Der neue Personalausweis Bitte vorne anstellen

Autor / Redakteur: Alexander Schmid, leitet das Kompetenzzentrum neuer Personalausweis im Auftrag des Bundesministerium / Manfred Klein

Er ist da. Drei Worte umreißen eines der komplexesten Vorhaben der Verwaltungsmodernisierung in Deutschland der letzten 20 Jahre. Seit dem 1. November können Bürgerinnen und Bürger den neuen Personalausweis beantragen. Nach langer Vorbereitungszeit im Bundesministerium des Innern und in den Personalausweisbehörden steht den Bürgern damit endlich auch für die Online-Authentifizierung (eID) ein hoheitliches Dokument zur Verfügung.

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Schlangestehen für den neuen Personalausweis. Auf der CeBIT 2010 zeigte sich das große Interesse der Bürger an sicherem eGovernment
Schlangestehen für den neuen Personalausweis. Auf der CeBIT 2010 zeigte sich das große Interesse der Bürger an sicherem eGovernment
( Archiv: Vogel Business Media )

Die Infrastrukturen stehen bereit. Unternehmen und Behörden können in den kommenden Monaten ihre Geschäftsprozesse auf nPA-Tauglichkeit prüfen. Dabei trifft die Skepsis gegenüber dem Neuen auf die Versprechungen von Soft- und Hardware-Industrie zu möglichen Einsparpotenzialen. Behördenleitungen aller Verwaltungsebenen stehen daher vor derselben Aufgabe: „Stellt euch vor, der neue Personalausweis ist da und wir werden gefragt, was wir mit ihm machen.“ Hier besteht ein berechtigtes Informationsbedürfnis bei den Mitarbeitern der Behörden und bei Bürgerinnen und Bürgern, welche die Leistungen der Behörden in Anspruch nehmen möchten.

Mit dem Einführungstermin reduziert das Bundesministerium des Innern seine aktive Rolle. Die Verantwortung für den eID-Service liegt nun bei den anbietenden Unternehmen. Die Verantwortung für die Nutzung des neuen Personalausweises im eGovernment liegt zuständigkeitshalber natürlich bei den Fachbehörden und –ämtern des Bundes, der Länder und der Kommunen. Um den Behörden den Einstieg in die Nutzung des neuen Personalausweises in ihren Fachverfahren zu erleichtern, steht dem Bundesinnenministerium auch in den kommenden Monaten weiter das Kompetenzzentrum neuer Personalausweis (CC nPA) zur Verfügung. Hier können Behörden weiterhin ihre Fragen rund um die Nutzung des neuen, hoheitlichen Ausweisdokuments in behördlichen Fachverfahren adressieren.

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Das Kompetenzzentrum neuer Personalausweis koordinierte in den vergangenen anderthalb Jahren den Anwendungstest der Diensteanbieter für das Bundesministerium. Über 200 Diensteanbieter haben im Anwendungstest mit Unterstützung des Kompetenzzentrums in dieser Zeit die verschiedenen Anwendungsszenarien für ihre Produkte und Dienstleistungen diskutiert, evaluiert und integriert. Im Kompetenzzentrum haben Berater und Techniker von BearingPoint, Steria Mummert und den beiden Fraunhofer Instituten Fokus und SIT hierfür Hand in Hand gearbeitet, um den Testteilnehmern die gesuchten Informationen detailliert und anbieterneutral zur Verfügung stellen zu können. Aus diesen Erfahrungen lassen sich folgende wesentliche Punkte für Behörden herausstellen.

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Wirtschaftlichkeit

Die Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen des Kompetenzzentrums neuer Personalausweis weisen erhebliche Potenziale für Behörden auf.

  • Auf Bundesebene wird die Nutzung des neuen Personalausweises bereits in der Beantragung von Kindergeld online, im Handel von Emissionszertifikaten und in der Anmeldung von Kraftfahrzeugen vorbereitet.
  • Auf Landesebene stehen grundsätzlich alle Antrags- und Förderverfahren in der Diskussion.
  • Auf kommunaler Ebene bietet der neue Personalausweis den Einstieg in ein echtes eGovernment 2.0 mit der medienbruchfreien Aufnahme von personenbezogenen Daten.

Open Government und Open Data

Der neue Personalausweis bietet zukunftsorientierten Behörden einen Einstieg in die Umsetzung von Open Government und Open Data.

  • Die sichere Online-Authentifizierung ermöglicht die technische Öffnung von behördlichen Datenbeständen.
  • Ein Customer-Self-Service-Ansatz unterstützt die Finanzierbarkeit der neuen Leistungen.
  • Die Definition geeigneter Geschäftsprozesse zum Open Government und die Planung der technischen Realisierung begleitet das Kompetenzzentrum für Behörden aller Verwaltungsebenen.

Schriftformerfordernis im eGovernment

Das Henne-Ei-Problem um die qualifizierte elektronische Signatur (QES) besteht in neuer Form weiter.

  • Als hoheitliches Dokument bietet der neue Personalausweis zwar einen einheitlichen Kartenkörper mit hoher Akzeptanz in der Bevölkerung für eine weite Verbreitung von elektronischen Signaturen.
  • Die elektronische Identität ermöglicht jedoch bereits ein medienbruchfreies eGovernment 2.0, das weitgehend ohne die übliche Unterschrift auf dem derzeit papiergebundenen Vorgang auskommen kann.
  • Das Kompetenzzentrum führt hier die Diskussion zwischen allen Beteiligten mit dem Ziel, vor einer einfachen 1:1-Elektronifizierung von Fachverfahren mit Beibehalt der Signaturerfordernis, die Möglichkeiten zum Bürokratieabbau umfassend zu prüfen. Behörden können hier auf Best-Practice-Erfahrungen im Kompetenzzentrum zurückgreifen.

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Sicherheitsbedenken allerorten

Die Sicherheit des neuen Personalausweises wird auch zukünftig kontrovers diskutiert.

  • In der Hackerszene wird sich weiterhin die Suche nach der Trophäe eines gehackten Personalausweises mit dem berechtigten Streben um Aufklärung zu denkbaren Missbrauchsszenarien mischen.
  • Dagegen hilft der Behörde nicht das sprichwörtlich dicke Fell und auch nicht der Vogel-Strauß-Ansatz, sondern mit Blick auf die positiven Potenziale des neuen Personalausweises das konsequente Umsetzen der empfohlenen Maßnahmen zu Datenschutz und Datensicherheit. Das Kompetenzzentrum bündelt hier die Informationen und Empfehlungen, die das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, die Vergabestelle für Berechtigungszertifikate und die Datenschützer der Länder in den vergangenen Jahren erarbeitet haben.
  • Sicherheitsbedenken im IT-Bereich lassen sich kaum mit 100-prozentiger Gewähr ausräumen. Der neue Personalausweis mit der Online-Identität lässt sich mit dem Sicherheitsgurt im Auto vergleichen. In zahlreichen Unfällen werden Menschen durch falsch angelegte Sicherheitsgurte oder durch unglückliche Unfallverläufe verletzt. Trotzdem stellt wohl niemand die grundsätzliche, deutliche Steigerung des Sicherheitsniveaus durch die Gurte in Frage.
  • Das große Interesse der informierten Bürger an einer sicheren Online-Identität zeigt: In der Bevölkerung besteht der Bedarf nach einem höheren Sicherheitsniveau für Online-Transaktionen.

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Die Kostensituation für Behörden

Die Unsicherheit bezüglich der erforderlichen Investitionen für die Nutzung des neuen Personalausweises baut sich in den Behörden langsam ab.

  • Der Markt rund um die erforderlichen Infrastrukturen, wo Angebot und Nachfrage zusammentreffen, bildet sich erst langsam. Das Kompetenzzentrum beobachtet derzeit, wie der steigende Wettbewerb der verschiedenen Anbieter von eID-Service, individuell angepasster AusweisApp-Software oder auch von der Integration in die Fachverfahren der Behörden die publizierten Preise schnell fallen lässt. Oftmals müssen die Anbieter noch mit ihren eigenen Geschäftsmodellen experimentieren, solange sie die Kundenanforderungen noch nicht vollkommen erfasst haben und der Wettbewerb sich noch nicht klar positioniert hat.
  • In dieser Situation bieten sich für Behörden auch Chancen, mit einer klaren eigenen Planung durch reduzierte Konditionen der Anbieter einen kostengünstigen Einstieg in die Nutzung der neuen Technik zu finden.
  • Das Kompetenzzentrum benennt aus der Arbeit mit den Behörden im Anwendungstest die Kosten für den eID-Service, wobei sich die verschiedenen Anbieter noch stark durch die Details in den Angeboten unterscheiden. Mit dem Ziel, die Kosten der Verwaltungsarbeit in der Behörde durch den neuen Personalausweis zu reduzieren, sollten für eine fundierte Kostenbetrachtung auch die Maßnahmen zur Prozessreorganisation, das Change Management für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie das Marketing bei Bürgerinnen und Bürgern zum ausgebauten eGovernment-Angebot berücksichtigt werden.
  • In den Behörden sind die verschiedenen Beteiligten in der Leitung, in den querschnittlichen Bereichen IT, Organisation, Haushalt, Personal sowie in den Fachabteilungen jetzt gefordert, ein gemeinsames Konzept zur Nutzung des neuen Personalausweises zu erarbeiten. Die Gegenüberstellung von erforderlichen Investitionen über die kommenden Jahre kann dann einer Abschätzung des erwarteten Nutzungsverhaltens der Bürgerinnen und Bürger gegenübergestellt werden.

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nPA 2.0 – Informationsbasis für Behörden

Aus diesen Punkten, die sich aus der Arbeit des Bundesministeriums des Innern und des Kompetenzzentrums in den vergangenen 18 Monaten ergeben haben, lassen sich für die Behörden des Bundes, der Länder und der kommunalen Ebene jeweils Handlungsfelder bestimmen und Maßnahmen ableiten. Es gilt, die Potenziale des neuen Personalausweises zur Verwaltungsmodernisierung, zum Bürokratieabbau und vor allem zur Senkung von Kosten in der Verwaltung selbst zu identifizieren und zu erschließen. Hier steht die Diskussion oftmals erst am Anfang. Der Informationsbedarf in den Behörden trifft auf teils widersprüchliche und oftmals noch nicht vollständige Informationen. Auf Anforderung des Bundesministeriums des Innern wird das Kompetenzzentrum daher auch über den Einführungstermin Anfang November hinaus in den kommenden Monaten weiterhin als zentrale Informationsstelle für die Wirtschaft, aber insbesondere auch für die Behörden dienen.

Behörden erreichen das Kompetenzzentrum über die Mailadresse info@ccepa.de sowie über die Wissens- und Kommunikationsplattform www.ccepa.de.

Hier finden interessierte Verwaltungen die Erfahrungen aus dem Anwendungstest zu den Bereichen Organisation, IT und Personal sowie einen Einstieg in eine detailliertere, behördenindividuelle Diskussion um die Nutzung des neuen Personalausweises in den jeweiligen Fachverfahren.

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