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Das Good Practice Framework Ein europaweites Netzwerk für vergleichendes Lernen

Autor / Redakteur: Dr. Arne Jaitner / Gerald Viola

Für die Europäische Kommission, Generaldirektion Informationsgesellschaft und Medien, ist der Austausch von eGovernment-Wissen auf allen Verwaltungsebenen der Europäischen Union ein Hauptziel. Das eGovernment Good Practice Framework (GPF) hat sich dabei als herausragendes Instrument erwiesen. Das Portal dokumentiert eGovernment-Fälle und macht sie durch eine intelligente Suchmaschine europaweit zugänglich. Um einen direkten Wissensaustausch zu ermöglichen, können registrierte Mitglieder ihre persönlichen Kontaktdaten veröffentlichen. Innerhalb des Portals stehen dem Nutzer verschiedene Informationsquellen zur Verfügung. Das GPF enthält Nachrichten, Publikationen, Angaben zu Veranstaltungen und Links zu anderen eGovernment-Internetseiten.

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( Archiv: Vogel Business Media )

Das Portal des GPF ist seit Mai 2005 unter www.egov-goodpractice.eu online. Seine Datenbank ist bis Oktober 2006 auf 274 Fälle und über 1.100 Mitglieder aus den Ländern der Europäischen Union angewachsen. Die Eingaben werden regelmäßig überprüft und aktualisiert. Das Informationsangebot wird täglich erweitert und bietet einen europaweiten Überblick zu einer großen Bandbreite von eGovernment-Themen. Das Projekt wird von BearingPoint mit dem Fraunhofer IAO und Fraunhofer FOKUS im Auftrag der Europäischen Kommission durchgeführt.

In dem aktuellen Gesamtkonzept für die Informationsgesellschaft i2010 der Europäischen Kommission wird der Austausch beispielhafter Verfahren als wichtiges Ziel genannt. Der Aktionsplan i2010 sieht einen verstärkten Wissenstransfer von bewährten Anwendungen und Vorgehensweisen innerhalb Europas vor; gleichzeitig soll der Umfang des Austausches gemessen werden (sharing milestones). Das GPF bietet sich für diese Aufgabe an, da es über die Anzahl der Fälle und Mitglieder auch quantitative Aussagen zur Entwicklung des Austauschs bietet. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie die Fälle hinsichtlich ihrer Relevanz für ein effektives und effizientes eGovernment besser dargestellt werden können.

Die Standardlösung für dieses Problem ist der systematische Vergleich von Dienstleistungen, Prozessen, Methoden und Praktiken zur Auffindung von Stärken und Schwächen. Meist wird dieses Verfahren als Benchmarking bezeichnet. Unter den Bedingungen eines im Internet frei zugänglichen Mitgliederportals ist diese Vorgehensweise jedoch nicht praktikabel:

  • Die in dem Mitgliederportal enthaltenen Fälle erheben keinen Anspruch auf Repräsentativität – auch wenn es im Rahmen von Qualitätssicherung und Vorauswahl eine Selektion gibt, ist eine quantitative Messbarkeit nicht gegeben.
  • Benchmarking würde verlässliche Kosten/Nutzen-Vergleiche der Projekte erfordern, die aufgrund unterschiedlicher europäischer Rahmenbedingungen und fehlender Messeinrichtungen (Zeitaufschreibung) nicht verfügbar sind.
  • Benchmarking hat einen kompetitiven Aspekt, der jedoch mit einem offenen Wissenstransfer nur bedingt vereinbar ist.

Der Wissensaustausch bezieht sich innerhalb des GPF vor allem auf qualitative Erfahrungen, die Beginn und Abschluss von Projekten betreffen. Für den angestrebten Wissenstransfer sind zwei Möglichkeiten ausschlaggebend: Vergleichen und Lernen. Zum Vergleich von Fällen stehen im GPF gegenwärtig eine Reihe von Möglichkeiten bereit. So werden die Länder, aus denen die Fälle stammen, in einer zehn Positionen umfassenden Rangliste geführt (links unten auf der Startseite). Im Oktober 2006 führte Deutschland mit 44 Fällen, gefolgt von Italien mit 38 und Großbritannien mit 28. Außerdem wird die Anzahl der Besucher für jeden Fall aktuell ausgewiesen. Auch wenn diese Zahl natürlich abhängig vom Verfügbarkeitsdatum ist – ein neu eingestellter Fall hat notwendigerweise weniger Besucher als ein länger verfügbarer – bietet sie doch einen Anhaltspunkt für das Interesse der Nutzer an dem Eintrag. Nicht zuletzt besteht die Möglichkeit, den eigenen Fall mithilfe eines Fragenkatalogs zu bewerten. Dieses Self-Assessment errechnet aus den gegebenen Antworten automatisch eine Prozentzahl. Liegt der Wert über 80 Prozent, dann erhält der Fall eine Auszeichnung (Good Practice Label). Die Prozentzahl bietet den Nutzern einen weiteren Anhaltspunkt für die Qualität des Falles.

Expertendatenbank

Um aus den Fällen des GPF zu lernen, werden diese in einer 21 Punkte umfassenden Projektbeschreibung dargestellt. Außerdem sind die Daten der Kontaktperson der jeweils einreichenden Behörde verfügbar. Eine einfache und eine fortgeschrittene Suchfunktion erleichtert die Recherche in 26 Kategorien und entsprechend vielen Kombinationen. Die Expertendatenbank enthält Angaben zu Spezialgebieten, sodass auch hier eine themenspezifische Übersicht möglich ist. Nachrichten, Publikationen, Angaben zu Veranstaltungen und Links zu anderen eGovernment-Internetseiten runden das Angebot ab.

Wenn das Vergleichen von Fällen und das Lernen von ihren Ergebnissen die entscheidenden Aspekte des GPF sind, dann bietet sich Benchlearning als Leitbegriff an. Er vereint den Vergleichsaspekt mit dem Wissenstransfer und betont, dass es in erster Linie um eine kooperative Entwicklung von eGovernment in Europa geht.

Zugleich macht dieser Begriff deutlich, warum das GPF von Good Practice spricht (und nicht von Best Practice): Es geht nicht um den Anspruch, durch quantitative Analyse das beste Beispiel für ein Anwendungsfeld zu definieren, sondern um die Initiierung eines qualitativen Prozesses, der einen wechselseitigen Austausch und nicht zuletzt eine Konvergenz der europäischen eGovernment-Praxis vorantreibt. Die Hauptaufgabe des GPF ist es, Orientierungswissen bereitzustellen. Die Orientierung an beispielhaften Fällen wird gegenwärtig mit zwei Maßnahmen begleitet, die das Good Practice Framework in der Agenda der Europäischen Kommission verwurzeln sollen:

  • Die Einbindung in Themen, die auf der Konferenz von Manchester beschlossen wurden und
  • die Zusammenführung von GPF und eGovernment Observatory.

Die Themen von Manchester wurden auf einer gemeinsamen Konferenz der Europäischen Kommission und der damaligen britischen Präsidentschaft im November 2005 beschlossen. Sie sind eine Grundlage des i2010-Programms und werden von den Arbeitsgruppen der Europäischen Kommission vorangetrieben.

Klubs und öffentliche Kanäle

Zu diesen Themen wurden im Rahmen des Good Practice Framework Veranstaltungen in Brüssel, Berlin, Warschau und Paris organisiert. Zu jeder Veranstaltung ist für das betreffende Thema ein öffentlich zugänglicher Kanal verfügbar, der die relevanten Nachrichten, Publikationen und Links bündelt.

Zu den Themen wurden außerdem Klubs eingerichtet, in denen vertrauliche Informationen ausgetauscht werden. Die Klubs sind exklusiv für die Mitglieder der Arbeitsgruppen der Europäischen Kommission zugänglich; der Zugang erfolgt über die Ernennung durch die Arbeitsgruppenleiter.

Mit einer Veranstaltung zu Electronic Identity im Januar 2007 im belgischen Leuven wird dieser Prozess abgeschlossen. Wie die Vorgängerveranstaltungen wird auch dieser Workshop auf dem Portal und in dem Rundbrief des GPF angekündigt.

Die Angebote des eGovernment Observatory ...

... sind in vieler Hinsicht komplementär zum GPF. Während das GPF sich auf den Wissenstransfer konzentriert, bietet das Observatory einen Überblick zu der eGovernment-Entwicklung in der EU (einschließlich der Beitrittskandidaten und assoziierten Länder). Die eGovernment-Factsheets beschreiben die nationalen Initiativen und den Stand ihrer Umsetzung. Wie das GPF enthält das Observatory Nachrichten, Publikationen, ein Forum und Angaben zu Veranstaltungen – allerdings sind hier alle eGovernment-betreffenden Themengebiete angesprochen. Um die Angebote von Observatory und Good Practice Framework zu bündeln, hat die Europäische Kommission eine Fusion beider Portale im kommenden Jahr beschlossen. Das GPF wird damit weiterhin eine wichtige Rolle in der EU-weiten, strategischen Verbreitung und Entwicklung von umfassenden eGovernment-Dienstleistungen spielen.

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(ID:2007113)