Internetzugang über Linux-Gateways ausgestattet. Dem Beispiel sind die Volkshochschulen im Kreis gefolgt. Seit 2005 verwenden auch die Verwaltung Wangerland, die großflächigste Gemeinde des Kreises, und das Schlossmuseum in der Kreisstadt Jever Linux und andere Open-Source-Produkte. Im Landkreis Wesermarch, im Landkreis Wittmund und in der Stadt Jever wird überwiegend OpenOffice eingesetzt. Auch die Berufsbildende Schule in Jever setzt UCS ein.

Unser Fazit

Nach den Praxiserfahrungen des Landkreis Frieslands sollten Migrationsprojekte auf Kreis- und Gemeindeebene auf die folgenden Punkte Wert legen: Entscheidend für die erfolgreiche und termingerechte Migration in Friesland war, dass die Initiative von der IT-Abteilung des Landkreises ausging und schnell politische Rückendeckung durch den Verwaltungsvorstand fand. Unterstützend wirkte die frühe Einbeziehung der Mitarbeiter des Landkreises und deren engagierte Mitarbeit. Dreißig interessierte Anwender wurden mit Beginn des Projektes intensiv geschult und nahmen dadurch eine Vorreiterrolle in der Nutzung der Open Source Software ein, die als Moderatoren ihr Wissen an ihre Kollegen weitergaben und für Fragen zur Verfügung standen. Besonderen Aufwand verursachte lediglich die Ablösung der Groupware, da 2005 der Linux-Client Kontact noch nicht so ausgreift war wie heute. Zudem funktionierte anfänglich der Connector zwischen der Groupwarelösung Kolab und dem Outlook Client nicht ganz einwandfrei. Und wichtig für eine erfolgreiche Migration ist die Wahl des Dienstleisters.

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