Das V-Modell XT Ein Zwischenbericht zur Version 2.0

Autor / Redakteur: Olaf Kleideiter / Manfred Klein

Das V-Modell XT ist als Projektvorgehensmodell der Standard in der Öffentlichen Verwaltung. Die Treiber für das V-Modell sind der Beauftragte der Bundesregierung für Informationstechnik und – indirekt – der Bundesrechnungshof. Nun liegt seit Mitte 2015 die neue Version 2.0 vor, und es ist an der Zeit, eine Bestandsaufnahme der aktuellen Version zu wagen.

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Das V-Modell XT im Überblick
Das V-Modell XT im Überblick
(Bild: Referenzmodell, München 2015)

Das V-Modell startete schon in den neunziger Jahren als V-Modell 97 gemeinsam von Öffentlicher Hand und wurde vor allem von der Industrie (Siemens, IABG u.a.) entwickelt. Mit Version 1.2 des Modells fanden verstärkt dynamische Ansätze Eingang in das V-Modell, und mit Version 1.4 war das V-Modell zu einem umfassenden Methoden- und Werkzeugbaukasten herangewachsen. Diverse zum V-Modell XT konforme organisationsspezifische Weiterentwicklungen bestehen: so beispielsweise das V-Modell XT Bund, das V-Modell XT Bundeswehr und das V-Modell XT IHK, an dem der Autor mitgewirkt hat.

Nach stetiger Weiterentwicklung ist nun im Juli 2015 die Version 2.0 des V-Modell XT publiziert worden. Wie auch schon in den vorherigen Versionen enthält die Version 2.0 des V-Modell XT neben der zentralen Dokumentation die Musterdokumente und die technischen Werkzeuge vorrangig zwecks Tailoring (Anpassung auf die Projektsituation) und Erweiterung (Anpassung auf organisationsspezifische Belange).

Da die Öffentliche Verwaltung zumeist die Rolle eines Auftraggebers (AG) in den Projekten einnimmt, ist damit das V-Modell XT auch zentraler Dreh- und Angelpunkt für den Auftragnehmer (AN). Um das Verhältnis zwischen AG und AN „manageable“ werden zu lassen, hat das V-Modell XT explizit die AG/AN-Schnittstelle in den Vordergrund gerückt. Dies ist die Stärke des V-Modell XT – zu den Schwächen später.

Auffallend an der aktuellen Dokumentation ist die erhebliche Verminderung des Umfangs von 932 Seiten auf 500 Seiten. Was ist passiert?

Neuerungen

Die Minimierung der Dokumentation um rund 400 Seiten beziehungsweise fast 50 Prozent senkt die Zugangsschwelle erheblich – zumindest emotional. Zum einen wurde dies durch eine Neustrukturierung der Dokumentation erreicht, wobei redundante Informationen entfernt und viele Passagen gestrafft worden sind. Diese Maßnahmen haben insgesamt den Lesefluss befördert. Angesichts der häufig vorzufindenden Ablehnung gerade von Neulingen also ein richtiger Schritt.

Was sich schon im Release 1.4 des V-Modells XT und insbesondere des V-Modells XT Bund angedeutet hat, hat sich nun herauskristallisiert: Das Management wird unmittelbar angesprochen und in die Pflicht genommen. Damit ist das V-Modell XT nun endgültig nicht nur mehr Werkzeug der operativen Ebenen einer Behörde oder eines privaten Wirtschaftsbetriebes.

Die Rolle des Managements wird sowohl auf AG- als auch AN-Seite hinsichtlich der Rechten und Pflichten sowie der Verantwortlichkeiten spezifiziert. Diese Entwicklung ist sinnvoll und wird dem einzelnen Projekt zu stärkerer Wahrnehmung im Management und damit Sicherheit verhelfen.

Methodisch sind die Veränderungen eher gering ausgefallen. Weiterhin gibt es die Projekttypen, die Projekttypvarianten, die Projektmerkmale und die Projektdurchführungsstrategien. Wenngleich noch nicht gänzlich gelöscht, so ist der Projekttyp „Einführung und Pflege eines organisationsspezifischen Vorgehensmodells“ letztlich nur noch eine Erwähnung.

V-Modell XT und seine Perspektiven

Dies ist auch gut so, denn dieser Projekttyp gehörte nie zum Alltagsgeschäft eines Projektleiters. Bei den Projektmerkmalen ist das Merkmal „Projektgegenstand“ neu hinzugekommen, das zwischen SW-, HW- und Integrations-Projekten eine Unterscheidung vornimmt.

In den Hintergrund gerutscht sind die Vorgehensbausteine. Überraschend ist ihre fehlende Beschreibung in der Dokumentation. Da aber die Vorgehensbausteine indirekt beim Tailoring über die Festlegung von Projekttyp und Projekttypvariante sich ergeben und der Name des einzelnen Vorgehensbausteins zumeist aussagekräftig ist, ist das Weglassen der Beschreibung vielleicht sogar eine sinnvolle Vereinfachung.

Wichtig sind zwei neue Vorgehensbausteine: „Sicherheit“ und „Vertragsschluss (AG)“. Beide sind schon länger erwartet worden und verhelfen der Projektleitung zu einer risikominimierten Projektdurchführung.

Methodisch haben sich weder die Rollen (30) noch die PM-Produkte (110) in Anzahl und Ausprägung geändert. Gleiches gilt für die Entscheidungspunkte (21). Das ist aber auch nicht weiter verwunderlich, weil die bisherige Ausprägung sinnvoll in der Praxis eingesetzt werden konnte.

Fazit

Das Management wird nun direkt vom V-Modell XT in die Pflicht genommen – das ist gut so! Das ist insbesondere gut so, weil die neuen Aufgaben rund um Cloud Computing, Big Data, Industrie 4.0/­Internet of Things (IoT) und Security die Aufmerksamkeit des Managements erfordern. Für die Neulinge ist die Lesbarkeit der Dokumentation erheblich gesteigert worden: Die Verschlankung und die Neustrukturierung haben sich positiv ausgewirkt.

Ein Schwerpunkt des V-Modell XT ist die umfassende Unterstützung des öffentlichen Auftraggebers. Diese Auftraggeber fühlen sich eher reglementiert – Agilität ist sicherlich kein Fremdwort, aber auch nicht zentraler Wesensbestandteil eines öffentlichen Auftraggebers. Genau dieses reflektiert das V-Modell XT und ist somit gleichzeitig Segen und Fluch.

Segen, weil es den Projektleiter in der Öffentlichen Verwaltung in seinem Projekt-Habitat hervorragend unterstützt. Die Unterstützung reicht dabei weit über das konventionelle Projektmanagement mit Qualitätsmanagement und Risikomanagement hinaus.

Fluch ist das neue V-Modell XT insofern, weil moderne Ansätze rund um Agilität und disruptiver Innovation zu wenig Eingang gefunden haben. Die Öffentliche Verwaltung kann sich diesen Ansätzen aber bei steigender Komplexität in den IT-Projekten, den neuen Themen und gleichzeitig stagnierenden IT-Budgets nicht verschließen. Auf dem Beratermarkt gibt es Experten, die sowohl die Belange der Öffentlichen Hand und die sich aus den neuen Methoden ergebenden Anforderungen umsichtig zu integrieren verstehen.

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