Digitale Selbstvermessung

Der Datenschutz muss gewährleistet sein

| Redakteur: Ira Zahorsky

Technologien zur Selbstvermessung brauchen wissenschaftliche Grundlagen und Datenschutz durch die Politik
Technologien zur Selbstvermessung brauchen wissenschaftliche Grundlagen und Datenschutz durch die Politik (Bild: Fraunhofer ISI)

Gesundheits-Apps oder Fitness-Armbänder zur Selbstvermessung werden von immer mehr Menschen genutzt. Das bringt Vor- und Nachteile mit sich.

Digitale Selbstvermessung oder „Quantified Self“ – mit diesem Thema haben sich bis vor wenigen Jahren nur relativ wenige Menschen befasst. Mittlerweile existiert hierfür jedoch ein Massenmarkt, wie die zunehmende Nutzung von Gesundheits-Apps, digitalen Schrittzählern oder der Einsatz von Fitness-Tracking-Geräten zeigt. Die Anwendung und wachsende Verbreitung digitaler Selbstvermessungstechnologien bringt dabei sowohl Potenziale als auch Risiken für die Gesellschaft mit sich.

Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI hat im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Verbundprojekts „Wissenstransfer 2.0“ eine explorative Folgenabschätzung durchgeführt, die sich mit den Auswirkungen von und Herausforderungen durch Quantified-Self-Technologien befasst. Aus den Erkenntnissen wurden Handlungsfelder für Politik, Wissenschaft und Medizin abgeleitet, die im Policy Paper „Digitale Selbstvermessung und QuantifiedSelf – Potenziale, Risiken und Handlungsoptionen“ (pdf) zusammengefasst sind.

Fortschritte in der Medizin

Dr. Nils B. Heyen, der das „Quantified Self“-Projekt am Fraunhofer ISI leitet, äußert sich wie folgt zu den Potenzialen: „Von der digitalen Selbstvermessung wird angenommen, dass sie Vorteile für die eigene Gesundheit bringt – bislang fehlen hierfür aber in der Regel konkrete wissenschaftlichen Belege. Auch das Wissen über die eigene Gesundheit und den eigenen Körper könnte durch Selbstvermessung gestärkt werden. Darüber hinaus sind Fortschritte in Medizin und Wissenschaft möglich, wenn etwa die entsprechenden Daten zur Krankheitsdiagnose oder zur Individualisierung von Therapien sinnvoll genutzt werden können“.

Risiken beim Datenschutz

Heyen weist aber gleichsam darauf hin, dass digitale Selbstvermessungstechnologien auch Risiken wie Überwachungs-, Diskriminierungs- und Stigmatisierungspotenziale mit sich bringen. Besonders kritisch wäre etwa, wenn Institutionen wie Versicherungen, Arbeitgeber oder Banken Zugriff auf sensible personenbezogene Körper- oder Gesundheitsdaten bekämen und dies entsprechend ausnutzten. Weitere Gefahren resultieren aus der mangelnden Qualität von Geräten, Fehlinterpretationen der erhobenen Daten, einer verzerrten Körperwahrnehmung sowie aus Datenmissbrauch.

Aufgaben für Politik, Wissenschaft und Medizin

Aus den identifizierten Potenzialen und Risiken wurden mehrere Handlungsfelder und -optionen für Politik, Wissenschaft und Medizin abgeleitet. Die Politik sollte vor allem die Auswirkungen von Selbstvermessungstechnologien wissenschaftlich erforschen lassen, um den etwaigen Nutzen für die individuelle Gesundheit und die möglicherweise unerwünschten Implikationen für die Gesellschaft zu ermitteln.

Zudem sollten Politik und auch die Wissenschaft Sorge dafür tragen, dass bei der Sammlung der Selbstvermessungsdaten bestehende Datenschutzregeln eingehalten werden. Es ist auch zu klären, wie Bürger die Kontrolle über die von ihnen produzierten Daten in der Praxis tatsächlich behalten können. Darüber hinaus gilt es seitens Politik und Wissenschaft Standards für eine hohe Datenqualität zu schaffen und entsprechende Zertifizierungsverfahren einzurichten. Die Politik sollte außerdem die Gesundheits- und Datenkompetenz in der Bevölkerung stärken und einen gesellschaftlichen Diskurs zur Klärung von Fragen der Gesundheitsverantwortung des Einzelnen anregen.

Die Medizin könnte ebenfalls von Selbstvermessungstechnologien profitieren und diese künftig stärker für Diagnostik und Therapien einsetzen, sofern hinreichende Qualitäts- und Datenschutzstandards gewährleistet sind. Die Ärzteschaft müsste dazu jedoch in ihrer Datenkompetenz gestärkt werden und sich auf einen neuen Patiententypus einstellen, der durch seine Selbstvermessung eine hohe Selbstexpertise und neue Daten mitbringt. Generell sollte die Ärzteschaft ihren Patienten bei der Interpretation der gesammelten Daten helfen, um daraus für den Alltag die richtigen Schlüsse zu ziehen.

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