Cloud Computing und Open-Source-Nutzung Der öffentliche Sektor in der Datenwolke

Von Natalie Ziebolz

Die Cloud erhält vermehrt Einzug in Öffentliche Verwaltungen. Das bringt auch die großen IT-Unternehmen auf den Plan. Um jedoch die Souveränität der Anwendungen gewährleisten zu können, benötigt Deutschland einen nationalen Hyperscaler.

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Aufgrund der Ankündigung von SAP und Arvato Systems ist eine Diskussion darüber entbrannt, ob eine souveräne Bundescloud auf Basis der Microsoft Azure Cloud realisiert werden kann
Aufgrund der Ankündigung von SAP und Arvato Systems ist eine Diskussion darüber entbrannt, ob eine souveräne Bundescloud auf Basis der Microsoft Azure Cloud realisiert werden kann
(© AndSus – stock.adobe.com)

Rund 398 Milliarden US-Dollar Umsatz erwartet Statista im Jahr 2022 im Bereich Cloud Computing. Ein wachsender Anteil entfällt dabei auf Anwendungen für den Öffentlichen Sektor. Zumindest, wenn es nach Gartner geht: Die Geschwindigkeit, mit der Behörden Dienste für die Pandemiebekämpfung entwickelt und eingeführt hätten, zeuge von wachsendem Vertrauen und Innovationsgeist, so das Marktforschungsunternehmen. Die Behörden würden daher auch weniger auf die Gesamtbetriebskosten achten, stattdessen rückten der Geschäftswert, die Flexibilität und der Nutzung von Cloud-Plattformfunktionen in den Fokus.

Erste Schritte auf dem Weg zur souveränen Cloud

Für diese Annahme sprechen auch die neuesten Pläne von SAP und Arvato Systems: Zusammen wollen sie bis 2024 eine souveräne Cloud-Plattform speziell für die deutsche Verwaltung realisieren – basierend auf der Microsoft Azure Cloud. Damit der U.S. Cloud Act, wonach Daten nicht ins Ausland transferiert werden dürfen, nicht greift, soll dafür ein neues, deutsches Unternehmen gründet werden. SAP und Arvato wollen dabei als Betreibergruppe fungieren. „Der Vorstoß von SAP Deutschland ist klar ein erster Schritt in die souveräne Cloud für den Öffentlichen Dienst“, ist sich Hermann-Josef Haag, DSAG-Fachvorstand Personalwesen & Public Sector, sicher. Auch der BMF-Abteilungsleiter IT, Harald Joos, zeigt sich begeistert von den Plänen.

Kritik kommt hingegen von der Open Source Business Alliance: „Insbesondere wegen der praktisch monopolartigen Position von Microsoft bei den Büroarbeitsplätzen hätte die Realisierung einer Microsoft-Cloud für die deutsche Verwaltung erheblichen Einfluss auf das ganze Ökosystem der Digitalisierung in Europa. Sie würde ohne die Definition angemessener Regeln und Rahmenbedingungen die Festlegung nicht nur des Bundes, sondern auch von Ländern und Kommunen auf die Cloud-Angebote von Microsoft und die dahinterstehende, ausschließlich von Microsoft kontrollierte Technologie bedeuten. So müssten insbesondere die in der Verwaltung verwendeten Fachverfahren die proprietären Programmierschnittstellen und Funktionen der Microsoft-Cloud-Angebote nutzen.“

Gleichzeitig zweifelt Holger Dyroff an der Souveränität der Plattform: „Es wird vielmehr das alte proprietäre Spiel von Intransparenz und Vendor-Lock-in weitergeführt, mit allen damit verbundenen Gefahren, wie beispielsweise Problemen bei der Datenmigration oder mangelnder Investitionssicherheit“, so der Managing Director von ownCloud. Digitale Souveränität sei ohne offene Quellcodes gar nicht möglich, denn ohne Open Source gebe es weder Transparenz noch Kontrollmöglichkeiten. „Solange der Code nicht einsehbar ist, ist er für Behörden, sicherheitssensible Anwendungen oder KRITIS-Infrastrukturen schlicht inakzeptabel“, so Dyroff.

Open Source: Nicht beliebt, dennoch genutzt

Nur ein Bruchteil der Öffentlichen Verwaltungen entwickelt eigenständige OSS-Produkte
Nur ein Bruchteil der Öffentlichen Verwaltungen entwickelt eigenständige OSS-Produkte
(© Bitkom)

Das Verhältnis der Öffentlichen Verwaltung zu Open-Source-Software (OSS) ist zwiegespalten. Laut des aktuellen Open-Source-Monitors des Bitkom zeigen sich nur 32 Prozent aufgeschlossen gegenüber OSS, 23 Prozent sehen diese sogar kritisch. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass nur 30 Prozent über eine OSS-Strategie verfügen. Die Skepsis hält die Öffentliche Verwaltung jedoch nicht von der Nutzung der OSS ab: 64 Prozent nutzen entsprechende Anwendungen bereits – meist ohne den Quellcode anzupassen. Auch an der Entwicklung beziehungsweise Weiterentwicklung der Software beteiligen sich weniger als die Hälfte der Organisationen (46 Prozent). Dafür teilen sie den veränderten Quellcode deutlich häufiger mit der OSS-Community als Wirtschaftsunternehmen: Während jede fünfte Verwaltung veränderten Quellcode (22 Prozent) weitergibt, sind es nur neun Prozent der Unternehmen.

Nationaler Hyperscaler benötigt

„Gegen den Einsatz von Open-Source-Software gibt es auch auf Grund einiger fehlgeschlagener Projekte der Öffentlichen Hand eine Reihe von hartnäckigen Vorurteilen“, weiß auch die OBS Alliance. „Zu diesen Vorurteilen gehört, dass Open-Source-Software nicht dem Stand der Technik entsprechen würde, teilweise schwer zu benutzen sei und das Management der entsprechenden Communities schwierig wäre. Tatsache ist jedoch, dass alle Organisationen, die die Digitalisierung sehr erfolgreich für sich nutzen konnten, darunter in erster Linie die großen, marktbeherrschenden Cloud-Anbieter wie Google oder Amazon, nahezu ausschließlich auf Open-Source-Software setzen und die eigenen proprietären Angebote darauf aufgebaut haben.“ Gleichzeitig bringe Open Source auch Vorteile mit sich: Wie eine Studie im Auftrag der europäischen Kommission zeigt, würde ein Investment in die Entwicklung von OSS den vierfachen Nutzen für das europäische Inlandsprodukt bringen.

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Um sicherzustellen, dass die Open-Source-basierte Cloud technisch, operativ und rechtlich souverän ist, braucht es jedoch einen deutschen Hyperscaler. Dafür käme laut des IT-Beauftragten der Bundesregierung Joos „Ionos“ in Frage. Das Unternehmen, das aus einem Zusammenschluss von 1&1 und ProfitBricks entstand, beteiligt sich auch an der Initiative Gaia X für eine europäische Cloud.

Dieses Vorgehen entspräche auch der Deutschen Verwaltungscloud-Strategie, wonach Bund, Länder und Kommunen unabhängiger von einzelnen Anbietern werden und einfach zwischen diesen wechseln können sollen. Immerhin warnten Wirtschaftsprüfer bereits 2019 in einer Studie für das Bundesinnenministerium vor der Abhängigkeit von Microsoft-Produkten.

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