Das Good Practice Framework

Ein europaweites Netzwerk für vergleichendes Lernen

18.12.2006 | Autor / Redakteur: Dr. Arne Jaitner / Gerald Viola

Für die Europäische Kommission, Generaldirektion Informationsgesellschaft und Medien, ist der Austausch von eGovernment-Wissen auf allen Verwaltungsebenen der Europäischen Union ein Hauptziel. Das eGovernment Good Practice Framework (GPF) hat sich dabei als herausragendes Instrument erwiesen. Das Portal dokumentiert eGovernment-Fälle und macht sie durch eine intelligente Suchmaschine europaweit zugänglich. Um einen direkten Wissensaustausch zu ermöglichen, können registrierte Mitglieder ihre persönlichen Kontaktdaten veröffentlichen. Innerhalb des Portals stehen dem Nutzer verschiedene Informationsquellen zur Verfügung. Das GPF enthält Nachrichten, Publikationen, Angaben zu Veranstaltungen und Links zu anderen eGovernment-Internetseiten.

Das Portal des GPF ist seit Mai 2005 unter www.egov-goodpractice.eu online. Seine Datenbank ist bis Oktober 2006 auf 274 Fälle und über 1.100 Mitglieder aus den Ländern der Europäischen Union angewachsen. Die Eingaben werden regelmäßig überprüft und aktualisiert. Das Informationsangebot wird täglich erweitert und bietet einen europaweiten Überblick zu einer großen Bandbreite von eGovernment-Themen. Das Projekt wird von BearingPoint mit dem Fraunhofer IAO und Fraunhofer FOKUS im Auftrag der Europäischen Kommission durchgeführt.

In dem aktuellen Gesamtkonzept für die Informationsgesellschaft i2010 der Europäischen Kommission wird der Austausch beispielhafter Verfahren als wichtiges Ziel genannt. Der Aktionsplan i2010 sieht einen verstärkten Wissenstransfer von bewährten Anwendungen und Vorgehensweisen innerhalb Europas vor; gleichzeitig soll der Umfang des Austausches gemessen werden (sharing milestones). Das GPF bietet sich für diese Aufgabe an, da es über die Anzahl der Fälle und Mitglieder auch quantitative Aussagen zur Entwicklung des Austauschs bietet. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie die Fälle hinsichtlich ihrer Relevanz für ein effektives und effizientes eGovernment besser dargestellt werden können.

Die Standardlösung für dieses Problem ist der systematische Vergleich von Dienstleistungen, Prozessen, Methoden und Praktiken zur Auffindung von Stärken und Schwächen. Meist wird dieses Verfahren als Benchmarking bezeichnet. Unter den Bedingungen eines im Internet frei zugänglichen Mitgliederportals ist diese Vorgehensweise jedoch nicht praktikabel:

  • Die in dem Mitgliederportal enthaltenen Fälle erheben keinen Anspruch auf Repräsentativität – auch wenn es im Rahmen von Qualitätssicherung und Vorauswahl eine Selektion gibt, ist eine quantitative Messbarkeit nicht gegeben.
  • Benchmarking würde verlässliche Kosten/Nutzen-Vergleiche der Projekte erfordern, die aufgrund unterschiedlicher europäischer Rahmenbedingungen und fehlender Messeinrichtungen (Zeitaufschreibung) nicht verfügbar sind.
  • Benchmarking hat einen kompetitiven Aspekt, der jedoch mit einem offenen Wissenstransfer nur bedingt vereinbar ist.

Der Wissensaustausch bezieht sich innerhalb des GPF vor allem auf qualitative Erfahrungen, die Beginn und Abschluss von Projekten betreffen. Für den angestrebten Wissenstransfer sind zwei Möglichkeiten ausschlaggebend: Vergleichen und Lernen. Zum Vergleich von Fällen stehen im GPF gegenwärtig eine Reihe von Möglichkeiten bereit. So werden die Länder, aus denen die Fälle stammen, in einer zehn Positionen umfassenden Rangliste geführt (links unten auf der Startseite). Im Oktober 2006 führte Deutschland mit 44 Fällen, gefolgt von Italien mit 38 und Großbritannien mit 28. Außerdem wird die Anzahl der Besucher für jeden Fall aktuell ausgewiesen. Auch wenn diese Zahl natürlich abhängig vom Verfügbarkeitsdatum ist – ein neu eingestellter Fall hat notwendigerweise weniger Besucher als ein länger verfügbarer – bietet sie doch einen Anhaltspunkt für das Interesse der Nutzer an dem Eintrag. Nicht zuletzt besteht die Möglichkeit, den eigenen Fall mithilfe eines Fragenkatalogs zu bewerten. Dieses Self-Assessment errechnet aus den gegebenen Antworten automatisch eine Prozentzahl. Liegt der Wert über 80 Prozent, dann erhält der Fall eine Auszeichnung (Good Practice Label). Die Prozentzahl bietet den Nutzern einen weiteren Anhaltspunkt für die Qualität des Falles.

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