Vernetzung im Krankenhaus

Der Operationssaal der Zukunft

| Redakteur: Jürgen Sprenzinger

Der OP der Zukunft wird die Arbeit der Chirurgen mithilfe der Medizintechnik und intelligenter IT-Systeme wesentlich erleichtern
Der OP der Zukunft wird die Arbeit der Chirurgen mithilfe der Medizintechnik und intelligenter IT-Systeme wesentlich erleichtern (Bild: Karl Storz)

Gespannte Aufmerksamkeit hinter grünen Stoffmasken, das gleichmäßige Piepen eines Herzmonitors, das langsam pulsierende Schnorchelgeräusch eines Beatmungsgeräts. Die OP-Schwester reicht dem Chirurgen ein Skalpell, der dann nach einem tiefen Atemzug entschlossen zum Schnitt ansetzt ...

Ja – so läuft das in Hollywood. Doch der OP der Zukunft dürfte solchen Klischees wohl kaum entsprechen, denn in ihm werden neben Menschen auch viele technische Helfer zu sehen sein. Es wird ein intelligenter, vernetzter Operationssaal sein – mit vielen Monitoren und einem Leitstand mit vielen verborgenen IT-Systemen, die laufend Patientendaten erfassen, auswerten und analysieren. „Bereits in heutigen Operationsälen kann man eine zunehmende Technisierung feststellen“, sagt Prof. Dr. Klaus Radermacher vom Lehrstuhl der Medizintechnik im Helmholtz-Institut für Biomedizinische Technik der RWTH Aachen. „In Zukunft haben wir noch mehr Systeme, die aufeinander zugreifen müssen, um ihre Aufgaben zu erfüllen.“ Radermacher und ein großes Team aus Forschung , Klinik und der Gesundheitsbranche loten im Leuchtturmprojekt „OR.net“ die Möglichkeiten des vernetzten OPs aus.

Nicht nur Skalpell und Tupfer ...

Hier spielen nicht nur Skalpell und Tupfer die Hauptrolle – neben Geräten wie dem Herzmonitor oder einer Beatmungsmaschine gibt es im OP auch Endoskope, Bildgebungssysteme oder computerunterstützte chirurgische Geräte. All diese Maschinen produzieren Daten über den Zustand des Patienten oder den Fortschritt der Operation. Im vernetzten OP der Zukunft wird die gesamte Medizintechnik automatisch Informationen austauschen. Das Ergebnis ist eine Erleichterung für die Arbeit der Chirurgen, die sich damit voll auf die Operation konzentrieren können.

Schaffung eines offenen Standards

Radermacher und sein Team arbeiten an einem offenen Standard, der allen Produzenten gleichermaßen zugänglich ist. Er erlaubt den Krankenhäusern die freie Auswahl – jedes Gerät eines jeden Herstellers kann sich miteinander verständigen. Solche Verfahren werden üblicherweise nicht kommerziell verwertet, so dass sie für jeden Hersteller verfügbar sind. Letztlich geht es um eine stärkere Verschränkung von Medizintechnik und medizinischen IT-Lösungen. Wenn alle Geräte und Systeme den Datenaustausch und die Vernetzung unterstützen, werden die Arztpraxen und Krankenhäuser von vielen Aufgaben entlastet. Eine Möglichkeit ist zum Beispiel das automatische Abwickeln der OP-Dokumentation und die ebenso automatische Übertragung an die Abrechnungssysteme der Rechnungsabteilung. Außerdem landen alle Patientendaten direkt in der Krankenakte und werden korrekt aufbereitet an den Hausarzt und die Krankenkasse gesendet – immer jeweils entsprechend der gesetzlichen Anforderungen und des Datenschutzes.

Technische Systeme müssen interoperabel sein

„Um diese Vision zu realisieren, müssen die technischen Systeme der Krankenhäuser bin in die digitalen Krankenakten hinein interoperabel sein“, betont die Telemedizin-Expertin Prof. Dr. Sylvia Thun von der Hochschule Niederrhein. „Zudem sollte hier auch mehr Transparenz für den Patienten erreicht werden, damit er seine Gesundheitsdaten selbst einsehen kann.“

Chance für mittelständische Unternehmen

Der smarte OP ist nur ein Ausdruck eines Trends im Gesundheitswesen, der sich nach Ansicht von Prof. Thun durch ein verändertes Verständnis von Medizintechnik auszeichnet. „Sie rückt näher an den Menschen heran.“ Vernetzte und tragbare kleine Medizingeräte überwachen Vitalfunktionen, übertragen die Daten direkt an die Arztpraxis oder das Krankenhaus und können bei Notfällen überlebensentscheidende Informationen liefern. Voraussetzung für diese Entwicklung sind – wie beim vernetzten Operationssaal auch – offene, international einheitliche Schnittstellen. Sie müssen von allen Medizingeräten, aber auch von den IT-Systemen der Krankenhäuser, Labors, Arztpraxen und Krankenkassen unterstützt werden. „Das erleichtert die Arbeit der Ärzte, aber auch die Entwicklung neuer Systeme“, betont Prof. Thun. „Dadurch haben auch mittelständische Unternehmen eine Chance, am Boom der modernen Medizintechnik teilzuhaben.

Das betrifft auch den „zweiten“ Gesundheitsmarkt, wie der Endkundenmarkt für selbst bezahlte Gesundheitsprodukte genannt wird. Hier gibt es im Moment einen starken Digitalisierungsschub mit Angeboten wie Online-Gesundheitsportalen, einer Vielzahl von Wellness-Apps, Fitness-Tools oder Vitaldaten-Monitoring. Nach einer Analyse des Beratungsunternehmes „Deloitte“ werden solche Produkte bereits von mehr als 40 Prozent der Smartphone-Besitzer eingesetzt.

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