Estland und die Vorteile digitaler Wahlen Bringen digitale Wahlen der Blockchain den Durchbruch?

Autor / Redakteur: David Chaum / Peter Schmitz

Geht es um digitale Wahlen, gibt es weltweit nur ein Land, welches die digitale Stimmabgabe seinen Bürgern auf allen Ebenen ermöglicht: Estland. Das kleine Land im Osten Europas mit seinen circa 900.000 Einwohnern ist zum digitalen Vorreiter geworden. Doch welche Vorteile bringen digitale Wahlen und warum ist die digitale Stimmabgabe nicht längst in Deutschland implementiert?

Firmen zum Thema

In Estland können Bürger bei Wahlen ihre Stimme digital abgeben, das Land ist damit führend in der Welt beim E-Voting.
In Estland können Bürger bei Wahlen ihre Stimme digital abgeben, das Land ist damit führend in der Welt beim E-Voting.
(© sdecoret - stock.adobe.com)

Nach der Wahl ist naturgemäß auch gleich wieder „vor der Wahl“. Pandemiebedingt hat es bei der Bundestagswahl 2021 eine Rekordbeteiligung bei der Briefwahl geben. Die Vorteile einer digitalen Wahl liegen da auf der Hand. Auch wenn die Briefwahl in Deutschland vielerorts einfach zu beantragen war, eine Abstimmung über das Internet wäre deutlich bequemer als der Gang zur Urne an einem Sonntag, die Auswertung der Stimmzettel würde deutlich schneller gehen und Wahlzettel könnten in mehreren Sprachen zur Verfügung stehen.

In Estland funktioniert das eVoting dabei so, dass man zunächst mit einem Lesegerät und dem Personalausweis seine Identität am Computer bestätigt. Anschließend erhält man über eine Computeranwendung Zugriff auf den Stimmzettel und kann wählen. Die eigene Stimme kann man über den gesamten Zeitraum der Wahl noch einmal beliebig oft anpassen, denn lediglich die letzte Abgabe wird schlussendlich gewertet. Ob die Stimmabgabe erfolgreich war, kann mit einem QR-Code und einer App geprüft werden. Die Stimme selbst wird verschlüsselt und anschließend übermittelt. Diese Verschlüsselung ist in etwa das digitale Pendant zum Prinzip bei der deutschen Briefwahl, bei der die eigentliche Stimme in einen eigenen Briefumschlag zusammen mit dem Wahlschein in dem bekannten rosanen Umschlag verschickt wird. Natürlich gibt es bei einem digitalen Wahlprozess immer mehr Sicherheitsrisiken als bei einer analogen Wahl und auch wenn die demokratietheoretischen Voraussetzungen, also die Wahlgrundsätze, erfüllt sind, heißt das noch lange nicht, dass ein digitales System sicher und vor allem fälschungssicher funktioniert. Ist einmal eine Schwachstelle im System gefunden, könnte ein Angreifer wahrscheinlich deutlich einfacher eine große Anzahl an Stimmen fälschen oder zurückverfolgen. Bei der Briefwahl wäre das schon deutlich aufwendiger und würde physischen Zugang zu den Briefen erfordern.

Die Briefwahl in Deutschland - steigende Popularität

In Deutschland selbst gibt es keine Möglichkeit, seine Stimme digital abzugeben, lediglich die Briefwahl ist möglich. Diese wurde bereits 1957 in Deutschland eingeführt, um den Wahlgrundsatz der “Allgemeinheit der Wahl” zu erfüllen - also um möglichst vielen Menschen die Teilnahme an einer Wahl zu ermöglichen. Denn nicht jeder kann schließlich am Wahltag das eigene Wahllokal aufsuchen. Urlaub, Zweitwohnsitz oder Krankheit sind nur einige der Gründe, die die Stimmabgabe vor Ort erschweren beziehungsweise sogar unmöglich machen könnten. Genau das ändert die Briefwahl, denn sobald man die Unterlagen zugeschickt bekommen hat, kann die eigene Stimme abgegeben und abgeschickt werden - und das schon vor dem eigentlichen Wahltag. Die Wahl per Post ist zwar nicht ganz so bequem wie eine digitale Wahl, aber beim Vergleich mit dem Gang zur Urne schon ein deutlicher Schritt in in diese Richtung. Und sie erfreut sich steigender Beliebtheit.

Das spiegelt sich auch in den Zahlen zur Briefwahl wieder. Waren es 2017 noch circa 28 Prozent aller Wahlberechtigten, gehen offizielle Stellen bei der diesjährigen Wahl noch einmal von einem deutlichen Anstieg aus - hier spielt Corona natürlich auch eine Rolle. Dass immer mehr Wähler und Wählerinnen die Abstimmung per Post bevorzugen sollte allerdings auch Anlass sein, sich näher mit den Problematiken der Briefwahl zu beschäftigen. Dadurch, dass durch die Briefwahl Stimmen schon vor dem eigentlichen Wahltag abgegeben werden können, wird der Wahlkampf für die Parteien gegebenenfalls signifikant verkürzt. Denn: abgegebene Stimmen können nicht mehr nachträglich geändert werden, egal was für politisch relevante Ereignisse im Wahlkampf noch passieren und egal, ob man selbst seine Meinung noch einmal geändert hat. Je mehr Bürger und Bürgerinnen also die Briefwahl nutzen, desto relevanter wird es für die Parteien frühzeitig in den Wahlkampfmodus zu starten. Gleichzeitig steigt natürlich auch der logistische Aufwand für die Briefwahl und somit auch die Zahl an involvierten Drittparteien, wie z.B. Druckereien, die die Stimmzettel drucken und versenden. Hierdurch steigt natürlich die Wahrscheinlichkeit von Problemen, wie sich erst vor kurzem in Nürnberg gezeigt hat. Durch Probleme bei einer Druckerei mussten die Briefwähler teilweise zwei Wochen auf ihre Wahlunterlagen warten. Zu guter Letzt gilt es noch zu bedenken, dass durch die Briefwahl andere Wahlgrundsätze, wie beispielsweise das Wahlgeheimnis, potentiell eingeschränkt werden. Es kann nämlich nicht ausgeschlossen werden, dass bei der Stimmabgabe Druck auf den Wähler ausgeübt wird. Bei allen Argumenten für und gegen die Briefwahl stellt sich allerdings eine zentrale Frage: Warum wird die Stimmabgabe nicht auch in Deutschland digital angeboten?

Digitale Wahlen über die Blockchain

Grund hierfür dürften die Sicherheitsbedenken sein, die es in Estland zwar auch gab, die aber dem Ziel, Vorreiter in Sachen digitaler Wahlen zu werden, untergeordnet wurden. Und genau an dieser Stelle könnte die Blockchain-Technologie Abhilfe schaffen, denn ein Kernaspekt der Technologie ist, dass diese nicht gehackt werden kann. Mit einer auf Herz und Nieren geprüften Anwendung auf Basis der Blockchain, könnte so für die benötigte Sicherheit sorgen. Eine Möglichkeit wäre es jedem Wahlberechtigten einen Token in ein Wallet zu schicken, mit dem dann der Zugriff auf den Stimmzettel möglich ist. Jede abgegebene Stimme würde anschließend auf der Blockchain gespeichert werden. Je nachdem welcher Typ Blockchain dabei verwendet wird, ergeben sich unterschiedliche Vor- und Nachteile. Herkömmliche Blockchains wie Ethereum oder Bitcoin, sogenannte „public“ (öffentliche) Blockchains, sind komplett transparent und für jeden einsehbar. Die Verwendung einer öffentlichen Blockchain würde zusätzliches Vertrauen erzeugen, da jeder selbst die Wahl verfolgen kann und etwaige Unregelmäßigkeiten direkt auffallen würden. Allerdings muss sichergestellt werden, dass keine Stimme direkt zu einer Person beziehungsweise einem Wallet zurückverfolgbar ist.

Nutzt man stattdessen eine private Blockchain, also eine Blockchain, bei der nicht jeder die Transaktionen einsehen kann, so besteht dieses Problem nicht - allerdings gibt es auch keine Transparenz. Tatsächlich gibt es auch schon verschiedene Projekte wie z.B. Voatz, Polyas oder Agora, die sich mit Wahlen auf Blockchain-Basis befassen und ihre Konzepte bei kleineren Wahlen in Unternehmen oder auf Events testen. Ein weiteres Projekt, das sein Konzept bei Wahlen an Universitäten in den USA testen will, ist VoteXX, welches das xx network als Blockchain-Basis verwendet. Der Vorteil hier ist, dass das xx network eine öffentliche Blockchain ist, welche die Metadaten der Nutzer schützt. Dies verhindert, dass Stimmen zu einzelnen Nutzern zurückverfolgbar sind und ermöglicht gleichzeitig die benötigte Transparenz.

Doch auch wenn es bereits zahlreiche Experimente mit Wahlen auf Basis der Blockchain gibt und die amerikanische Post, USPS, ein Patent zur Stimmabgabe auf der Blockchain angemeldet hat, wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis Wahlen auf der Blockchain tatsächlich im größeren Stil in der Welt und auch in Deutschland durchgeführt werden. Zu kritisch wird die Blockchain noch gesehen und die verschiedenen Konzepte benötigen noch intensive Tests in verschiedenen Szenarien. Denkt man noch einen Schritt weiter, so wäre übrigens auch eine Verknüpfung mit Blockchain-basierten Self-Sovereign-Identities (SSI) möglich. Dann müssten sich Nutzer und Nutzerinnen nicht mehr mit ihrem Personalausweis verifizieren, sondern würden den Identitätsnachweis über eine App, in der beispielsweise ein digitaler Personalausweis liegt, durchführen. Das wäre das langfristige Ziel und eine wünschenswerte Richtung für die Digitalisierung der Wahlen.

Dieser Artikel erschien zuerst in Blockchain Insider.

Über den Autor: David Chaum ist weithin bekannt als der Erfinder von digitalem Bargeld (eCash). Er ist auch für andere grundlegende Innovationen in der Kryptographie verantwortlich, darunter Datenschutztechnologie und sichere Wahlsysteme. Mit einem Doktortitel in Informatik von der UC Berkeley lehrte er an der NYU Graduate School of Business und der University of California, leitete eine Reihe von bahnbrechenden Projekten und gründete die International Association for Cryptologic Research, die Kryptographie-Gruppe am Center for Mathematics and Computer Science in Amsterdam, DigiCash, das Voting Systems Institute und den Perspectiva Fund. Derzeit ist er an der Entwicklung der xx Blockchain beteiligt. Die erste quantenresistente, skalierbare Blockchain.

(ID:47712211)