Wirtschaft und Medizin

Baden-Württemberg investiert in eHealth

| Autor: Susanne Ehneß

In der Hochtechnologieforschung, im Medizintechnik- und Pharmabereich, in der personalisierten Medizin, in der Telemedizin, der Diagnostik, der sektorenübergreifenden Versorgung und in der zukunftsorientierten Nachwuchssicherung sieht Ministerpräsident Kretschmann „große Chancen“
In der Hochtechnologieforschung, im Medizintechnik- und Pharmabereich, in der personalisierten Medizin, in der Telemedizin, der Diagnostik, der sektorenübergreifenden Versorgung und in der zukunftsorientierten Nachwuchssicherung sieht Ministerpräsident Kretschmann „große Chancen“ (Bild: © 180709253-stock.adobe.com)

Gemeinsam wollen Landesregierung, Wirtschaft und Medizin das hohe Niveau des Gesundheitsstandorts Baden-Württemberg halten.

„Großen Herausforderungen stehen noch größere Chancen gegenüber. Diese wollen wir nutzen, um den Standort Baden-Württemberg im internationalen Wettbewerb zu festigen und weiter zu entwickeln“, machten die Teilnehmer des „Forums Gesundheitsstandort Baden-Württemberg“ in einer gemeinsamen Erklärung deutlich. Die Veranstaltung fand am 12. Juli 2018 erstmals statt und führte die Landesregierung mit Akteuren aus Gesundheitswesen und -wirtschaft zusammen.

Das Ziel des Forums sei, „Baden-Württemberg im deutschen, europäischen und internationalen Rahmen nachhaltig als führenden Standort der medizinischen Forschung, der Entwicklung und Produktion medizinischer Spitzenprodukte und eines modernen und innovativen Gesundheitsversorgungssystems zu etablieren“. Ministerpräsident Winfried Kretschmann war bei der Auftaktveranstaltung dabei und zeigte sich motiviert: „Die Gesundheitswirtschaft ist für den Standort Baden-Württemberg von entscheidender Bedeutung – von medizinischer Wissenschaft und Forschung über Entwicklung, Produktion und Vertrieb bis hin zur Bereitstellung von Versorgungs- und Rehabilitationsangeboten. In vielen Bereichen befinden wir uns auch im internationalen Vergleich an der Spitze.“ Gleichwohl stehe man vor großen Veränderungen und Herausforderungen, „die wir nur gemeinsam mit den Akteuren des Gesundheitssektors bewältigen können“.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei seiner Rede zum „Forum Gesundheitsstandort Baden-Württemberg“
Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei seiner Rede zum „Forum Gesundheitsstandort Baden-Württemberg“ (© Staatsministerium Baden-Württemberg)

„Die immer schneller voranschreitende Vernetzung und Digitalisierung, aber auch Auswirkungen des demografischen Wandels, des Fachkräftemangels, des Technologiewandels oder auch zunehmende Unsicherheiten im freien Welthandel, bringen extreme Veränderungen in der Gesellschaft und der Wirtschaft mit sich. Dieser Veränderungsprozess soll uns nicht überraschen. Wir wollen ihn mitgestalten“, verdeutlichte Kretschmann. Insbesondere in der Hochtechnologieforschung, im Medizintechnik- und Pharmabereich, in der personalisierten Medizin, in der Telemedizin, der Diagnostik, der sektorenübergreifenden Versorgung und in der zukunftsorientierten Nachwuchssicherung sehe er im Land große Chancen, wenn die Herausforderungen aktiv angenommen würden.

Herausforderungen

In einer gemeinsamen Abschlusserklärung wurden die diskutierten Herausforderungen festgehalten:

  • Die langfristige Sicherung einer innovativen und bedarfsgerechten Versorgung für alle Menschen in Baden-Württemberg unter Berücksichtigung der absehbaren demografischen Veränderungen,
  • die voranschreitende Digitalisierung mit riesigen Datenmengen („big data“) und deren sichere und intelligente Verwendung („smart data“, „smart tools“),
  • die neuen Möglichkeiten der IT-unterstützten Vernetzung in der Kommunikation und Interaktion,
  • eine effiziente Gestaltung der Vielzahl sich dynamisch entwickelnder Hochtechnologien (z. B. in der sogenannten „Personalisierten Medizin“, bei der Nutzung der Künstlichen Intelligenz (KI) oder von Telemedizin) für Produkte und Dienstleistungen im Gesundheitssystem, die zur Verbesserung von Versorgung und Prävention beitragen,
  • der Anspruch auf eine exzellente Wissenschafts- und Forschungslandschaft sowie eine moderne Forschungsinfrastruktur in der Medizin, um die drängendsten Krankheiten verstehen, diagnostizieren und therapieren zu können,
  • die Zulassungs-, Regulierungs- und Erstattungsmodalitäten im deutschen Gesundheitssystem sowie im europäischen und internationalen Kontext, wobei der Patientenschutz und das Qualitäts- und Wirtschaftlichkeitsgebot berücksichtigt werden müssen,
  • die Notwendigkeit flexibler Bedingungen für die Kooperation von universitären, außeruniversitären und Industriepartnern in der Forschung und Innovationsentwicklung,
  • die Berücksichtigung der Interessen der im Gesundheitssektor tätigen Menschen,
  • die Notwendigkeit, neben der Unterstützung etablierter Unternehmen eine Unternehmensgründungskultur im Bereich Gesundheitswirtschaft zu etablieren bzw. auszubauen, um auch weiterhin die Markt- und Innovationsführerschaft im Gesundheitssektor beanspruchen zu können,
  • eine sichere und zukunftsorientierte Verfügbarkeit von Nachwuchs- und Fachkräften, die in ihrer Aus- und Weiterbildung mit Wissen und Fertigkeiten ausgestattet sind und denen transparente und nachhaltige berufliche Karriereperspektiven in der Forschung und Versorgung angeboten werden,
  • die Entwicklung einer Professionen- und Sektoren-übergreifenden Präventions- und Versorgungskultur, die sich auf die Bedürfnisse der Bürger und Patienten ausrichtet, sie als Partner einbezieht und das Erzielen der bestmöglichen Gesundheitsergebnisse unterstützt,
  • Infrastrukturen zur Kooperation von Medizin und Wirtschaft bei der Durchführung innovativer klinischer Studien zur evidenzbasierten Einführung neuer Technologien (Diagnostik, Sensortechnologien, digitale Medizinprodukte und Anwendungen u.ä.).

Diese Herausforderungen sollen nun in Arbeitsgruppen angegangen werden. Eine davon ist dem Bereich „Forschung" gewidmet. „Medizinische Forschung ermöglicht zunehmend präzisere und individualisierte Lösungsansätze für die Entwicklung neuer Diagnoseverfahren und Therapien. Mit Hilfe intelligenter Datenverarbeitung gelingen große Fortschritte, die den Patientinnen und Patienten unmittelbar zu Gute kommen. Die Voraussetzungen in Baden-Württemberg sind bestens, um ‚Smart Data‘ in der Medizin noch effektiver einsetzen zu können. Wir wollen diese Potenziale tatkräftig nutzen für die Forschung in unseren Universitätsklinika und Forschungseinrichtungen. Die Resultate kommen in unseren gesamten Gesundheitseinrichtungen zum Wohle unserer Bürgerinnen und Bürger zum Einsatz“, kommentierte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer.

Handlungsbedarf

Prof. Dr. Annette Grüters-Kieslich, Leitende Ärztliche Direktorin des Universitätsklinikums Heidelberg, erläuterte den Handlungsbedarf aus der Praxis: „Zu viele gute Behandlungsansätze schaffen es nicht oder nur sehr langsam vom Labor bis zum Patienten. Der enge Austausch und ein gemeinsames Wirken von Grundlagenforschung, klinischer Anwendung und der Industrie sind essenziell, damit zügig verbesserte Verfahren für die Gesundheit der Menschen entstehen können. Forschungseinrichtungen wie das Universitätsklinikum Heidelberg stehen bereit, um ihren Beitrag zu leisten. Politik und Wirtschaft sind jedoch gefordert, um gemeinsam mit der Wissenschaft die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen.“

Dr. Dr. Saskia Biskup, Fachärztin für Humangenetik, Geschäftsführerin CeGat GmbH, Tübingen, verspricht sich viel von personalisierter Medizin und künstlicher Intelligenz: „Ich verspreche mir durch artifizielle Intelligenz in der Verarbeitung großer Datenmengen wie genetische Daten oder Bilddaten zukünftig viel Unterstützung und auch Kosteneinsparungen, so dass ich als Arzt wieder viel mehr ärztlich tätig sein kann und meine Zeit mit dem Patienten verbringen kann.“

Sozial- und Integrationsminister Manne Lucha wies darauf hin, dass Baden-Württemberg der Pharmastandort Nummer eins in Deutschland sei. Um diesen hohen Standard zu halten, seien die richtigen Rahmenbedingungen für den Bereich der Digitalisierung oder personalisierten Medizin, aber auch für den Arzneimittel- und Medizinproduktebereich wichtig.

Dr. Johannes Fechner, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW), wies auf die Notwendigkeit durch telemedizinische Betreuung hin: „Der Mangel an Ärzten und Pflegekräften bedingt neue Versorgungsstrukturen. Die Telemedizin wird neue Formen der Behandlung zwischen Arzt und Patient zulassen.“

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