Schleswig-Holstein Digitalisierung als Leitlinie in die Zukunft

Autor: Manfred Klein

Als erstes Bundesland in Deutschland hat Schleswig-Holstein in seiner Landesentwicklungsstrategie (LES) die globalen Mega­trends der kommenden Jahre beschrieben, denen sich das Land politisch stellen will. Der digitale Wandel wird als der wichtigste Trend identifiziert, der das Land am stärksten prägen wird.

Firmen zum Thema

Schleswig-Holstein macht sich auf, die Zukunft zu gestalten
Schleswig-Holstein macht sich auf, die Zukunft zu gestalten
(Bild: gezeitenraum)

Mit der Digitalen Agenda als Tochterstrategie der LES wurden die wichtigsten politischen Handlungsfelder der digitalen Transformation für Schleswig-Holstein ins Auge gefasst.

Staatssekretär Thomas Losse-Müller, Chef der Staatskanzlei in Schleswig-Holstein, erhofft sich von der Landesentwicklungsstrategie einen Konsens der Verantwortlichen bei der 
Digitalisierung
Staatssekretär Thomas Losse-Müller, Chef der Staatskanzlei in Schleswig-Holstein, erhofft sich von der Landesentwicklungsstrategie einen Konsens der Verantwortlichen bei der 
Digitalisierung
(Bild: Staatskanzlei Schleswig-Holstein)

Die Einbettung der Digitalisierung in die strategische Kommunikation über die Entwicklungsmöglichkeiten des Landes ist ein entscheidender Erfolgsfaktor der Agenda. Für den Chef der Staatskanzlei, Staatssekretär Thomas Losse-Müller, schafft die Digitalisierung in Schleswig-Holstein eine ganz neue Geografie: Vom Norden Deutschlands rückt das Land in die digitale Mitte Europas. Durch seine Nähe zu den baltischen Staaten und Dänemark, die zu den Vorreitern der Digitalisierung gehören, bieten sich für Schleswig-Holstein Kooperationsmöglichkeiten, die die Regierung ausbauen möchte.

Die Digitale Agenda richtet das Handeln der Landesregierung sowie einer breiten Allianz gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Akteure auf die Zukunft des Landes. Teilbereiche der Digitalisierung werden nicht isoliert betrachtet, sondern systematisch in allen Facetten erfasst.

Neben der digitalen Infrastruktur und dem Lernen in einer digitalen Welt gehören die Themen eGovernment und Transparenz, Wirtschaft im digitalen Zeitalter, Medienkompetenz und Teilhabe, Digitalisierung im Wissenschaftsbereich sowie Governance und Wandel der Gesellschaft zu den sieben übergeordneten Kernthemen der Agenda.

Die Agenda skizziert darüber hinaus die vielfältigen Themen, die sich durch den digitalen Wandel in einzelnen Politikfeldern ergeben, zum Beispiel im Bereich Umwelt und Landwirtschaft: Neben Pilotierungen für smarte Landwirtschaft und Energieeinsparungen durch intelligente Messsysteme bei Landesliegenschaften sollen zukünftig Umweltdaten als Teil eines ganzheitlichen Open-Data-Konzeptes der Öffentlichkeit bereitstehen. Diese umfassen beispielsweise den Zustand von Gewässern, flächenbasierte Daten zu Schutzgebieten und zum Artenschutz.

Marc Reinhardt, Leiter Public Sector bei Capgemini, sieht den Anpassungen der Verwaltung an die Digitalisierung mit Spannung entgegen
Marc Reinhardt, Leiter Public Sector bei Capgemini, sieht den Anpassungen der Verwaltung an die Digitalisierung mit Spannung entgegen
(Bild: Capgemini GmbH)

In vielen Workshops ging es darum, die Chancen der Digitalisierung zu kommunizieren. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer benannten hier ihre Ideen für kurz-, mittel- und langfristige Digitalisierungsziele. Am Ende sind daraus konkrete Vorhaben entstanden, die die Landesregierung in einem Dokument konsolidiert hat.

Über die Umsetzung der Digitalen Agenda sprach eGovernment Computing mit dem Staatssekretär und Chef der Staatskanzlei, Thomas Losse-Müller, und dem Leiter des Öffentlichen Sektors von Capgemini, Marc Reinhardt.

Die Digitale Agenda ist in einer Beta-Version verabschiedet worden mit der Möglichkeit, diese weiterzuentwickeln. In welcher Phase befindet sich die Agenda derzeit?

Losse-Müller: Wir haben die Digitale Agenda als Beta-Version verabschiedet, weil wir ein lebendes Dokument schaffen wollten. Die Digitalisierung hört ja nicht auf, nur weil wir uns bestimmten Vorhaben widmen. Wir müssen die Trends und Entwicklungen mitdenken, auch wenn wir in der konkreten Politik manchmal nicht so weit sein können. Die Agenda soll in einem gesellschaftlichen Diskurs weiterentwickelt werden und ist nicht in Stein gemeißelt. Was die Umsetzungsvorhaben betrifft, gibt es für wesentliche Themenbereiche bereits konkrete Planungen. Dazu zählen zum Beispiel das Vorhaben, alle Schulen an Glasfaser anzuschließen. Der Anschluss der ersten Schulen ist bereits erfolgt, bis 2020 sollen alle Schulen angeschlossen sein. Auch bei der Umsetzung unserer Breitbandstrategie kommen wir voran: Bereits jetzt haben 25 Prozent aller Haushalte Zugang zu Glasfaser, bis 2030 soll ­eine 100-prozentige Ab­deckung mit Glasfaser erreicht werden.

Wie sollen die Vorhaben aus der Digitalen Agenda genau umgesetzt werden?

Reinhardt: Zur Umsetzung der strategischen Vorhaben beschreibt die Agenda eine Vielzahl von Maßnahmen. Dabei gibt es fünf verschiedene Handlungsoptionen: Die Politik kann eine kooperierende Rolle einnehmen, Themen fokussieren und Akteure vernetzen, Unternehmen und Netzwerke fördern, Modellvorhaben pilotieren oder selbst Lösungen und Angebote betreiben. Je nach Themenbereich gibt es unterschiedliche Priorisierungen.

Losse-Müller: Beispielsweise unterstützt die Landesregierung die Fachhochschule Kiel dabei, eine Kultursphäre für das Land Schleswig-Holstein zu konfigurieren und aufzubauen. Damit verbunden ist die Einrichtung einer Datenbank, die geobasiert Kulturangebote in einer App zusammenführt und Schnittstellen zu bestehenden Webseiten aufbaut. Die erste Projektphase ist bereits abgeschlossen.

Sie haben um die 40 Workshops innerhalb der Landesregierung und mit externen Experten durchgeführt. Gab es dabei Widerstände und Herausforderungen, die Sie überwinden mussten?

Losse-Müller: Den Erstellungsprozess der Agenda haben wir in der Staatskanzlei gesteuert. Wir haben dabei externe Unterstützung durch Capgemini hinzugezogen. Aus den fachlichen Themenbereichen der Landesregierung haben die entsprechenden Verantwortlichen teilgenommen, darunter die jeweiligen Staatssekretäre und Abteilungsleiter der sieben Ministerien. So hat jedes Ressort, unabhängig von den strategischen Kernthemen, die Möglichkeit genutzt, zusätzliche Digitalisierungsvorhaben in der Ressortzuständigkeit zu benennen.

Ziel der Digitalen Agenda war es, die Entscheidungsträger abzuholen und zu einem gemeinsamen Konsens in der Digitalisierung zu kommen. Das positive Narrativ und eine pragmatische Umsetzungsorientierung haben Digitalisierung innerhalb kürzester Zeit als politische Priorität in Schleswig-Holstein verankern können. Die intensive Beteiligung aller Ministerien und lokaler digitaler Champions hat zu einer Bündelung und Stärkung geführt. Methodisch wurde die Digitalisierung zunächst im jeweiligen Themenbereich breit betrachtet. In einem zweiten Schritt wurden ausgewählte Themen priorisiert, in einem dritten Schritt in strategische Vorhaben zusammengefasst.

Was ist der Hintergrund der ­Digitalen Agenda?

Losse-Müller: Die Digitalisierung ist kein Selbstzweck – im Mittelpunkt steht immer eine Herausforderung, die mit digitalen Möglichkeiten besser als bisher gelöst werden kann. Stellen Sie sich etwa die Landwirtschaft und Tierhaltung vor: Digitalisierung hilft, hochwertige Produkte mit hohen ökologischen Ansprüchen zu verbinden. Bei den digitalsten Milchbauern in Schleswig-Holstein tragen die Kühe Sensoren an den Beinen, die Schrittzahlen messen. Um Verbrauchern umweltverträglich und nach hohen Kontrollstandards beste Erzeugung bieten zu können, wird das Lauf- und Fressverhalten der Kühe digital ausgewertet. Nur die Produkte gesunder Tiere fließen in die Lebensmittelerzeugung ein.

Welche Auswirkungen hat die Digitale Agenda auf die Digitalisierung der Verwaltung in Schleswig-Holstein?

Reinhardt: Die Digitalisierung der Verwaltung wurde für Schleswig-Holstein bereits vor Erstellung der Digitalen Agenda in einer eGovernment-Strategie angegangen. Hier ändert sich durch die Digitale Agenda nicht viel. Es ist eher so, dass die Digitale Agenda den Betrachtungswinkel nach außen richtet, auf all die Politikbereiche, die die Verwaltung begleitet und wo durch die Digitalisierung neue Handlungsbedarfe – aber auch neue Möglichkeiten entstehen. Daraus ergeben sich dann allerdings auch wiederum Anpassungsbedarfe für die Verwaltung selbst – es wird also auch in den kommenden Jahren nicht langweilig werden.

Wie geht es jetzt nach der Wahl weiter?

Losse-Müller: Die Digitale Agenda ist breit getragen. Adressaten sind die Bürgerinnen und Bürger und Verantwortungsträger in allen Bereichen. Auch die Ressourcenplanungen und Projekte der Ressorts haben einen Fokus auf die Digitalisierung gelegt. So ist beispielsweise das Budget für eGovernment-Projekte in den vergangenen Jahren deutlich erhöht worden, allein um zehn Prozent innerhalb des vergangenen Jahres. Leuchtturmprojekte, wie Piloten für Lernen mit Digitalen Medien, eine Aufstockung des Budgets für Medienkompetenz, Programme für Glasfaseranschlüsse für Schulen und freies WLAN in öffentlichen Gebäuden, sind entscheidend durch die Agenda befördert worden. Auch wenn ein genauer Zuschnitt der Regierung aktuell noch nicht klar ist, sollte die Digitale Agenda von der künftigen Regierung umgesetzt und weiterentwickelt werden.

(ID:44693505)