Verwaltung unter dem Einfluss der Digitalisierung Droht die automatisierte Verwaltung?

Autor / Redakteur: Prof. Dr. Hermann Hill, Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften, Speyer / Manfred Klein

Auf der Fachtagung MEMO 2016 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster wurden die Folgen der Digitalisierung für die Verwaltung diskutiert. eGovernment Computing bat den teilnehmenden Prof. Dr. Hermann Hill von der Deutschen Universität für Verwaltungs­wissenschaften Speyer, seine Position noch einmal pointiert zusammenzufassen.

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Wohin wird sich die Verwaltung unter dem Druck der Digitalisierung orientieren?
Wohin wird sich die Verwaltung unter dem Druck der Digitalisierung orientieren?
(Bild: Coloures-pic – Fotolia.com)

Eine häufig gehörte Erkenntnis lautet: „Was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert“. Ein anderes geflügeltes Wort: „Die Digitalisierung verändert alles“. Manche sprechen von Transformation im Sinne evolutionärer Veränderung, andere sogar von Disruption im Sinne des Aufbrechens oder der Auflösung bestehender Strukturen durch Digitalisierung. Jedenfalls erfolgen technologische Entwicklungen in immer kürzeren Zyklen. Damit stellt sich die Frage, ob Staat und Verwaltung darauf vorbereitet sind

Die Verwaltung ist aufgeteilt in verschiedene Ebenen, Ressorts, Behörden und Referate und arbeitet nach Zuständigkeiten, gesteuert von Hierarchien. Unternehmen und Bürger denken dagegen in Geschäftsmodellen oder Lebenslagen. Sie sind über das Internet umfassend informiert und vernetzt und wollen mit der Verwaltung am besten online in Kontakt treten. Über Smartphones können sie in Echtzeit und mobil alle notwendigen Informationen erhalten und verarbeiten. Ist der Verwaltungsmitarbeiter dazu ausgebildet und ausgerüstet oder laufen Verwaltungen Gefahr, durch Informationsasymmetrien und begrenzte Zuständigkeits- und Verantwortungsbereiche ins Hintertreffen zu geraten? Läuft der Staat dadurch Gefahr, Autorität einzubüßen und seinen hoheitlichen Ordnungs- und Steuerungsanspruch einschränken zu müssen?

Auslaufmodell klassische Verwaltungsverfahren?

Verwaltung ist verzweigt und fragmentiert, dafür aber ubiquitär und permanent vorhanden. Portale sollen eine gemeinsame Eingangstür bieten und Anfragen automatisch an die richtige Stelle weiterleiten. Ist das nicht dennoch noch ein „Brockhaus-Denken“ mit einer Vorhalteverwaltung, bei dem der Bürger mit einem umfassenden Angebot konfrontiert wird, auch wenn „das System“ den richtigen Ansprechpartner findet?

Sind solche „Zuständigkeitsfinder“ und festgelegte Prozessketten noch zeitgemäß? Sollte nicht vielleicht Verwaltung noch stärker als „Government as a Service“ organisiert sein und bedarfsgerecht, on demand, und interaktiv den Bürger bedienen, über Apps für konkrete Lebenslagen oder mit Callcentern und Innovation Labs zum Austausch und zur Problemlösung?

Die zunehmende Flut von Daten stellt Verwaltungen vor weitere Herausforderungen. Sie wird durch Smart-City-Konzepte mit vernetzten Sensoren noch weiter zunehmen. Die Analyse dieser Daten lässt sich längst nicht mehr in klassischen Verwaltungsverfahren bewältigen, autonome Systeme und Algorithmen übernehmen diese Aufgabe.

Diese „neuen Kollegen“ handeln indessen nach anderen Rationalitäten und Maßstäben als demokratisch legitimierte und rechtsstaatlich gebundene Verwaltungsbedienstete. Sie belassen es auch nicht bei der Datenauswertung, sondern verknüpfen diese mit Verhaltensnormierungen und faktischen Regelsetzungen. Mathematische Modelle können aber weder situatives Gestalten und Verwaltungskunst noch Bürgerverhalten in lebendigen Gemeinschaften ersetzen.

Zunehmend geraten Verwaltungen auch durch „parastaatliche Parallelstrukturen“ unter Druck, wie sie private Plattformanbieter darstellen. Wer die Daten hat, kennt die Interessen der Kunden und kann entsprechende Steuerungsanreize setzen oder Kontrollmechanismen aufbauen. Haben Google, Amazon, Facebook, Apple, Twitter & Co. über Suchmaschinen, Smartphones und soziale Netzwerke nicht schon längst umfangreichere, differenziertere und aktuellere Daten als sie die Verwaltung besitzt oder zwar besitzt, aber aus Datenschutzgründen nicht nutzen oder verknüpfen darf?

Könnten diese Datensammler nicht ohne großen Aufwand Identitätsfeststellungen, Registrierungen, Zustellungen, Dienstleistungen oder auch Regelungen in staatlichen Angelegenheiten vornehmen? Effizienz und Convenience sind indes kein Ersatz für gemeinwohlorientiertes Handeln.

Der Weg zur agilen Verwaltung

In verschiedenen Ländern wird über Gebietsreformen gestritten. Dabei verschwimmen durch die Digitalisierung zunehmend die Verwaltungsgrenzen. Plattformen oder Clouds bieten die Möglichkeiten einer zentralen Lagerung und Verwaltung von Daten, der mobile Bürger will seine Unterschrift, soweit sie noch erforderlich ist, elektronisch und von unterwegs leisten, allenfalls noch in einheitlichen Anlaufstellen oder Verwaltungskiosken vorbeischauen, in denen ebenenübergreifend Dienstleistungen angeboten werden.

Verwaltungen können in einer volatilen Welt nicht mehr nur linear und standardisiert handeln, sondern sind aufgefordert, sich durch agile Vorgehensweisen ständig wechselnden Herausforderungen dynamisch anzupassen, nicht Masterpläne zu schmieden, die bei Auslieferung schon wieder veraltet sind, sondern „minimum viable solutions“ oder Prototypen zu entwickeln, die gemeinsam mit den Nutzern iterativ weiterentwickelt oder in Co-Production angepasst werden.

Weitergehend stellt sich sogar die Frage, ob Verwaltung (ebenso wie etwa Uber oder airbnb) in Zukunft für vermittelnde oder intermediäre Tätigkeiten noch gebraucht wird, oder ob nach der auch bei Bitcoin verwendeten Blockchain-Technologie dezentrale Rechner Register, wie etwa das Grundbuch, verwalten, Berechtigungen prüfen, Verträge („smart contracts“) schließen oder Zahlungen organisieren. Wenn auf diese Weise Bürokratie abgebaut und Sicherheit und Transparenz erhöht werden können, muss Verwaltung sich auf die Suche nach neuen Rollen begeben.

Sicherlich tut Verwaltung auch gut daran, nicht nach der Methode „Government knows best“ zu verfahren, sondern sich zu öffnen und durch „Open Political Innovation“ die Ideen und das Engagement von Bürgern und Stakeholdern bei der Lösung öffentlicher Aufgaben einzubeziehen.

Diese muss nicht in langwierigen Planungszyklen erfolgen, sondern kann durch experimentelle und pragmatische Vorgehensweisen, wie etwa Design Thinking, oder durch sog. Public Innovation Labs beschleunigt auf ihre Wirksamkeit hin getestet werden.

Für all dieses braucht es eine achtsame und vigiliante Verwaltung, die die Möglichkeiten der Digitalisierung nicht als Bedrohung empfindet, sondern neue digitale Kompetenzen entwickelt und sich pro-aktiv auf eine Nutzung der durch die Digitalisierung ermöglichten Chancen für die Lebens- und Arbeitswelt und die staatliche Gemeinschaft vorbereitet. Haben Staat und Verwaltung diese Chancen der Zeit erkannt? Wird die „vollziehende Gewalt“ zu einer die digitale Lebenswelt gestaltenden Gewalt oder steht eine „feindliche Übernahme“ von Verwaltungsfunktionen durch disruptionäre Entwicklungen und Akteure bevor?

Fazit

Für manche in der Verwaltung ist die Digitalisierung noch „Neuland“. Erneut ist aktives Change Management gefragt, als gemeinsame Entwicklung von organisationalen Kompetenzen, um der wechselseitigen Zunahme von Daten und technischen Möglichkeiten gerecht zu werden. „Wir schaffen das“ sagte der CIO des Landes Nordrhein-Westfalen, Hartmut Beuß, bei der Podiumsdiskussion in Münster. „Gemeinsam“ möchte man ergänzen, in Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis.

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