PwC-Studie „Future Health 2018“

Die Telemedizin steht vor dem Durchbruch

| Redakteur: Kathrin Schäfer

Dass in zehn Jahren Patientengespräche ausschließlich über moderne Kommunikationsmedien geführt werden, glaubt zwar nur eine Minderheit der Deutschen – viele Bürger schätzen jedoch die Möglichkeit, die ihnen die Telemedizin eröffnet: Knapp die Hälfte, 43 Prozent, befürwortet eine Lockerung des Fernbehandlungsverbots, etwa bei chronischen Erkrankungen.
Dass in zehn Jahren Patientengespräche ausschließlich über moderne Kommunikationsmedien geführt werden, glaubt zwar nur eine Minderheit der Deutschen – viele Bürger schätzen jedoch die Möglichkeit, die ihnen die Telemedizin eröffnet: Knapp die Hälfte, 43 Prozent, befürwortet eine Lockerung des Fernbehandlungsverbots, etwa bei chronischen Erkrankungen. (Bild: gemeinfrei)

Drei Viertel der Deutschen wünschen sich den Ausbau von ärztlichen Beratungsangeboten im Internet. Gleichzeitig will die Mehrheit auf den direkten Kontakt zum Arzt nicht verzichten

  • Mehr als jeder zweite Deutsche nutzt Wearables
  • Gesundheitsportale als häufigste Informationsquelle im Netz
  • In Ländern wie der Schweiz und in Skandinavien ist Telemedizin längst Standard

Den Arzt aus dem heimischen Wohnzimmer konsultieren, etwa über Videosprechstunde, Telefon oder Online-Chat ­– viele Bürger schätzen diese Möglichkeit, die ihnen die Telemedizin eröffnet: Knapp die Hälfte, 43 Prozent, befürwortet eine Lockerung des Fernbehandlungsverbots, etwa bei chronischen Erkrankungen. Und fast drei Viertel, 74 Prozent, wünschen sich einen weiteren Ausbau der ärztlichen Beratungsmöglichkeiten im Internet. Das ist Ergebnis der Studie „Future Health 2018“, einer repräsentativen Umfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC unter 1.000 Bürgern.

Video- oder Telefonsprechstunden waren bislang nach dem Fernbehandlungsverbot untersagt, wenn Arzt und Patient nicht wenigstens einmal einander persönlich gesehen hatten. Doch der Deutsche Ärztetag hat das Verbot im Mai 2018 gelockert: Eine Behandlung aus der Ferne ist nach dieser Grundsatzentscheidung in Einzelfällen auch ohne persönlichen Erstkontakt zwischen Arzt und Patient möglich.

Telemedizin ist in anderen Ländern bereits Standard

„Die Ärzteschaft hat damit den Weg für einen weiteren Ausbau der Telemedizin geebnet, der dringend notwendig ist“, sagt Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswesen & Pharma bei PwC Deutschland. „Neue Kommunikationstechnologien können die ärztliche Versorgung sinnvoll ergänzen, sofern sie vom Mediziner verantwortungsvoll eingesetzt werden. Wir müssen uns in diesem Punkt auch dem internationalen Wettbewerb stellen. Denn in anderen europäischen Ländern wie Großbritannien, der Schweiz oder in Skandinavien ist die Telemedizin längst Standard.“

Der menschliche Faktor in der Medizin bleibt wichtig

Allerdings steht ein Teil der Bevölkerung der Fernbehandlung auch skeptisch gegenüber: 42 Prozent halten es für notwendig, dass es vor der Online-Behandlung zumindest einen Direktkontakt zwischen Arzt und Patient gegeben hat. Der menschliche Faktor ist den Studienteilnehmern nach wie vor wichtig: So stimmen 94 Prozent der Aussage zu, dass bei schweren Erkrankungen ein persönlicher Kontakt zwischen Arzt und Patient unverzichtbar ist. Ebenso finden es 86 Prozent entscheidend, dass der Mediziner sich selbst ein Bild von seinem Patienten macht. Gerade Frauen legen Wert auf den persönlichen Kontakt zum Arzt.

Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswesen & Pharma bei PwC Deutschland
Michael Burkhart, Leiter des Bereichs Gesundheitswesen & Pharma bei PwC Deutschland (Bild: PwC)

Dennoch möchten 72 Prozent der Studienteilnehmer auch über moderne Kommunikationsmedien Kontakt zur Arztpraxis aufnehmen können. Dass in zehn Jahren Patientengespräche ausschließlich darüber geführt werden, glaubt allerdings nur eine Minderheit. „Die Bürger sehen durchaus die Vorteile der Telemedizin – keine Wege, keine Wartezeiten, eine Entlastung der Arztpraxen –, aber bewerten telemedizinische Lösungen nicht als Ersatz für die direkte Beratung, sondern als ergänzendes Instrument“, kommentiert Michael Burkhart. Den Einsatz etwa von Robotern oder Computern im Patientengespräch können sich viele Menschen vorstellen und sehen durchaus das Potenzial: vor allem eine Entlastung der Arztpraxen und eine Zeitersparnis (jeweils 71 Prozent). Allerdings fürchten die Versicherten auch die Risiken, die damit verbunden sind, insbesondere die Gefahr technischer Fehler und falscher Diagnosen (85 bzw. 80 Prozent).

Beratung findet auch von Patient zu Patient statt

Der Arzt ist nach wie vor ein wichtiger Ansprechpartner, doch zunehmend suchen Patienten auch Rat im Netz. Am häufigsten rufen sie Gesundheitsportale (24 Prozent: „sehr häufig“, 48 Prozent: „manchmal“) und die Internetseiten von Gesundheitsmagazinen (16 bzw. 52 Prozent) auf. Auch die Beratung von Patient zu Patient durch Online-Foren gewinnt an Bedeutung und wird als dritthäufigste Informationsquelle genannt (19 bzw. 36 Prozent). Eine weniger große Rolle bei der Suche nach Gesundheitsinformationen spielen die Internetseiten von Krankenkassen und von Behörden oder Organisationen. In puncto Gesundheitsinformation ergibt sich allerdings kein einheitliches Bild – das Wissen der Bürger speist sich aus vielen Quellen.

Insgesamt zeigen sich Versicherte neuen Technologien gegenüber aufgeschlossen und sind davon überzeugt, dass Deutschland in diesem Punkt fortschrittlich ist: Sechs von zehn Befragten stufen den Stand des deutschen Gesundheitswesens in puncto neue Technologien als „sehr gut“ oder „eher gut“ ein. Vor allem bei der Diagnose von Krankheiten erhofft sich jeder Zweite einen Erkenntnisgewinn durch eine stärkere Technologisierung. Nahezu ebenso wichtig ist den Befragten eine bessere Kommunikation zwischen Ärzten, Apotheken, Krankenhäusern und Krankenkassen durch mehr neue Technologien (48 Prozent). „In diesem Punkt zeigt sich, dass wir den Service in unserem Gesundheitswesen verbessern müssen“, sagt PwC-Gesundheitsexperte Michael Burkhart. „Die Patienten spüren, dass die Kooperation unter den Leistungserbringern noch immer nicht optimal ist.“

Weitergabe von Gesundheitsdaten durch Wearables wird wichtiger

Neue Technologien setzen die Bürger auch bereits in ihrem Alltag ein: Mehr als jeder zweite Deutsche nutzt Wearables, am Körper tragbare Computer, oder kann sich das für die Zukunft vorstellen. Am wichtigsten ist den Bürgern dabei die genaue Aufzeichnung der eigenen Aktivitäten, etwa die Zahl der Schritte (85 Prozent), gefolgt von der Messung der Vitalkörperfunktionen wie Puls und Herzfrequenz (77 Prozent). Wearables werden dagegen seltener eingesetzt, um medizinische Informationen zu erhalten, beispielsweise zur Messung des Blutdrucks oder Blutzuckers. „Die Weitergabe von Gesundheitsdaten durch Wearables wird mit der zunehmenden Technologisierung unseres Gesundheitswesens künftig deutlich wichtiger werden“, prognostiziert Michael Burkhart.

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Dieser Beitrag erschien zuerst in unserem Partnerportal Devicemed.

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