Studie erforscht Zugang zu medizischer Versorgung

Droht die medizinische Zweiklassengesellschaft?

| Redakteur: Manfred Klein

Im Jahr 2011 wurden in das ISSP erstmalig Fragen zum Umgang mit knappen Ressourcen im Gesundheitswesen aufgenommen, die von 1.681 deutschen Bürgern – einer repräsentativen Stichprobe – beantwortet wurden. „Derartige Erhebungen sind unverzichtbar, um ein genaueres Bild darüber zu gewinnen, welche Kriterien den Umgang mit knappen Ressourcen aus der Sicht der Bevölkerung bestimmen sollten. Politische Entscheidungen zur Priorisierung im Gesundheitswesen sollten nicht über die Köpfe der Menschen hinweg getroffen werden“, so Dr. Christian Pfarr.

Wie ist zu verfahren, wenn zwei Herzpatienten in medizinischer Hinsicht gleichermaßen dringend eine Herzoperation benötigen, aber nicht zur selben Zeit operiert werden können? Sollte bei der Entscheidung, wer zuerst operiert wird, ins Gewicht fallen, ob ein Patient Raucher oder Nichtraucher ist, alt oder jung ist, Kinder hat oder nicht?

Die Antworten der Befragten sind nicht selten von eigennützigen Überlegungen geleitet – je nachdem, welcher dieser Kategorien sie selbst angehören. Angenommen, einer der zwei Herzpatienten ist Raucher, der andere Nichtraucher: Dann votieren 31 Prozent der befragten Nichtraucher dafür, dass der Nichtraucher zuerst eine Operation erhalten sollte; 68 Prozent von ihnen erklären hingegen, dass das Rauchverhalten kein Grund sei, einen der beiden Patienten zu bevorzugen.

Von den befragten Rauchern aber halten 82 Prozent diesen Unterschied für irrelevant, und deutlich weniger – nämlich nur 17 Prozent – meinen, dass der Nichtraucher früher operiert werden solle.

Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn über die beiden Patienten nicht mehr bekannt ist, als dass der eine 30 und der andere 70 Jahre alt ist. Von den Befragten, die jünger als 50 Jahre sind, wollen 45 Prozent den jüngeren Patienten bevorzugen. Nur etwas mehr als die Hälfte von ihnen – nämlich 53 Prozent – halten das Alter der Patienten bei der Entscheidung, wer zuerst operiert werden solle, für irrelevant. Bei den Befragten im Alter ab 50 Jahren steigt dieser Anteil auf 64 Prozent, während nur noch 35 Prozent dem jüngeren Patienten den Vorzug geben wollen.

Weniger auffällig sind die Unterschiede, wenn die Befragten über die beiden Patienten lediglich wissen, als dass der eine junge Kinder hat und der andere nicht. Dieser Unterschied solle keine Rolle spielen, meinen 66 Prozent der Befragten mit Kindern und 71 Prozent der Kinderlosen. Dass der Patient mit jungen Kindern zu bevorzugen sei, erklären 33 beziehungsweise 29 Prozent.

Dabei sind deutlich mehr Männer als Frauen der Meinung, der Patient mit Kindern solle vorrangig behandelt werden.

Wenn es also um die Frage geht, welche Kriterien bei der Gewährung knapper medizinischer Dienstleistungen ins Gewicht fallen sollten, machen offenbar nicht wenige Menschen in Deutschland die eigene Einstellung davon abhängig, inwieweit sie selbst diese Kriterien erfüllen oder nicht.

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