Kulturwandel mitgestalten

Digitale Strategien für eine zeitgemäße Verwaltung

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Das klingt nach der vielfach beschworenen Flexibilität am Arbeitsplatz. Die will aber nicht jeder haben.

Arendt: Natürlich ist das nicht für jeden von Vorteil. Und nur, weil man die Möglichkeit dazu hat, heißt das ja nicht, dass jeder Arbeitnehmer diese Flexibilität nutzen muss. Aber um heutzutage ein attraktiver Arbeitgeber zu sein, brauchen wir die mobile Verwaltung. Wir werden es uns bei dem demografischen Wandel bald nicht mehr erlauben können, dass eine junge Mutter den Job in einer Behörde kündigt, um in ein privates Unternehmen zu wechseln, einfach nur, weil sie dort von zuhause aus arbeiten kann. Oder weil sie sich dort mit dem Tablet von überall aus betrieblich fortbilden kann und für die Seminare nicht quer durch die Republik fahren muss. Digitale Kompetenz!

Um das zu realisieren, müssten viele Strukturen aufgebrochen werden. Welche Veränderungen empfehlen Sie?

Arendt: Bis heute haben wir es nicht geschafft, die Politik für das Thema Verwaltungsmodernisierung zu sensibilisieren und zu begeistern. Das scheint mir ein wichtiger Hebel. Wir müssen vermitteln, was passiert, wenn nichts passiert. Aber wir müssen das Rad nicht neu erfinden – es reicht, wenn wir es nachbauen.

Kürzlich habe ich ein spannendes Gespräch im „Guardian“ gelesen mit Francis Maude, dem britischen Minister für Kabinettsangelegenheiten, und Chris Termain, dem neuseeländischen Innenminister. In dem Artikel schildern sie, wie ihre Länder Erfahrungen beim Aufbau eines Mobile-Government-Angebots austauschen. Dort ist eine pragmatische Trial-and-Error-Kultur vorhanden, die ich mir für die deutsche Verwaltung auch wünschen würde: Modellvorhaben mit Experimentierklauseln.

Anstatt die Top-100-Verwaltungsprozesse zu suchen, versuchen wir es doch mit ein, zwei Lebenslagen. Befragen wir doch die Crowd, die Bürger selbst dazu, was sie sich an Leistungen vorstellen. Wir müssen uns lösen vom typisch deutschen Ansatz, alles von Anfang an perfekt und allumfassend zu machen. Das ist heutzutage nicht mehr zu schaffen.

Und wir können diese in UK oder anderswo schon entwickelten und erprobten Prozessbausteine übernehmen. Stärke von mobile ist – das haben wir vom eCommerce schätzen gelernt – mit wenigen Klicks zum Erfolg. Adaptieren wir das doch: Den fast vergessenen einheitlichen Ansprechpartner wieder zum Leben erwecken und vor die Verwaltungsprozesse stellen, hinten aufräumen und Verwaltung neu denken.

Neu denken im Sinne der Anforderungen einer zeitgemäßen Verwaltung. Das heißt: vom Kunden aus betrachten. Feedbackverfahren einbauen, Zufriedenheit erfragen. Und ja, wir brauchen eine digitale Strategie, die über den Zeitraum der Legislaturperiode hinweg gedacht wird und sich an der europäischen orientiert – und die lautet „digital by default“, also standardmäßig digital zu denken.

Die Fragen stellte Manfred Klein.

Dirk Arendt ist Government Affairs Director bei dem Beratungsunternehmen Berliner Strategen und Mitglied des Redaktionsbeirats der eGovernment Computing.

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