Risikosteuerung in Behörden Digitale Detektive lassen Weinpanschern und Käseschmierern keine Chance

Autor / Redakteur: Andreas Nold / Gerald Viola

Die Öffentliche Verwaltung muss bei begrenzten Mitteln mehr Kontrollaufgaben übernehmen – etwa im Verbraucherschutz. Wie lässt sich erkennen, wo knappe Ressourcen am wirkungsvollsten eingesetzt sind? Hier helfen analytische Business-Intelligence-Lösungen, die zeigen, wo die Wahrscheinlichkeit für einen Gesetzesverstoß am größten ist.

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( Archiv: Vogel Business Media )

Nicht zuletzt die jüngsten Skandale um Gammelkäse oder Mogel-Brunello haben die Aufmerksamkeit auf eine zentrale Aufgaben der Verwaltungen gelenkt: die Einhaltung von Gesetzen und anderen regulatorischen Vorgaben zu kontrollieren – etwa im Verbraucherschutz, in Landwirtschaft oder Ökologie. Die Komplexität und der Aufwand solcher Steuerungs- und Kontrollvorgänge hat deutlich zugenommen, während die Zahl der mit diesen Aufgaben betrauten Mitarbeiter aber nicht in gleichem Maße gewachsen ist.

Deshalb nutzen immer mehr Öffentliche Verwaltungen moderne Analyseinstrumente – sogenannte Business-Intelligence-Lösungen (BI) – um Bürger und Staat vor Gesetzesverstößen zu schützen. Unternehmen setzen analytische Software schon lange ein, etwa im Marketing, Controlling, Risiko- und Finanzmanagement oder in der Betrugsbekämpfung. Diese Lösungen führen alle für einen Vorgang relevanten Daten unabhängig von ihrer Quelle und ihrem Format zusammen und identifizieren innerhalb dieser Datenbasis mit komplexen statistischen Verfahren („Data Mining“) Trends, Muster und Abweichungen, die dem bloßen Auge verborgen bleiben und die auf Risiken und andere Anomalien hinweisen – natürlich unter genauer Beachtung aller Anforderungen des Datenschutzes.

Ein zentraler Einsatzbereich dieser Lösungen ist die risikoorientierte Kontrolle: Hier geht es darum, mit IT-Unterstützung genau die Kontrollgegenstände auszuwählen, bei denen die größte Wahrscheinlichkeit für einen Verstoß gegen Gesetze oder Vorschriften vorliegt. So können Behörden ihre Ressourcen gezielt dort einsetzen, wo sie den größten Nutzen bringen. Werden die zu kontrollierenden Situationen heute noch oft nur auf Basis von Erfahrungswerten ausgesucht, so liefern BI-Lösungen überprüfbare, aussagekräftige Regeln für die Auswahl – unter Berücksichtigung der internen Kontrollressourcen. Dazu analysiert die Software historische Verstöße auf wiederkehrende Muster und leitet daraus Kenngrößen ab, anhand derer die Risikoexposition eines jeden einzelnen aktuellen Vorgangs automatisiert dargestellt wird. So erhalten Kontrolleure etwa eine Liste, die zeigt, wo das Betrugsrisiko am größten ist.

Subventionen im Fokus der Fahnder

Ein Beispiel für eine solche risikoorientierte Kontrolle ist eine Behörde, die im Auftrag eines benachbarten EU-Staates die Rechtmäßigkeit von Subventionszahlungen an die Landwirte dieses Landes überwacht. Die Inspektoren benötigten früher für die Auswertung der Antragsdaten intensive Unterstützung der IT-Abteilung. Ein neues Analysesystem des weltweit größten Business-Intelligence- und Business-Analytics-Anbieters SAS dagegen versetzt sie in die Lage, die Daten selbsttätig aufzubereiten und zu analysieren – ein beträchtlicher Effizienzgewinn. Der größte Vorteil liegt jedoch darin, dass nun gezielt die Landwirte kontrolliert werden können, bei denen das Risiko eines Fehlverhaltens besonders hoch ist. So wurde die Zahl der aufgedeckten Fälle mehr als verdoppelt und in einigen Bereichen sogar verdreifacht. Das zielgerichtete Kontrollieren führt auch zu einer Abnahme der Gesamtzahl der Kontrolle, was die Landwirte entlastet.

Auch bei der Bekämpfung anderer Formen von Betrug sowie „Improper Payments“ in laufenden Prozessen leisten diese Lösungen gute Dienste. Hier lassen sich im Wesentlichen drei Fragen beantworten: Werden sämtliche Mittel ausgeschöpft, um alle potenziellen Einnahmen auch zu realisieren? Bekommen Empfänger von Zuwendungen diese zu Recht? Gibt es in den internen Prozessen Lücken, durch die Mittel unrechtmäßig abfließen? Die Data-Mining-Verfahren machen deutlich, welche Vorgänge signifikante, auf illegale Handlungen deutende Abweichungen aufweisen. Die Einsatzbereiche sind vielfältig: Der lettische Zoll zum Beispiel nutzt Business-Intelligence-Lösungen von SAS für die Kontrolle von Ex- und Importen. Die Antibetrugseinheit der Europäischen Kommission „OLAF“ untersucht damit automatisiert große Mengen von unstrukturierten Reports, Formblättern und anderen Dokumenten auf Korruption und ähnliche Delikte. Die philippinische Steuerbehörde analysiert mit diesen Verfahren die Mehrwertsteuererklärungen von Unternehmen und hat so innerhalb eines Jahres 114 Millionen US-Dollar zusätzlich an Steuern eingenommen. Bei deutschen Behörden sind diese Lösungen ebenfalls im Einsatz, alleine mit der Kommunikation ist man sehr zurückhaltend.

Um begrenzte Ressourcen optimal einzusetzen, müssen verschiedene Szenarien auch unter Einbeziehung von Folgekosten durchgerechnet werden. Eine solche risikoorientierte Entscheidungsunterstützung hat das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW bei einer Tierseuchenübung in Anspruch genommen: Mit einer BI-Lösung wurde prognostiziert, wie sich eine Maul- und Klauenseuche unter verschiedenen Bedingungen verbreiten wird und welche Folgekosten bei möglichen Gegenmaßnahmen (Einrichten von Sperrbezirken, Impfung, Quarantäne oder dem Keulen von Tierbeständen) entstehen. Das Ergebnis: Das Landesamt konnte jederzeit aktuelle, die jeweiligen Risiken berücksichtigende Informationen als Grundlage für politische Entscheidungen bereitstellen.

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