Interview

Ein Netzwerk für die digitale Bürgergesellschaft

| Redakteur: Manfred Klein

In den vergangenen Jahren ist es um die Initiative D21 – obwohl sie den Aufbruch ins digitale Zeitalter zunächst maßgeblich begleitete – vergleichsweise still geworden. Wie wollen Sie das ändern?

Müller: Vielleicht haben wir das schon. Ich habe Ihren Artikel zu unserer Neujahrsveranstaltung gelesen. Sie sagen dort ganz richtig, dass die D21 zuletzt wieder mehr Aufmerksamkeit erfahren hat und auch aufseiten Politik eine gewisse Neugierde da ist: Wohin steuert die D21? Oder: Was kann sie beitragen – gerade vor dem Hintergrund der NSA-Geschichte?

Als wir 1999 angefangen haben, mussten wir noch Überzeugungsarbeit für den digitalen Wandel leisten. Das haben wir erfolgreich getan. Heute geht es nicht mehr darum, „ob“ IuK-Technologien genutzt werden, sondern „wie“. Deshalb untersuchen wir das Nutzerverhalten. Erkennt der Einzelne, wie ihm das Internet nutzen kann? Wer nutzt es und wer nicht – und warum nicht? Nur 34 Prozent der Deutschen sind wirklich „digital souverän“. Wir müssen die Gründe besser kennen lernen und Lösungen finden. Digital souveräne und kompetente Bürgerinnen und Bürger sind schließlich die Voraussetzung für eine erfolgreiche digitale Gesellschaft. Hier gibt es noch viel zu tun.

Gleichzeitig möchten wir digitale Vernetzung aber auch vorleben. Das intensivieren wir gerade. Denn, was ist überzeugender, als digitale Medien selbst vorzuführen.

Und zum Dritten verstehen wir uns als Anspielpartner im politischen Prozess. Jemand, der die aktuellen Themen aufnimmt, verbreitet und den Dialog darüber befördert. Dabei verändert sich die D21 gemeinsam mit den politischen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen. Zuletzt haben wir das Thema „Digitale Medien in der Bildung“ sehr erfolgreich vorangetrieben. Aber auch eGovernment spielt eine große Rolle. Hier gucken wir ganz gespannt auf die Digitale Agenda, die sicher viele neue Aufgabenfelder und Themen für uns mitbringt. Denn die Bedeutung von digitaler Verwaltung als Standortfaktor wird meines Erachtens noch zunehmen.

Stichwort „Digitalisierung“. Sie haben gesagt, die Digitalisierung sei nicht nur Herausforderung, sondern vor allem auch Chance. Wie ist das zu verstehen? Wo liegen Ihrer Meinung nach diese Chancen und wie lassen sie sich realisieren?

Müller: Ein ganz augenfälliges Beispiel ist das Verschwinden der „Gatekeeper“, die früher der einzige Weg zu Informationen waren: Denken Sie an den Mitarbeiter im Reisebüro, dem sie blind vertrauen mussten, dass er den günstigsten Flug für Sie raussucht. Oder denken Sie an Lehrer – sie sind heute längst nicht mehr die einzige Quelle des Wissens. Das ist für unseren Bildungssektor auch eine enorme Chance: Wir können Kindern beibringen, sich die Welt des Wissens selbst zu erschließen, Informationen zu interpretieren, zu hinterfragen, zu strukturieren und zu verknüpfen. Statt um „pauken“ geht es in Zukunft vor allem um Quellen- und Methodenkompetenz.

Oder nehmen wir nochmal das Beispiel eGovernment: Dazu braucht man heute keine speziellen „Knochen“ oder „Koffer“ mehr. Eine kleine kostengünstige App auf dem Smartphone erspart teures Spezialgerät. Der Verwaltungsmitarbeiter kennt die Technik, denn er nutzt sie privat ja auch. Bei meinem letzten Umzug hat die Hausverwalterin die Wohnungsübernahme komplett mit dem Smartphone dokumentiert und abgewickelt. Für die Außendienstler in der Verwaltung, etwa bei der Polizei, lässt sich so eine Menge Aufwand und Nachbereitung im Büro sparen. Der Schritt dahin ist nur noch ein kleiner.

Auf der anderen Seite, sind das natürlich Beispiele einer „digitalen Avantgarde“. Wer in IT-nahen Berufen arbeitet, geht viel selbstverständlicher mit den neuen Technologien um. Denn bei allen Chancen und Innovationen muss eine digitale Gesellschaft nicht nur die sogenannten Digital Natives, sondern auch die Skeptiker oder die Gelegenheitsnutzer mitnehmen.

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