Interview Ein Netzwerk für die digitale Bürgergesellschaft

Redakteur: Manfred Klein

Die Arbeit an der Digitalen Agenda macht deutlich, dass dabei viele Akteure zu berücksichtigen sind. Die Initiative D21 versucht seit ihrem Bestehen alle Beteiligten an einen Tisch zu bekommen und einen entsprechenden Diskurs auf dem Weg in die Informationsgesellschaft anzuregen. Gleichzeitig klärt die Initiative Bürger über Chancen und Risiken der IT auf.

Firmen zum Thema

Wie wird die Bürgergesellschaft von morgen aussehen?
Wie wird die Bürgergesellschaft von morgen aussehen?
(Foto: © Julien Eichinger - Fotolia)

Lena-Sophie Müller, Geschäftsführerin der Initiative D21
Lena-Sophie Müller, Geschäftsführerin der Initiative D21
(Foto: Adrian Bedoy, CC BY 4.0)

So begleitet die Initiative D21 seit vielen Jahren den durch die Digitalisierung ausgelösten gesellschaftlichen Wandel. Dabei gilt es jedoch noch viele Probleme zu lösen. Seit Kurzem widmet sich Lena-Sophie Müller als neue Geschäftsführerin der Initiative D21 dieser Aufgabe. eGovernment Computing sprach mit ihr über ihre Vorstellungen.

Frau Müller, Sie haben vor wenigen Wochen die Geschäftsführung der Initiative D21 übernommen. Was zeichnet diesen Job aus?

Müller: Sind es wirklich erst ein paar Wochen? Mir kommt es schon viel länger vor. Der Job ist sehr abwechslungsreich. Ich komme mit ganz vielen Themen in Berührung: Zukunft der digitalen Bildung in der Schule, Fragen der Verwaltungsmodernisierung bis hin zu Ausbau der Breitbandnetze in Deutschland oder Daten- und Verbraucherschutz. Vieles davon betrifft mich nicht nur beruflich, sondern auch privat. Das macht es so spannend.

Was sich dabei immer wieder zeigt: Es gibt selten den einen richtigen Weg. Da prallen in der NSA-Debatte plötzlich zwei grundlegende Bedürfnisse auf einander, das nach Freiheit und das nach Sicherheit. Solche Fragen löst man nur gemeinsam. Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Medien müssen sich austauschen und zusammenarbeiten. Sie an einen Tisch zu bringen, ihnen eine neutrale Plattform zu bieten, das ist meine zentrale Aufgabe als Geschäftsführerin der Initiative D21 und die meines Teams.

Diese Spannungsfelder, die Abwechslung und die Chance mitzuwirken, das motiviert mich. Und ich beobachte, dass es meine Kollegen ähnlich geht. Wir sind zwar nur ein kleines Team, aber dafür ein sehr engagiertes, das immer am Puls der Zeit agiert- technologisch wie politisch.

In den vergangenen Jahren ist es um die Initiative D21 – obwohl sie den Aufbruch ins digitale Zeitalter zunächst maßgeblich begleitete – vergleichsweise still geworden. Wie wollen Sie das ändern?

Müller: Vielleicht haben wir das schon. Ich habe Ihren Artikel zu unserer Neujahrsveranstaltung gelesen. Sie sagen dort ganz richtig, dass die D21 zuletzt wieder mehr Aufmerksamkeit erfahren hat und auch aufseiten Politik eine gewisse Neugierde da ist: Wohin steuert die D21? Oder: Was kann sie beitragen – gerade vor dem Hintergrund der NSA-Geschichte?

Als wir 1999 angefangen haben, mussten wir noch Überzeugungsarbeit für den digitalen Wandel leisten. Das haben wir erfolgreich getan. Heute geht es nicht mehr darum, „ob“ IuK-Technologien genutzt werden, sondern „wie“. Deshalb untersuchen wir das Nutzerverhalten. Erkennt der Einzelne, wie ihm das Internet nutzen kann? Wer nutzt es und wer nicht – und warum nicht? Nur 34 Prozent der Deutschen sind wirklich „digital souverän“. Wir müssen die Gründe besser kennen lernen und Lösungen finden. Digital souveräne und kompetente Bürgerinnen und Bürger sind schließlich die Voraussetzung für eine erfolgreiche digitale Gesellschaft. Hier gibt es noch viel zu tun.

Gleichzeitig möchten wir digitale Vernetzung aber auch vorleben. Das intensivieren wir gerade. Denn, was ist überzeugender, als digitale Medien selbst vorzuführen.

Und zum Dritten verstehen wir uns als Anspielpartner im politischen Prozess. Jemand, der die aktuellen Themen aufnimmt, verbreitet und den Dialog darüber befördert. Dabei verändert sich die D21 gemeinsam mit den politischen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen. Zuletzt haben wir das Thema „Digitale Medien in der Bildung“ sehr erfolgreich vorangetrieben. Aber auch eGovernment spielt eine große Rolle. Hier gucken wir ganz gespannt auf die Digitale Agenda, die sicher viele neue Aufgabenfelder und Themen für uns mitbringt. Denn die Bedeutung von digitaler Verwaltung als Standortfaktor wird meines Erachtens noch zunehmen.

Stichwort „Digitalisierung“. Sie haben gesagt, die Digitalisierung sei nicht nur Herausforderung, sondern vor allem auch Chance. Wie ist das zu verstehen? Wo liegen Ihrer Meinung nach diese Chancen und wie lassen sie sich realisieren?

Müller: Ein ganz augenfälliges Beispiel ist das Verschwinden der „Gatekeeper“, die früher der einzige Weg zu Informationen waren: Denken Sie an den Mitarbeiter im Reisebüro, dem sie blind vertrauen mussten, dass er den günstigsten Flug für Sie raussucht. Oder denken Sie an Lehrer – sie sind heute längst nicht mehr die einzige Quelle des Wissens. Das ist für unseren Bildungssektor auch eine enorme Chance: Wir können Kindern beibringen, sich die Welt des Wissens selbst zu erschließen, Informationen zu interpretieren, zu hinterfragen, zu strukturieren und zu verknüpfen. Statt um „pauken“ geht es in Zukunft vor allem um Quellen- und Methodenkompetenz.

Oder nehmen wir nochmal das Beispiel eGovernment: Dazu braucht man heute keine speziellen „Knochen“ oder „Koffer“ mehr. Eine kleine kostengünstige App auf dem Smartphone erspart teures Spezialgerät. Der Verwaltungsmitarbeiter kennt die Technik, denn er nutzt sie privat ja auch. Bei meinem letzten Umzug hat die Hausverwalterin die Wohnungsübernahme komplett mit dem Smartphone dokumentiert und abgewickelt. Für die Außendienstler in der Verwaltung, etwa bei der Polizei, lässt sich so eine Menge Aufwand und Nachbereitung im Büro sparen. Der Schritt dahin ist nur noch ein kleiner.

Auf der anderen Seite, sind das natürlich Beispiele einer „digitalen Avantgarde“. Wer in IT-nahen Berufen arbeitet, geht viel selbstverständlicher mit den neuen Technologien um. Denn bei allen Chancen und Innovationen muss eine digitale Gesellschaft nicht nur die sogenannten Digital Natives, sondern auch die Skeptiker oder die Gelegenheitsnutzer mitnehmen.

Und die Risiken? Nach den aktuellen Spionageaffären und Überwachungsskandalen reagieren viele Bürger zunehmend verunsichert auf alles Digitale. Wie kann diesen Ängsten begegnet werden und welche Rolle soll die Initiative D21 dabei spielen?

Müller: Die D21 spielt hier schon eine wichtige Rolle, indem sie Transparenz schafft. In unseren Studien zeichnen wir ein Lagebild. Das hilft, die Risiken besser zu verstehen und sachlich zu diskutieren. Es mag banal klingen, aber es baut schon Vorbehalte gegenüber einer Technologie ab, wenn man Nutzern sagt, was mit ihren Daten passiert, wenn sie etwa eine Verwaltungsleistung online nutzen.

Sicher steht das auch im Gesetz. Das reicht vielen Fachexperten aus Wirtschaft und Verwaltung. Aber nicht jede Bürgerin und jeder Bürger kennt alle Gesetze. Auch für deren Perspektive möchten wir Bewusstsein schaffen. Transparenz ist sicher kein Allheilmittel, aber ein Mosaikstein für mehr Vertrauen in IuK. Dieses Beispiel für die Nachvollziehbarkeit stammt übrigens aus einer Diskussionsrunde zu den Ergebnissen des eGovernment MONITORS. Das Beispiel zeigt den Ansatz der D21: Akteure zu Themen der digitalen Gesellschaft zusammenbringen und gemeinsam Lösungen zu finden.

Der zweite Punkt, wo wir anpacken, ist die Medienkompetenz. Wenn ich ein komplexes Thema nicht verstehe, verunsichert mich das. Ich bin dann eher zurückhaltend und lasse vielleicht sogar die Finger davon. Aufklärung kann hier helfen.

Wir haben zum Beispiel zusammen mit dem Bayerischen Staatsministerium der Justiz und für Verbraucherschutz eine Broschüre veröffentlicht, die der eher Internet-skeptischen Generation 50+ einen Einstieg gibt und Funktionsweisen erklärt.

Wenn ich sage: Wir müssen alle mitnehmen, ihnen die Chancen zeigen und die Kompetenzen zur Interaktion in der digitalen Gesellschaft vermitteln, dann meine ich auch solche Maßnahmen.

Die Digitalisierung wird Gesellschaft und Politik vermutlich in einem bisher nicht gekannten Ausmaß verändern. Wie will die D21 diesen Wandel begleiten?

Müller: Ja, das sind enorme Veränderungen, schon heute. Und diese Veränderungsprozesse werden sich fortsetzen und vielleicht noch weiter beschleunigen. Das ist einerseits sehr spannend, bedeutet aber andererseits, das wir immer am Ball bleiben müssen, um der Politik Trends und Entwicklungen aufzuzeigen. Das versuchen wir in Studien, wie dem D21-Digital-Index oder eGovernment MONITOR, wo wir die Entwicklung des eGovernment in sechs Ländern in den Blick nehmen.

Dazu kommt unsere Rolle als Dialogplattform und die Aufklärungsarbeit. Also die Veranstaltungen und thematische Broschüren, bei denen wir viel von unserem großen Netzwerk profitieren. Letztlich geht es darum, den Dialog zu allen Fragen des digitalen Wandel lebendig zu halten, Verständnis zu erzeugen und Medienkompetenz bei allen Akteuren der digitalen Gesellschaft, von der Politik über Wirtschaft und Zivilgesellschaft zu fördern.

Apropos Politik: Auf politischer Ebene werden die Themen eGovernment und Digitalisierung derzeit ganz unterschiedlich gehandelt. Manche Koalitionsverträge auf Landesebene belassen es bei relativ nebulösen Formulierungen, während die Bundesregierung diese Themen quasi zur Chefsache erhoben hat, die Zuständigkeiten aber auf vier, fünf Ministerien zersplittert. Welche Aufgaben sehen Sie für die Politik im eGovernment und wie kann dieser Zersplitterung entgegengewirkt werden?

Müller: Das Gegenmodell zur „Zersplitterung“, wie Sie es nennen, war ja das Internetministerium, das auch groß debattiert wurde. Den Befürwortern ging es wesentlich darum, dass die Digitalisierung zentral auf die politische Agenda kommt. Ich denke, das ist nun erreicht worden. Das zeigt der Koalitionsvertrag, wo Digitales eine große Rolle spielt. Und das zeigt in gewisser Weise auch der Zuschnitt der Ressorts. Das Thema ist in fast allen Ressortbereichen zu finden und eben nicht nur im Verkehrsministerium. Diese Breite Präsenz ist völlig richtig so, denn „das Internet“ – verstanden als Digitalisierung – ist ein Querschnittsthema.

Die entscheidende Frage ist jetzt, „wie“ der Prozess der Digitalen Agenda vollzogen wird. Davon wird es abhängen, ob sich am Ende ein kohärentes oder ein zersplittertes Bild ergibt. Aktuell liefern alle Häuser Input aus ihren Ressortsbereichen – koordiniert durch das BMI, BMWi und BMVi.

Mit der Koordinierung steht und fällt der Erfolg des Ganzen. Und hier muss nicht nur die Politik koordiniert werden, sondern alle, die betroffen sind, müssen einbezogen werden, also auch Bürger, Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Wissenschaft.

Ich setze da viel Hoffnung auf den neu geschaffenen parlamentarischen Ausschuss zur Digitalen Agenda, der sich den Themen der digitalen Agenda parteiübergreifend widmet. Er ist zwar – noch – nicht federführend, aber er bündelt auch jetzt schon wichtige Kompetenzen.

Eine Frage zum Abschluss, Frau Müller. Wo soll die Initiative D21 in einem Jahr stehen?

Müller: Wenn mich im Jahr 2015 jemand anspricht und sagt: „Mensch, Ihr lebt das selbst vor, wie eine digitale Gesellschaft funktioniert, auf Euren Events und in der Vereinsarbeit“, dann würde mich das freuen. Denn digitale Gesellschaft heißt für mich vernetzte Gesellschaft. Und in diesem Netzwerk verstehen wir uns als ein pulsierender Knoten. Ich sage ganz bewusst „Knoten in einem Netzwerk“, weil ich viele andere Akteure sehen, mit denen wir in Partnerschaft sehr viel mehr erreichen können, als allein.

Ich glaube auf dem Weg in das digitale Zeitalter tut dem Standort Deutschland eine Initiative wie die D21 gut. Weil wir eben immer einen Stück über den Tellerrand hinaus gucken und gleichzeitig versuchen, die unterschiedlichen Interessen und Bedarfe zusammenzubringen.

Als wir 1999 angefangen haben, mussten wir noch Überzeugungsarbeit für den digitalen Wandel leisten. Das haben wir erfolgreich getan. Heute geht es nicht mehr darum, „ob“ IuK-Technologien genutzt werden, sondern „wie“. Deshalb untersuchen wir das Nutzerverhalten. Erkennt der Einzelne, wie ihm das Internet nutzen kann? Wer nutzt es und wer nicht – und warum nicht? Nur 34 Prozent der Deutschen sind wirklich „digital souverän“. Wir müssen die Gründe besser kennen lernen und Lösungen finden. Digital souveräne und kompetente Bürgerinnen und Bürger sind schließlich die Voraussetzung für eine erfolgreiche digitale Gesellschaft. Hier gibt es noch viel zu tun.

Gleichzeitig möchten wir digitale Vernetzung aber auch vorleben. Das intensivieren wir gerade. Denn, was ist überzeugender, als digitale Medien selbst vorzuführen.

Und zum Dritten verstehen wir uns als Anspielpartner im politischen Prozess. Jemand, der die aktuellen Themen aufnimmt, verbreitet und den Dialog darüber befördert. Dabei verändert sich die D21 gemeinsam mit den politischen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen. Zuletzt haben wir das Thema „Digitale Medien in der Bildung“ sehr erfolgreich vorangetrieben. Aber auch eGovernment spielt eine große Rolle. Hier gucken wir ganz gespannt auf die Digitale Agenda, die sicher viele neue Aufgabenfelder und Themen für uns mitbringt. Denn die Bedeutung von digitaler Verwaltung als Standortfaktor wird meines Erachtens noch zunehmen.

(ID:42590806)