Geschichte digital erforschen, entdecken und erzählen eGovernment steigert das Bürgerengagement

Redakteur: Manfred Klein

Die Inhalte des Stadtarchivs mitgestalten, die Stadthistorie mit selbst Erlebtem vervollständigen und mit persönlichen Erinnerungen versehen? Für die Bürger der Stadt Coburg seit Kurzem kein Problem mehr. Durch Web-2.0-Technologien wird den Coburgern die direkte Mitgestaltung ihres neuen Stadtarchivs eröffnet.

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Franz-Reinhard Habbel, Sprecher des DStGB, hofft, dass das digitale Stadtarchiv andernorts Schule macht
Franz-Reinhard Habbel, Sprecher des DStGB, hofft, dass das digitale Stadtarchiv andernorts Schule macht
( Archiv: Vogel Business Media )

Unterstützt wird das Projekt Digitales Stadtgedächtnis auch vom Deutschen Städte- und Gemeindebund (DStGB). Dazu der Sprecher des DStGB Franz-Reinhard Habbel: „Wir unterstützen das Coburger Projekt, weil wir davon überzeugt sind, dass solche Plattformen einen wesentlichen Beitrag zur ePartizipation leisten können. Es wäre daher wünschenswert, wenn auch andere Städte dem Coburger Beispiel folgen und vergleichbare Angebote aufbauen würden.“

Grundlage des interaktiven Stadtarchivs ist eine eigens dafür aufgesetzte Internetplattform. Diese ermöglicht es, die Inhalte des Stadtgedächtnisses aktiv mitzubestimmen sowie eigene kleine Bildarchive und individuelle Geschichten mit einzubringen. Zudem ist das Online-Stadtarchiv Teil der umfangreichen Strategie Wir@Coburg. Zentraler Bestandteil dieses, im Rahmen der Coburger eGovernment-Initiative umgesetzten Projektes, ist der Versuch, die Bürgerinnen und Bürger zu einem verstärkten Engagement zu animieren. Folgerichtig gibt es bei Wir@Coburg inzwischen eine ganze Reihe weiterer Anwendungen, die in diese Richtung zielen.

So bietet die Stadt auf ihrer eGovernment-Plattform unter anderem eine Pflegeplatz- sowie eine Freiwilligenbörse und das Stadtratsfernsehen. Das Digitale Stadtgedächtnis ist also nur das aktuellste eGovernment-Projekt. Dazu die Verantwortlichen in Coburg: „Das Digitale Stadtarchiv ist die neueste Entwicklung hin zu mehr speziellen eCity-Anwendungen, die möglichst viele direkte Vorteile für den Lebens- und Wirtschaftsstandort Coburg nach sich ziehen sollen.“

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Zum Projektstart gab´s eine Pflegeplatzbörse

Offiziell gestartet wurde das Projekt Wir@Coburg im vergangenen Jahr mit der Einführung einer digitalen Pflegeplatzbörse, die eine genaue Auflistung und Beschreibung sowie auch den genauen Standort von freien Pflegeplätzen umfasst. Kurz darauf folgte eine Freiwilligenbörse, die es all denjenigen, die sich gerne in und um Coburg freiwillig engagieren wollen, ermöglichen soll, eine geeignete Tätigkeit für ihr Engagement zu finden. Die auf dem Portal angebotenen Möglichkeiten reichen von Besucher- und Betreuungsdiensten über Hausaufgabenbetreuung und Fahrdiensten hin zur Hospizarbeit oder der Tierbetreuung. Das eingeführte Stadtratsfernsehen liefert den Coburger Bürgern zudem seit rund einem Jahr einen umfangreichen Einblick in die Abläufe und Arbeitsprozesse des Stadtrats. Nach jeder Sitzung werden kurze Filmbeiträge und Interviews, die Inhalte der Sitzungen kurz thematisch zusammenfassen, für den Besucher der Seite zur Verfügung gestellt. Weitere digitale Börsen und Plattformen sind derzeit in Planung, so die Online-Managerin Karin Engelhardt der Stadt Coburg.

Die Innovationsstärke des deutschlandweit einmaligen Projektes Digitales Stadtgedächtnis zeigt sich auch daran, dass die Juroren des von BearingPoint und Cisco ausgerichteten eGovernment-Wettbewerbs das Projekt in diesem Jahr auf das Siegertreppchen hoben. In der Kategorie „Next Generation Service“ erreichten die Coburger mit ihrem Projekt den ersten Platz.

Das Digitale Stadtgedächtnis setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen. Der Besucher kann sowohl die eigene Stadtgeschichte erforschen, als auch zahlreiche vergangene Ereignisse entdecken sowie aus seiner eigenen Geschichte erzählen. Um historische Nachforschungen anzustellen, werden Fakten aus der Coburger Stadtgeschichte in Form kurzer Einträge auf einem interaktiven Zeitstrahl dargestellt. Anhand des Zeitstrahls erhält der Besucher somit einen Einblick in sämtliche geschichtliche Ereignisse eines beliebig ausgewählten Jahres. Auf einer interaktiven Stadtkarte werden wiederum die Einträge des Zeitstrahls angezeigt. Ein virtueller Gang führt damit Ereignis und Ort des Geschehens für den Besucher zusammen. Über eine benutzerfreundliche Eingabemaske haben die Coburger Bürger die Möglichkeit, ihre eigenen Erinnerungen und Geschichten mit in das digitale Stadtgedächtnis einfließen zu lassen.

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Die schwierige Suche nach Kooperationspartnern

Die individuellen Erlebnisse und Erzählungen sollen die Coburger Geschichte lebendig werden lassen und sie für jedermann anschaulich machen. Das Ziel der Projektverantwortlichen: Durch das Zusammentragen von Geschichten aller Generationen soll so eine nahezu vollständige Coburger Stadthistorie entstehen, erklärt Engelhardt.

Ergänzt werden die Berichte durch multimediale Inhalte in Form von Filmbeiträgen, Fotos und anderen Dokumenten, die es ermöglichen, die dokumentierte Geschichte für den Besucher noch greifbarer zu machen. Ein weiterer Nutzeffekt: Auch der Geschichtsunterricht in den Coburger Schulen soll langfristig mithilfe des digitalen Stadtgedächtnisses lebendiger und verständlicher gestaltet werden. Die Macher erhoffen sich davon nicht nur ein gesteigertes Interesse der Jugend an Geschichte allgemein, über das Projekt soll bei den Jugendlichen auch die Lust an einem Museums- oder Archivbesuch geweckt werden.

„Das Digitale Stadtgedächtnis verstehe sich dabei auch als eine Art vernetzender Multiplikator“, sagt Engelhardt. Letztlich werde vor allem der Austausch unter den verschiedenen Generationen gefördert und das Prinzip, dass die Jungen von den Älteren sowie umgekehrt lernen, in vollem Umfang ausgeschöpft. So werde insbesondere der generationsübergreifende Zusammenhalt der Coburger gestärkt.

Bei der Umsetzung des Projektes arbeitete das Projektteam mit zahlreichen Kooperationspartnern zusammen. „Das Stadt- und Staatsarchiv, die Landesbibliothek sowie die Historische Gesellschaft waren nur einige derjenigen Partner, die ihre Ideen in das Digitale Stadtgedächtnis einfließen ließen“, so Karin Engelhardt.

Dass Projekte dieser Art das Interesse der Bürger treffen, zeigt die überaus positive Resonanz, die es durch die Coburger erfährt. Karin Engelhardt: „Die Bürger nutzen das Angebot sehr rege.“ Gerade viele ältere Zeitzeugen würden sich melden und ihr Wissen weitergeben wollen. Im Herbst werde man daher noch weitere kleinere Teilprojekte zum Digitalen Stadtgedächtnis in Form von einzelnen Schulprojekten oder einem Projekt zu einem Mehrgenerationenhaus starten. „Da rechne wir erneut mit einem Schub an Aufmerksamkeit“, sagt Engelhardt.

Inzwischen zeigen sich auch andere Kommunen und Städte an dem Projekt interessiert. Das lässt sich aus einer Online-Präsentation des Projektes schließen, die Coburger Verantwortliche in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Städte- und Gemeindebund durchführten. In der Präsentation wurden das Digitale Stadtgedächtnis und weitere Wir@Coburg-Projekte vorgestellt. 20 Teilnehmer folgten der Einladung und nutzten die Möglichkeit des Erfahrungsaustausches.

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Kommunen zeigen Interesse

Stellt sich die Frage, was andere Kommunen und deren Verwaltungen aus diesem Projekt lernen können. Dazu Engelhardt in ihrer Präsentation: „Ein Projekt dieser Art bedarf einer langen und exakten Vorbereitung. Die Aufarbeitung und die Arbeit mit historischen Daten ist nicht einfach, weswegen man grundsätzlich auf viele Kooperationspartner angewiesen sei. Das müssten auch andere Kommunen bei der Umsetzung solch neuartiger Projekte berücksichtigen.“

Ein weiteres Problem: Gerade kleinere Gemeinden können so anspruchsvolle Projekte nicht ohne geeignete Partner aus der Wirtschaft stemmen. Eine Erfahrung, die auch die Coburger Verantwortlichen machen mussten. Denn aufgrund der Komplexität des Projektes hatte die Stadt von lokalen Unternehmen leider nur Absagen erhalten. Erst mit dem Nürnberger Unternehmen contentXXL GmbH habe die Stadt einen geeigneten Implementierungspartner gefunden, so Engelhardt.

Der DStGB wird übrigens die Reihe der Online-Vorträge voraussichtlich Anfang nächsten Jahres mit dem Thema „Kulturwirtschaft und Kommunen“ fortsetzen.

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