Redaktionsbeirat I

Der Staat ist für die Industrie Teil des Alltags, kein Partner

| Redakteur: Manfred Klein

Matthias Kammer, Direktor des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI), beschrieb die Problematik so: „Ich habe die Beobachtung gemacht, dass – wenn es um eGovernment geht – auf staatlicher Seite eine verschworene Gemeinschaft von Beglückern am Werke ist. Meine Erfahrungen im Umgang mit der Wirtschaft in diesem Zusammenhang sahen in Hamburg immer so aus, dass zusammen mit der Handelskammer Veranstaltungen aller Art durchgeführt wurden, um Unternehmen zu finden, die vielleicht Lust gehabt hätten, gemeinsame Prozesse zu beschreiben, zu optimieren und die Schnittstellen entsprechend anzupassen. Dieses Unterfangen wurde aus Sicht der Unternehmen immer für viel zu aufwendig angesehen. Und letztlich hat sich für die Verantwortlichen in den Unternehmen und Firmen auch immer die Frage nach dem Wozu gestellt. So sind diese Bemühungen letztlich alle versandet.“

Kammer zu den Ursachen: „Und ich glaube, das Problem ist, dass man sich an einen bestimmten Zustand gewöhnt hat. Den nutzt man, ohne dass man konkrete Änderungsvorschläge an die Verwaltung herantragen würde. Ich kenne keinen Antrag eines Wirtschaftsunternehmens oder einer Wirtschaftsvertretung an die Verwaltung, sie möge doch bitte dieses und jenes verbessern. Und dabei könnte man sich da ja wirklich einiges ausdenken. Ich denke da nur an das ganze Berichts- und Meldewesen im Umweltbereich. Da könnte man mit eGovernment vieles einfacher und effizienter gestalten. Ich würde also Ihre Einschätzung, Herr Ortmeyer, durchaus teilen. Man hat auf keinen Fall das Gefühl, dass da ein massiver Veränderungsdruck besteht.“

Kammer weiter: „Meiner Einschätzung nach hat diese Situation sehr viel damit zu tun, wie wir, die wir eGovernment machen, das bisher getan haben. Wir haben nämlich keine Kommunikationskultur in dem Sinne entwickelt, dass wir herausfinden, was unser Nutzer eigentlich wollen. Wir haben uns zwar alles Mögliche ausgedacht, haben uns aber nicht unbedingt die Frage gestellt, ob das auch jemand braucht, weil sein Alltag, sein Leben, sein Business dadurch einfacher wird. Diese Frage haben wir uns selten gestellt.“

Kammer verwies darauf, dass dadurch ungeheure Einsparungspotenziale in der Wirtschaft ungenützt blieben und nannte als Beispiel unter anderem das elektronische Rechnungswesen. Aber offenbar sei das bloße Einsparungspotenzial nicht genug, denn selbst bei Projekten, bei denen sogar in der Ausschreibung eine elektronische Rechnungsstellung gefordert worden sei, sei es dazu nicht gekommen. Offenbar, weil den Unternehmen der Aufwand bei der Definition und Implementierung der Schnittstellen zu hoch gewesen sei.

Kammers Fazit: „Ich finde, das ist ein Zustand, mit dem man sich einmal ernsthaft auseinandersetzen muss, wenn man denn meint, es müsste an dieser Ecke etwas geändert werden. Wir sind alle ja davon überzeugt, dass die digitale Welt bald jeden Prozess durchdringen wird. Was sie im Alltag ja ganz offensichtlich schon an vielen Stellen tut. Aber bislang leben wir mit diesen ganzen Brüchen offenbar noch ziemlich gut. Deutschland bekommt immer noch ein ziemlich überzeugendes Wirtschaftswachstum hin. Aber nachdem das so wenige als wirklichen Druck empfinden, ist es ein echtes Problem daran etwas zu ändern.“

Wege aus der S­elbstzufriedenheit

Willi Kaczorowski, Programmverantwortlicher des Zukunftskongresses „Staat & Verwaltung“, erwiderte darauf: „Vielleicht sind wir in Deutschland ein wenig zu selbstzufrieden? Selbstzufrieden, weil die wirtschaftliche Entwicklung von Deutschland erst einmal ganz gut ist und die Mittelständler relativ gut über die Runden kommen. Ich frage mich aber, welche Reaktionen diese Diskussion hervorgerufen würde, wenn wir hier ein Start-up-Unternehmen am Tisch hätten. Wir müssen uns also fragen, ob wir eigentlich die richtigen Leute fragen? Bisher werden die Interessen der Wirtschaft über die Verbände artikuliert. Ohne jetzt die Verbandsorganisation attackieren zu wollen, aber die Verbands­organisationen sind selbst ein bürokratischer Apparat. Das heißt, da korrespondiert die Wirtschaftsbürokratie mit der Verwaltungsbürokratie. Und dann wundert man sich, dass die Ideen doch nicht so zahlreich sprudeln und so innovativ sind, wie sie eigentlich sein müssten, um die Prozesse zu verbessern und verändern.“

Den zweiten Teil der Diskussion gibt es in Kürze auf ebenfalls eGovernment-Computing.de

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Herzlichen Dank für den Hinweis und verzeihen Sie den Lapsus  lesen
posted am 17.06.2013 um 14:21 von mk

Es gibt keine Deutsche Indus­trie- und Handelskammer, das sollte einem eGovernment Magazin...  lesen
posted am 14.06.2013 um 12:31 von Unregistriert


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