Digitalisierung im Gesundheitswesen

Der digitale Fortschritt kommt bei den Patienten nicht an

| Autor: Ira Zahorsky

Im internationalen Vergleich lässt die Digitalisierung im Gesundheitswesen in Deutschland zu wünschen übrig.
Im internationalen Vergleich lässt die Digitalisierung im Gesundheitswesen in Deutschland zu wünschen übrig. (Bild: adam121 - stock.adobe.com)

In einer internationalen Vergleichsstudie, die empirica im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durchführte, wurde der Digitalisierungsgrad im Gesundheitswesen von 17 Ländern untersucht. Deutschland liegt dabei auf dem vorletzten Platz.

Gemeinsam mit der Schweiz und Frankreich belegt Deutschland in der Länderfolge der Healthcare-Digitalisierungsstudie die hinteren Plätze. Das Schlusslicht bildet Polen, was vielleicht weniger überrascht. Warum aber ist Deutschland abgeschlagen auf Platz 16? Was machen Länder wie Estland, Kanada, Dänemark, Israel und Spanien, die die Rangfolge anführen, besser?

„Während Deutschland noch Informationen auf Papier austauscht und an den Grundlagen der digitalen Vernetzung arbeitet, gehen andere Länder schon die nächsten Schritte. Mediziner in Israel beispielsweise setzen systematisch Künstliche Intelligenz etwa zur Früherkennung von Krebserkrankungen ein. Unsere Gesundheitspolitik muss entschlossener handeln als in der Vergangenheit und ihre Führungsrolle bei der Gestaltung der Digitalisierung weiter ausbauen – nicht als Selbstzweck, sondern zum Nutzen der Patienten“, analysiert Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Strategie, Politik, Koordination

In den Ländern auf den ersten Plätzen sind digitale Technologien bereits Alltag in Praxen und Kliniken. Rezepte werden digital übermittelt, Gesundheitsdaten in der eAkte gespeichert. Die Bürger in Estland und Dänemark können Untersuchungsergebnisse, Medikationspläne und ähnliche Daten online einsehen und Zugriffsmöglichkeiten verwalten. In Estland funktioniert das ePA-System über alle Versorgungssektoren hinweg. Israel und Kanada punkten mit alltäglichem Einsatz der Telemedizin.

Erfolgreiche Länder gehen strategisch in pragmatischen Schritten vor und führen einzelne Prozesse nach und nach ein, ergab die Studie. Die Politik gibt einen klaren Rahmen vor, sorgt für Akzeptanz bei den Akteuren und treibt die Entwicklung. In 15 der 17 analysierten Länder, in allen außer Deutschland und Spanien, gibt es „Agenturen für digitale Gesundheit“ auf nationaler Ebene. Diese sind etwa für die Definition von technischen Standards und Datenformaten für die elektronische Patientenakte verantwortlich.

Keine einheitliche Umsetzung in Deutschland

Obwohl Deutschland bereits 2003 die Einführung der elektronischen Gesundheitsakte beschlossen hat und es immer wieder erfolgreiche regionale Pilotprojekte und eine große Start-up-Szene gibt, ist eHealth im deutschen Alltag noch nicht angekommen. Denn die technologischen Möglichkeiten sind nicht bundesweit und für alle Patienten nutzbar. Das eHealth-Gesetz bildet nur einen generellen Rahmen und ist keine Gesamtstrategie.

„Die Politik hat in der Vergangenheit die Verantwortung für die digitale Transformation an die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen delegiert“, führt Thomas Kostera, Studienleiter bei der Bertelsmann Stiftung, aus. „Hier haben sich die Akteure lange Zeit gegenseitig blockiert. Es ist noch nicht gelungen, alle Verantwortlichen hinter einem gemeinsamen Ziel zu versammeln.“

Hemmnisse und Lösungen

Zudem gibt es in Deutschland sehr strenge Datenschutzbestimmungen und wenig finanzielle Anreize, die von der gematik zertifizierten Lösungen flächendeckend einzuführen und zu betreiben. Die Telematik-Infrastruktur (TI) ist nicht verpflichtend und die Versorger müssen sich nicht nach der gematik richten. Die gematik veröffentlicht ständig neue Standards und Interoperabilitätsvorschriften, die erfüllt sein müssen, um digitale Lösungen an die TI anzuschließen. Die Anwendungen werden nur aus GKV-Mitteln finanziert, wenn sie von der gematik zertifiziert sind.

Ein nationales Kompetenzzentrum könnte Prozesse zentral koordinieren und für die Standardisierung digitaler Anwendungen und die Definition von Schnittstellen sorgen. Einzelne Prozesse sollten gezielt und in logischen Schritten angegangen werden. Bei der Entwicklung sollten die Nutzer – Patienten und Ärzte – mit einbezogen werden. Auch die Akzeptanz bei Bürgern und medizinischem Personal muss von der Politik weiter gefördert werden, ebenso wie der Dialog über notwendige und wünschenswerte Entwicklungen als strategische Aufgabe.

Interessenten können sich die Berichte der Studie nach Ländern oder auch die gesamte Studie als pdf herunterladen.

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