Interview Digitalisierung erzwingt Neuorientierung

Autor: Manfred Klein

Die Digitalisierung erzwingt eine Neuorientierung der Verwaltung. Wohl selten war das Wort vom Paradigmenwechsel angebrachter als gerade in diesem Zusammenhang. Doch wie lässt sich der damit verbundene Wandel erfolgreich gestalten?

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(Bild: © Weissblick - Fotolia)

eGovernment Computing sprach darüber mit Dr. Philipp Müller, dem neubestellten Public-Sector-Chef von CSC.

Herr Müller, welches sind die großen Herausforderungen im Public Sector in den nächsten Jahrzehnten?

Müller: Digitalisierung verändert unsere Lebenswelten, Unternehmen, Verwaltung und Politik radikal. Sie erlaubt ein neues Verständnis von Menschheit mit allen Risiken und Chancen, Herausforderungen und Möglichkeitsräumen. Die Veränderung ist wahrscheinlich genauso radikal wie die landwirtschaftliche Revolution vor 10.000 Jahren.

Was bedeutet das? Wir müssen weg von der Idee, dass es sich nur um technische Fragestellungen – zum Beispiel die effizientere Gestaltung von Prozessen – handelt. In den Mittelpunkt unserer Überlegungen müssen globalere Fragestellungen rücken. Etwa, wie kann unter den Bedingungen der Digitalisierung eine Organisation Werte schaffen? Wie strukturieren wir die Wertschöpfungsnetzwerke und wie stellen wir die (finanzielle) Nachhaltigkeit unseres Tuns sicher?

Das ist sehr allgemein gesprochen, aber was heißt das konkret?

Müller: Die Radikalität wird uns immer nur an Beispielen bewusst. Meine Frau ist Lehrerin an einer Schule in München, die direkt neben dem Hauptbahnhof liegt und deshalb im Sommer als Erstauffangslager für Flüchtlinge diente. Als am ersten Sonntagabend die professionellen Helfer vom Rotem Kreuz und Technischem Hilfswerk nach Hause gehen mussten und es nicht klar war, wie das Team für die nächste Woche zusammengestellt werden konnte, reichte ein Facebook-Aufruf, um innerhalb von zwei Stunden ein Team von 60 Helfern für die nächsten fünf Tage zusammenzustellen – in Beratersprache übersetzt sind das 300 Personentage.

Digitalisierung bedeutet also eine im Wortsinn metaphysische, also jenseits des Dinglichen liegende, Veränderung der Bedingungen, die uns als Menschen und Menschheit definieren. Digitalisierung, wie wir sie im Jahr 2015 beschreiben, also die Kombination von Internettechnologien, Cloud-Logik, Sensoren und Aktoren des Internets der Dinge, Mobilität und Datenanalyse sowie künstlicher Intelligenz wird unsere Lebenswelten, Organisationen und Gesellschaften radikal verändern.

Wir reden doch schon seit den 1970er Jahren über die Informatisierung der Verwaltung? Dennoch funktioniert die Verwaltung in weiten Bereichen noch ziemlich analog, auch wenn der Einsatz der Informationstechnologie natürlich beständig angestiegen ist. Wo­ran liegt's?

Müller: Wenn die vergangenen 20 Jahre im eGovernment als Übersetzung von analogen Prozessen ins Digitale verstanden wurde, also als Effizienzsteigerungsmaßnahme, dann ist die Digitalisierung von Verwaltung als Übertragung von emotional besetzten Themen, wie Rechtssicherheit und Umverteilung, auf eine neue Organisationslogik zu werten. Konkret heißt das, dass jede Organisationseinheit ihre Strategie, ihre Organisationslogik beziehungsweise ihr Vorgehensmodell reflektieren muss.

Dieser Wandel geht also nicht nur die IT-Abteilungen an. Das findet seinen Ausdruck inzwischen auch in den Organisationsstrukturen von Unternehmen, indem etwa neben dem Chief Information Officer (CIO) ein Chief Digital Officer (CDO) etabliert wird. Deren Aufgabe ist es, als Sparringpartner des Chief Executive Officers (CEO), die strategische und organisatorische Transformation der Organisation zu gestalten.

Was bedeutet das für die Verwaltung?

Müller: Die mitteleuropäische Verwaltung, insbesondere in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz ist die beste, die es auf diesem Planeten gibt. Verwaltung wurde hier erfunden, egal ob wir uns auf Stein-Hardenberg, Montgelas, Maria Theresia oder Max Weber beziehen. Die Grundprinzipien dieser Verwaltung – zum Beispiel Rechtsstaatlichkeit, Legalität, Effizienz, verbunden mit einer Sensibilität für Umverteilungs- und Infrastrukturprobleme und gesellschaftliche Folgewirkungen – müssen wir auch in der Digitalisierung bewahren. Aber eben nicht, indem wir eAkten als elektronische Papierakten übersetzen, sondern indem wir die Kollaboration und Wissensmanagement zwischen den beteiligten Referenten, Abteilungsleitern, Staatssekretären ermöglichen.

Wie bringen Sie sich in diesen Gestaltungsprozess ein?

Müller: Die IT-Industrie hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Da wir bei CSC relativ früh damit begonnen haben, uns mit den Folgen zu beschäftigen, sind wir jetzt in dem Bereich, den wir Next-Generation-Technology nennen, oft weiter als unsere Mitbewerber. Deutlich wird das zum Beispiel bei den Themen Enterprise Cloud und Managed Security Services. Und unsere Fachberater verstehen die Logik digitaler Geschäftsprozesse. Wir halten den Rahmenvertrag für Wissensmanagement, Kollaboration und Web 2.0 der Bundesbehörden und haben die Stadt Wien bei ihrer Digitalen Agenda begleitet.

Wir sehen unsere Rolle also einerseits in der strategischen Beratung und helfen unseren Kunden die Digitalisierungsfragen anzugehen, begleiten unsere Kunden aber auch andererseits als „Systeminegratoren“ bei der konkret Umzusetzung. Beim Thema eAkte sieht man das schön. eAkte-Projekte können einfache Effizienzsteigerungsprojekte sein oder aber die die Art und Weise wie wir zusammenarbeiten, grundlegend verändern. Als Software-unabhängiges Unternehmen können wir da mit unseren Kunden gemeinsam an der fachlich sinnvollsten Lösung bauen.

Zur Zeit wird ja viel über IT-Konsolidierung des Bundes gesprochen ...

Müller: Beim Thema Infrastruktur werden in diesem und im nächsten Jahr die entscheidenden Weichen gestellt. So wurde Cloud bisher immer als eine binäre Entscheidung verstanden, in dem Sinne: Cloud oder keine Cloud? In Wirklichkeit ist daraus längst eine Organisationsfrage geworden! Entscheidend ist doch, wie ich die unterschiedlichen Cloud-Lösungen meiner Verwaltung manage?

Die Bildbestände des städtischen Museums liegen vielleicht am besten in einer Amazon-Cloud, die Mitarbeiterdaten auf einer „on-premise cloud“, aber das Management muss durch eine intelligente Logik gewährleistet werden. IT-Sicherheit ist natürlich eine multi-dimensionale Angelegenheit. Hier brauchen wir technische, juristischen Maßnahmen und kulturelle Maßnahmen.

Sie verantworten in Ihrer neuen Funktion Zentral- und Osteuropa? Wie hängt das zusammen?

Müller: Wir arbeiten sehr eng miteinander und lernen voneinander. Die Schweiz und Österreich sind zur Zeit ein wenig weiter, wenn es um die Cloud-Strategien von Verwaltungen und verwaltungsnahen öffentlichen Organisationen geht. In anderen Fragen schauen die Kollegen aus den anderen Ländern auf das, was wir hier in den letzten Jahren und Monaten erreicht haben.

Das Partizipationsprojekt zum Open-Data-Aktionsplan der Bundesregierung ist da ein Beispiel. Wir merken auch, dass die Idee von „smart shoring“, dem intelligenten Einsatz von Ressourcen aus osteuropäischen Ländern, inzwischen ein wichtiges Thema für die Öffentliche Verwaltung geworden ist, da so Kosten reduziert werden können, ohne das juristische Risiken eingegangen werden müssen.

Sie kommen ja aus der Wissenschaft, sind aber seit fünf Jahren bei CSC, wie nehmen sie die Unternehmenskultur war?

Müller: Wir brennen für den öffentlichen Sektor. In der heutigen Zeit für Kunden in der deutschen Verwaltung arbeiten zu dürfen, ist ein großes Privileg. Hier wird entschieden, ob wir es schaffen, die Digitalisierung vernünftig und menschengerecht hinzubekommen. Dieses Denken liegt CSC im Blut. Wir wurden 1959 als Computer Sciences Corporation gegründet, um die NASA auf den Mond zu bringen, nur 15 Jahre nachdem Thomas Watson argumentiert hat, der Weltmarkt braucht nur fünf Computer. Unser Motto ist „Delivering Innovation together“. Es geht uns darum, unprätentiös und unaufgeregt, gemeinsam mit unseren Kunden an der Entwicklung und Umsetzung von Innovationen sowohl als Berater als auch als IT-Dienstleister mitzuwirken.

CSC geriet ja in der jüngeren Vergangenheit immer wieder mal in die Schlagzeilen als „NSA-Dienstleister“ ...

Müller: Das stimmt, das hat uns sehr beschäftigt. Die Snowden-Enthüllungen haben uns allen bewusst gemacht, wie wichtig IT-Sicherheit für unsere vernetzte Welt geworden ist. Wir haben in den letzten Jahren eine multidisziplinäre Kompetenz aufgebaut und können IT-Sicherheit durch das Zusammenspiel aus technischen, personellen und vertraglichen Maßnahmen realisieren. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, deutlich zu machen, dass absolut kein Risiko besteht, dass Kundendaten an US-Behörden gegeben werden. Wir unterliegen ebenso, wie jedes andere deutsche Unternehmen, ausschließlich den deutschen Gesetzen respektive den in Deutschland direkt anwendbaren Vorschriften des EU-Rechts. Es gibt aufgrund unserer Unternehmensstruktur auch keine faktische Möglichkeit unserer Muttergesellschaft in irgendeiner Form Druck aufzubauen, um die Geschäftsführung der CSC Deutschland GmbH zur Herausgabe von Daten zu zwingen. Wir werden aber noch weiter gehen. Im November werden wir den Teil unserer Firma, der für den amerikanischen Public Sector arbeitet, vollständig juristisch von dem Rest der Firma abspalten und als eigenständige AG an den NY Stock Exchange bringen.

Was liegt Ihnen in Ihrem neuen Aufgabengebiet besonders am Herzen?

Müller: Die Frage der durch Digitalisierung ermöglichte Verwaltungstransformation ist eine der ganz großen Fragen. Ich empfinde es als ein Privileg, hier einen kleinen Beitrag leisten zu dürfen. Den Humanismus von Digitalisierung wiederum merke ich vor allem im Privaten. Wir haben in der Familie eine WhatsApp-Gruppe, in der wir unsere kleinen und großen Erlebnisse teilen. Letzte Woche, als meine Frau auf Klassenfahrt in Venedig war, ich im Bundestag in Berlin und meine drei Kinder eine Pasta-Party zu Hause machten, waren der Austausch von Bildern über WhatsApp fast so, als ob wir alle zusammen wären. Ein magischer Moment.

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