Notfallkommunikation

Die digitale Sirene steckt in der Hosentasche

| Autor / Redakteur: Andreas Junck* / Ira Zahorsky

Bis zum 21. Juni 2022 müssen alle EU-Mitgliedsstaaten ein digitales Warnsystem für Katastrophen eingerichtet haben.
Bis zum 21. Juni 2022 müssen alle EU-Mitgliedsstaaten ein digitales Warnsystem für Katastrophen eingerichtet haben. (Bild: © sdecoret - stock.adobe.com)

Die Zunahme an schweren Unwettern, Terrorangriffen oder geopolitischen Verwerfungen unterstreicht die Wichtigkeit eines höheren Sicherheitsbewusstseins und die Notwendigkeit einer schnellen und präzisen Verbreitung von Warnmeldungen. Integrierte, hochmoderne Risikobewertungs- und Reaktionsplattformen gewährleisten ein effektives Krisenmanagement und erfüllen die Anforderungen der neuen EU-Richtlinie.

Katastrophen wie Unwetter, Hochwasser, Chemieunfälle oder Terrorangriffe haben eins gemeinsam: Sie treten mit sehr kurzer Vorwarnzeit oder sogar völlig überraschend ein. Umso wichtiger ist eine schnelle, koordinierte Reaktion. Denn damit ein Notfall nicht zum Super-GAU wird, mit Toten, Verletzten und Schäden in Milliardenhöhe, müssen die Verantwortlichen auf kommunaler und staatlicher Ebene in Echtzeit handeln können, um so vor Ereignissen, die Menschenleben und Sachwerte bedrohen, zu warnen. Dafür müssen sie Risiken stets richtig bewerten können.

Bis in die frühen 1990er-Jahre dienten rund 86.000 Sirenen auf Schul- und Behördendächern in ganz Westdeutschland als alleiniges Alarmierungssystem in der Region. Das einst flächendeckende Netz wurde, nachdem die Bedrohung aus dem Osten verschwunden war, aber auch weil die Instandhaltung teuer ist, größtenteils abmontiert. Wie also werden die Deutschen heute informiert, wenn ein Hochwasser, eine Pandemie oder ein Terroranschlag die Infrastruktur des Landes gefährdet?

Apps als Retter?

Fernsehen, Radio, Internet und Social Media sind derzeit die Standard-Alarmsysteme für Deutschland. Mittlerweile gibt es aber auch zahlreiche kostenlose Warn-Apps für Smartphones. Die bekanntesten sind Nina und Katwarn. Nina, die Abkürzung steht für „Notfall-Informations- und Nachrichten-App“, wird vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe betrieben und basiert auf dem satellitengestützten modularen Warnsystem, über das auch Radiosender offizielle Meldungen erhalten. Der Bund, der nur bei großen nationalen Gefahrenlagen einen Alarm herausgibt, hat das System den Ländern zur Verfügung gestellt. Sie sind für Notfälle aus dem Bereich des Katastrophenschutzes, etwa Unwetter und Hochwasser, zuständig und können eigenständig über Nina alarmieren. In manchen Bundesländern informiert die App zudem per Push-Nachricht auch vor lokal begrenzten Gefahren wie der Entschärfung von Weltkriegsbomben.

Das vom Fraunhofer-Institut Fokus entwickelte System Katwarn wurde am 22. Juli 2016 bundesweit bekannt, als ein 18-jähriger Schüler neun Menschen tötete und fünf verletzte. Die Münchner Bevölkerung wurde durch Push-Meldungen auf Smartphones, per eMail und SMS über die Ereignisse vor Ort auf dem Laufenden gehalten. Wie Nina gibt Katwarn bundesweit Warnungen des Deutschen Wetterdienstes heraus, die zur Verfügung stehenden Funktionen sind allerdings ebenfalls von Region zu Region verschieden.

Mit der Installation einer App ist es also nicht getan, zu sehr unterscheiden sie sich in der geografischen Abdeckung und den Notfällen, vor denen gewarnt wird. Und hier liegt das größte Manko: Jeder muss die App selbst installieren und die entsprechenden Funktionen einrichten. Stand heute hat aber nur ein Bruchteil der deutschen Bevölkerung eine entsprechende App auf seinem Mobilgerät. Auch ausländische Besucher werden sich – abgesehen von den Sprachbarrieren – für ihren Urlaub oder ihrer Reise kaum vorher die passende Notfall-App auf ihr Gerät laden.

Kein effizientes Krisenmanagement ohne digitalen Ansatz

Die Anforderungen an Krisenmanagement-Teams waren schon immer hoch. Regierungschefs, Staaten und Kommunen müssen schnell reagieren können, um Bürger und Besucher zu warnen und zu schützen. Die Alarmierung der Bevölkerung ist nun durch die Richtlinie zum Europäischen Kodex für elektronische Kommunikation (European Electronic Communication Codex, kurz EECC) vorgeschrieben. Bis zum 21. Juni 2022 sollen alle EU-Mitgliedsstaaten ein digitales Warnsystem eingerichtet haben, mit dem sie 95 Prozent der Bevölkerung über ihr Handy erreichen. Dieses System soll im Falle einer Naturkatastrophe, eines Terroranschlags oder eines anderen schweren Notfalls Warnungen über das öffentliche Mobilfunknetz unabhängig vom Provider und dem Endgerät an alle Menschen in der betroffenen Region schicken.

Ein entsprechendes Warnsystem muss deshalb mehrere Voraussetzungen erfüllen. Das System muss für Einheimische und Besucher ohne in Datenbanken gespeicherte Handynummern oder vorherige Registrierung leicht zugänglich sein und Echtzeitinformationen über betroffene Gebiete liefern, damit die Notfallteams ein Ereignis strategisch auswerten und die entsprechenden Mitarbeiter mobilisieren können. Darüber hinaus sollte das System automatisch und anonym über die SIM-Karte das Herkunftsland einer Person erkennen, so dass Nachrichten in der jeweiligen Landessprache versendet werden. Schließlich sollte es Teil einer integrierten Warnlösung sein, die es den Notfallbehörden ermöglicht, nahtlos in eine wechselseitige Kommunikation mit den Menschen einzutreten, um zu überprüfen, ob sie in Sicherheit sind beziehungsweise ihre Notrufe entgegenzunehmen.

Andere europäische Länder sind schon weiter

Griechenland, Island, die Niederlande und Schweden nutzen bereits ein öffentliches Warnsystem auf Basis der bestehenden Telekommunikationsinfrastruktur, ohne dass eine Registrierung oder ein Opt-in der einzelnen Nutzer erforderlich ist. Alle Mobiltelefone, die sich in einem bestimmten geografischen Gebiet befinden, können von den staatlichen Notfallbehörden mit Hilfe von ortsbezogenen Informationen über lokale Mobilfunkmasten benachrichtigt werden. So ermöglicht die Public-Warning-Lösung Island, sowohl seine 360.000 Einwohner als auch die rund zwei Millionen jährlichen Besucher des Landes in Notfällen zu alarmieren. Befinden sie sich in einem Gebiet, das von einem kritischen Ereignis wie Feuer, vulkanischen Aktivitäten, extremem Wetter oder einem Terrorangriff betroffen ist, erhalten sie standortbezogen SMS-Nachrichten auf ihre Mobiltelefone. Zudem haben die Behörden die Möglichkeit, eine bi-direktionale Kommunikation zu eröffnen. Damit können sie sich bestätigen lassen, ob die Menschen in Sicherheit sind oder ihre Notrufe entgegennehmen.

Durch den Einsatz dieser standortbasierten Alarmierungslösung ist Island nicht nur in der Lage, Menschen zu warnen, die sich auf dem eigenen Staatsgebiet befinden. Auch Bürger des Landes, die sich anderswo in der Welt aufhalten, lassen sich damit erreichen. Das Außenministerium von Island kann auf diesem Weg gewährleisten, dass auch Isländer Mitteilungen und Instruktionen erhalten, die sich außerhalb ihres Landes in der Nähe eines kritischen Vorfalls befinden.

Fakt ist, digitale Lösungen sind unerlässlich. Ein Public-Warning-System ermöglicht es Regierungsorganisationen und Sicherheitsbehörden, den Ernst der Lage zu verstehen, sich während eines kritischen Ereignisses sofort mit jeder Person in dem betroffenen Gebiet – unabhängig von Nationalität, Wohnsitz oder Handytyp – zu verbinden und die nächsten Schritte einzuleiten.

*Der Autor, Andreas Junck, ist Director of Sales DACH bei Everbridge.

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