Verwaltung unter dem Einfluss der Digitalisierung

Droht die automatisierte Verwaltung?

| Autor / Redakteur: Prof. Dr. Hermann Hill, Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften, Speyer / Manfred Klein

Der Weg zur agilen Verwaltung

In verschiedenen Ländern wird über Gebietsreformen gestritten. Dabei verschwimmen durch die Digitalisierung zunehmend die Verwaltungsgrenzen. Plattformen oder Clouds bieten die Möglichkeiten einer zentralen Lagerung und Verwaltung von Daten, der mobile Bürger will seine Unterschrift, soweit sie noch erforderlich ist, elektronisch und von unterwegs leisten, allenfalls noch in einheitlichen Anlaufstellen oder Verwaltungskiosken vorbeischauen, in denen ebenenübergreifend Dienstleistungen angeboten werden.

Verwaltungen können in einer volatilen Welt nicht mehr nur linear und standardisiert handeln, sondern sind aufgefordert, sich durch agile Vorgehensweisen ständig wechselnden Herausforderungen dynamisch anzupassen, nicht Masterpläne zu schmieden, die bei Auslieferung schon wieder veraltet sind, sondern „minimum viable solutions“ oder Prototypen zu entwickeln, die gemeinsam mit den Nutzern iterativ weiterentwickelt oder in Co-Production angepasst werden.

Weitergehend stellt sich sogar die Frage, ob Verwaltung (ebenso wie etwa Uber oder airbnb) in Zukunft für vermittelnde oder intermediäre Tätigkeiten noch gebraucht wird, oder ob nach der auch bei Bitcoin verwendeten Blockchain-Technologie dezentrale Rechner Register, wie etwa das Grundbuch, verwalten, Berechtigungen prüfen, Verträge („smart contracts“) schließen oder Zahlungen organisieren. Wenn auf diese Weise Bürokratie abgebaut und Sicherheit und Transparenz erhöht werden können, muss Verwaltung sich auf die Suche nach neuen Rollen begeben.

Sicherlich tut Verwaltung auch gut daran, nicht nach der Methode „Government knows best“ zu verfahren, sondern sich zu öffnen und durch „Open Political Innovation“ die Ideen und das Engagement von Bürgern und Stakeholdern bei der Lösung öffentlicher Aufgaben einzubeziehen.

Diese muss nicht in langwierigen Planungszyklen erfolgen, sondern kann durch experimentelle und pragmatische Vorgehensweisen, wie etwa Design Thinking, oder durch sog. Public Innovation Labs beschleunigt auf ihre Wirksamkeit hin getestet werden.

Für all dieses braucht es eine achtsame und vigiliante Verwaltung, die die Möglichkeiten der Digitalisierung nicht als Bedrohung empfindet, sondern neue digitale Kompetenzen entwickelt und sich pro-aktiv auf eine Nutzung der durch die Digitalisierung ermöglichten Chancen für die Lebens- und Arbeitswelt und die staatliche Gemeinschaft vorbereitet. Haben Staat und Verwaltung diese Chancen der Zeit erkannt? Wird die „vollziehende Gewalt“ zu einer die digitale Lebenswelt gestaltenden Gewalt oder steht eine „feindliche Übernahme“ von Verwaltungsfunktionen durch disruptionäre Entwicklungen und Akteure bevor?

Fazit

Für manche in der Verwaltung ist die Digitalisierung noch „Neuland“. Erneut ist aktives Change Management gefragt, als gemeinsame Entwicklung von organisationalen Kompetenzen, um der wechselseitigen Zunahme von Daten und technischen Möglichkeiten gerecht zu werden. „Wir schaffen das“ sagte der CIO des Landes Nordrhein-Westfalen, Hartmut Beuß, bei der Podiumsdiskussion in Münster. „Gemeinsam“ möchte man ergänzen, in Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis.

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