Digitale Transformation und Regierungsbildung

Digitalisierung mit Augenmaß gestalten

| Autor / Redakteur: Dr. Philipp Müller / Manfred Klein

Es zeichnete den Menschen schon immer aus, dass er neue Technologien nicht nur nutzte, sondern sie auch in seine Kultur integrierte. Das ist auch wieder notwendig
Es zeichnete den Menschen schon immer aus, dass er neue Technologien nicht nur nutzte, sondern sie auch in seine Kultur integrierte. Das ist auch wieder notwendig (© rgbspace – stock.adobe.com)

Die enttäuschten Reaktionen auf den geplanten GroKo-Koalitionsvertrag haben gezeigt, dass die Politik in Sachen Digitalisierung immer noch nicht ihren Modus Operandi gefunden hat. Soll die digitale Transformation gelingen, dann muss die digitale Welt verstanden, über Organisationsgrenzen hinweg orchestriert und mit Leidenschaft und Augenmaß gestaltet werden.

Wer immer die neue Bundesregierung stellt, hat in der nächsten Legislaturperiode mit der digitalen Transformation eine Querschnittsaufgabe vor sich, die für die Zukunft unseres Landes entscheidend sein wird. Und die Kombination aus Technologieeinsatz, neuen paradigmatischen Denkansätzen und Gestaltungswillen wird darüber entscheiden, ob das gelingen kann. Es ist nicht das erste Mal in der Menschheitsgeschichte, dass diese Art von Fragen auf unserem Territorium verhandelt wird. Und es lohnt sich, einen Blick zurück zu werfen, um sie einzuordnen, zu schärfen und dann zu konkreten Handlungs- und Gestaltungsempfehlungen in der Gegenwart zu kommen.

Vor rund 50.000 Jahren brachte eine Subspezies der Gattung Homo eine Reihe neuer Technologien mit animistischen Ideen zusammen. In der Höhle zum Hohle Fels in Schelklingen auf der Schwäbischen Alb und in einigen weiteren Eiszeithöhlen der Umgebung wurden zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte die drei modernen Kunstformen Malerei, Skulptur und Musik integriert.

Die Kombination von konkreter und abstrakter Malerei, kultischen Figuren – wie dem bekannten Löwenmenschen und der Fruchtbarkeitsgöttin – und Vogelknochenflöten erlaubte dieser Subspezies (Sapiens) sich durch die entstehende Spiritualität besser als andere zu organisieren und sich damit gegen andere Subspezien wie dem Neanderthalensis durchzusetzen. Vor 5.000 Jahren waren es dann wiederum im Südwesten Deutschlands die Kelten, die mit Technologien des Ackerbaus, des Hausbaus und der Bronzeproduktion die neuen technologischen Entwicklung zu einer Netzwerkökonomie kombinierten. Die Folge dieser Verschmelzung war, dass sie mit Pyrene, heute Heuneburg, die größte Stadt Nordeuropas gründeten und unterhielten.

Vor 500 Jahren sorgte dann die Basistechnologie des Buchdrucks in Kombination mit der von Martin Luther niedergeschriebenen neuen Art zu denken und dem Organisationsprinzip des entstehenden Kapitalismus dafür, dass eine eher langweilige Einladung für ein wissenschaftliches Seminar – die 95 Thesen – millionenfach verbreitet wurde und zu einer handfesten, mehr als 100 Jahre währenden Governance-Krise führte.

Was hat das jetzt mit Digitalisierung zu tun?

Digitalisierung umfasst unterschiedliche Basistechnologien, die erst in Kombination mit neuem Denken, Wissen und Gestaltungswillen ihr Potenzial entfalten. Im Jahr 2017 handelt es sich bei den entscheidenden Technologien der Digitalisierung erstens um die Künstliche Intelligenz (KI) und die Frage, was man alles mit strukturierten und unstrukturierten Daten machen kann, zweitens um Cloud Computing, also die Trennung von Datenspeicherung und territorialem Zugriff, drittens um das Internet der Dinge und damit um die Frage, wo eine eindeutig zugeordnete digitale oder analoge Wertschöpfung stattfindet, und viertens um den Raum der Biologie, wo es darum geht, in das humane Genom einzugreifen oder die Anschlussfähigkeit biologischer Systeme an die Welt der Digitalisierung zu testen.

Die Digitalisierung eröffnet uns neue Möglichkeitsräume, die wir gedanklich durchdringen müssen, um sie gestalten zu können. Aus den historischen Beispielen lernen wir, dass es darauf ankommt Basistechnologien intelligent mit neuen Ideen und Gestaltungswillen zu kombinieren. Für die nächste Legislaturperiode geht es also darum, unterschiedliche, miteinander verknüpfte Herausforderungen zu meistern:

--> Der Maschinenraum: Wir müssen uns der technologischen Themen annehmen, die eher dem „Maschinenraum“ der Digitalisierung zugeordnet werden können, wie der Breitbandausbau, die Registermodernisierung und die Implementierung der EU-Prinzipien Digital-by-default, Cross-border by default, Once-only principle, Inclusive by default. Johannes Ludewig vom Normenkontrollrat argumentiert im NKR-Gutachten von 2017: „Im Maschinenraum der digitalen Verwaltung muss kräftig aufgeräumt werden, wenn Deutschland zukunftsfähig bleiben will. Andere Länder machen erfolgreich vor, wie es geht. Mit dem vorliegenden Gutachten sind Handlungsbedarf und -empfehlungen klar formuliert. Es liegt nun in der Hand der sich neu bildenden Regierung, ob die digitale Verwaltung in den kommenden vier Jahren für Bürger und Unternehmen erlebbare Wirklichkeit wird – oder nicht!“.

--> Der Orchestergraben: Politik muss sich der orchestrierenden Aufgaben annehmen, das Denken in Gestaltung zu übersetzen. Politik und Verwaltung müssen noch besser werden, Governance-Systeme aufzusetzen und Ökosysteme zu managen, ob in der IT-Konsolidierung des Bundes mit dem ITZ Bund, der BWI, der Zusammenarbeit mit den regionalen IT-Dienstleistern wie der Dataport oder in der Zusammenarbeit mit der Industrie – etwas, das in Estland mit X-Roads funktioniert hat. Das braucht technisches Wissen über Industrie-Standards und wie sich Digitalisierung weiterentwickelt und die Fähigkeit diese nicht nur umzusetzen, sondern die Umsetzung auch zu steuern.

--> Mit Leidenschaft und Augenmaß: Wir müssen die kreative Übersetzung neuer Technologien in Wertschöpfungs-, Geschäfts-und Vorgehensmodelle bewältigen. Digitalisierung umfasst im Jahr 2018 längst nicht mehr nur die Vernetzung von Informationen, sondern die Integration von künstlichen Intelligenz mit dem Internet der Dinge und Wertschöpfung (Distributed-Ledger-Technologien/Blockchain). Hier geht es um mehr als Umsetzungsherausforderungen. Wir müssen uns neu auf die entstehenden Situationslogiken neuer Digitaltechnologien einlassen und prüfen, inwiefern sie unsere Wertschöpfung, Geschäfts- und Vorgehensmodelle beeinflussen könnten. Viktor Mayer-Schönberger und Thomas Ramge argumentieren in „Das Digital“ (2017), dass ein über den Preis geregelter Markt eine notwendige Abkürzung war, um in einer Welt, wo Information teuer war, Käufer und Verkäufer zusammen zu bringen. Sie argumentieren, dass diese Abkürzung viel weniger wichtiger wird, je weiter wir uns in eine Welt bewegen, wo Informationen über alles viel einfacher verfügbar sind, und damit auch die Bedeutung von Geld als Mediator nachlässt. Die Auseinandersetzung mit solchen Fragen ist für die Sicherung unserer Gesellschaft von höchster Bedeutung.

Dicke Bretter bohren

Die neue Bundesregierung muss also sehr unterschiedliche aber synergetische Kompetenzen zusammenbringen, um die Digitalisierung erfolgreich zu gestalten: Nämlich die Fähigkeit Digitalisierung gedanklich zu durchdringen, über Grenzen hinweg zu orchestrieren und mit Leidenschaft zu gestalten. Und das ist ein originär politisches Projekt. Es ist ja genau das „Bohren dicker Bretter mit Leidenschaft und Augenmaß“, was nach Max Weber die Politik ausmacht.

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