Skepsis beim Thema Sicherheit

Autonomes Fahren in der Vertrauenskrise?

| Redakteur: Benjamin Kirchbeck

Sind autonome Autos sicher? Wenn es nach den Chinesen geht schon – 75 Prozent stimmten dieser Frage zu. Bei den Deutschen und US-Bürgern ist die Skepsis bisher noch ausgeprägter.
Sind autonome Autos sicher? Wenn es nach den Chinesen geht schon – 75 Prozent stimmten dieser Frage zu. Bei den Deutschen und US-Bürgern ist die Skepsis bisher noch ausgeprägter. (Bild: Conti)

Das Vertrauen in die Perfektion der Technik hat ihre Grenzen – zumindest beim Thema Autonomes Fahren. Kritisch für die etablierten Autobauer: Verbraucher trauen verstärkt Technologieunternehmen statt OEMs zu, voll funktionsfähige autonome Fahrzeuge zu entwickeln.

Entscheidend für die Akzeptanz beim Verbraucher – und damit schlussendlich für die Nachfrage nach selbstfahrenden Autos – ist das Thema Sicherheit. Und hier zeigen die Ergebnisse der Studie, dass bei den Konsumenten immer noch erhebliche Skepsis vorherrscht. In Deutschland, den USA, Japan und Indien bewertet rund die Hälfte der Befragten (jeweils zwischen 47 und 50 Prozent) die Technologie als nicht sicher; in China ist es allerdings nur ein Viertel. Gegenüber den Studienergebnissen aus dem Jahr 2017 stellt das zwar eine deutliche Verbesserung dar, doch im Vergleich zu 2018 schätzen die Verbraucher die Sicherheit global insgesamt geringfügig schlechter ein.

Besonders auffällig ist dies in den USA, wo einige wenige tödliche Unfälle von autonomen Level 2 und 3 Fahrzeugen zuletzt große mediale Aufmerksamkeit erregt hatten. 65 Prozent der in den USA Befragten gaben an, dass dies ihre Einschätzung bezüglich der Sicherheit von autonomen Fahrzeugen negativ beeinflusst. Der negative PR-Effekt macht sich auf unterschiedlichem Niveau aber auch weltweit bemerkbar: In Deutschland bestätigen dies 56 Prozent, in China und Indien 64 Prozent.

Doch wie kann mehr Sicherheit gewährleistet werden? Hier sehen die Teilnehmer an der Studie mehrheitlich die Regierungen und Behörden in der Pflicht. Die Frage, ob sie mehr regulatorische Kontrolle bezüglich der Entwicklung selbstfahrender Autos wünschen, bejahen dies insgesamt 86 Prozent der Deutschen (27 Prozent befürworten eine allgemeine Kontrolle, 59 Prozent signifikante Kontrollmaßnahmen). Ähnlich zeigt sich die Einschätzung in der globalen Befragung, wobei sich in China sogar insgesamt 97 Prozent für staatliche Kontrolle (in mehr oder weniger starkem Umfang) aussprechen. Weltweit lehnt nur eine absolute Minderheit staatliche Regulierung bei der Entwicklung selbstfahrender Autos ab.

„Die Verbraucher bleiben skeptisch, was die Sicherheit von autonomen Fahrzeugen angeht. Aber wir glauben, dass es einen längerfristigen Trend hin zu einer zunehmenden Akzeptanz von autonomen Fahrzeugen geben wird, wenn die Vertrautheit mit der Technologie zunimmt und die Vorteile von selbstfahrenden Autos ersichtlich werden. Und eine Mehrheit der Verbraucher wird erwarten, dass die Regierungen eine signifikante Kontrolle im Hinblick auf die Entwicklung und Nutzung von autonomen Fahrzeugen ausüben“, analysiert Dr. Thomas Schiller, Partner und EMEA Automotive Lead bei Deloitte.

Deutschland: Vertrauensverlust in die Innovationskraft der OEMs

Noch ist Autonomes Fahren ein Zukunftsthema. Doch wem trauen die Verbraucher am ehesten zu, als Erster selbstfahrende Autos zur Marktreife zu entwickeln und in den Handel zu bringen? Traditionellen Autoherstellern, etablierten Technologiekonzernen wie beispielsweise Google (bzw. dessen Spin-Off Waymo) oder gar ganz neuen Unternehmen, die sich auf selbstfahrende Autos spezialisieren?

Hier sind zwischen den Märkten deutliche Unterschiede festzustellen. Während etwa deutsche Konsumenten alle drei Optionen zu relativ gleichen Anteilen für wahrscheinlich halten, liegen in Japan die Autohersteller vorne (68 Prozent) und in Indien die Technologiekonzerne (39 Prozent). In China räumen die Befragten neuen Marktteilnehmern die größten Chancen ein (58 Prozent).

Auffällig ist allerdings in der Gesamtschau: Im Vergleich zu 2017 und 2018 haben die Autohersteller global an Boden verloren und die Technologiekonzerne bei diesem Thema einen klaren Anstieg in der Verbraucherwahrnehmung erfahren.

Am deutlichsten zeigt sich der Vertrauensverlust in die Innovationskraft der OEMs in Deutschland, wo die Unternehmen der US High-Tech-Branche vermehrt als Pioniere des Autonomen Fahrens wahrgenommen werden. Die Studie belegt: Den Autoherstellern trauten 2017 noch 51 Prozent der befragten Deutschen zu, eine Vorreiterrolle bei der Markteinführung selbstfahrender Autos zu spielen. Heute teilen diese Erwartung nur noch 33 Prozent – ein signifikanter Rückgang.

Im selben Zeitraum haben die Technologieunternehmen in der Befragung von ehemals 20 Prozent im Jahr 2017 auf heute 32 Prozent zugelegt. Damit liegen sie hierzulande beim Thema Autonomes Fahren in der Wahrnehmung der Verbraucher nun mit den OEMs fast gleichauf. Für die Automobilhersteller ist das ein ernüchternder Befund.

Elektromobilität: Gesteigertes Interesse vor allem in Asien

Die Studie zeigt, dass Verbraucher in Asien für ihren nächsten Fahrzeugkauf vermehrt E-Autos und Hybride bevorzugen, allen voran im chinesischen Markt (12 bzw. 44 Prozent), wo strenge staatliche Regulierungsmaßnahmen zur Luftreinhaltung angekündigt sind.

Auch in Japan ist Hybrid- und Elektromobilität zunehmend populär, doch hierzulande halten noch immer 63 Prozent der befragten Konsumenten traditionellen Antriebskonzepten die Treue. Nur 6 Prozent bevorzugen Elektro- und 26 Prozent Hybridautos. In den USA, wo anhaltend günstige Kraftstoffpreise und eine eher laxe Regulierung durch den Gesetzgeber vorherrschen, setzen sogar 71 Prozent weiterhin auf den Verbrennungsmotor.

Connected Car: Was ist den Kunden die Vernetzung wert?

Hier zeigen sich in der Studie signifikante Unterschiede zwischen den Märkten. In aufstrebenden Volkswirtschaften wie China und Indien sieht eine große Mehrheit von 79 bzw. 76 Prozent einen Mehrwert in Car Connectivity – in Deutschland und Japan teilen diese Einschätzung gerade mal 36 bzw. 35 Prozent der Befragten. Wenn es darum geht, wieviel Aufpreis Kunden für Connected-Car-Features beim Autokauf zu zahlen bereit sind, bestätigt sich dieses Verhältnis: So wollen 43 Prozent der deutschen Verbraucher gar nichts extra bezahlen und 40 Prozent nur einen geringen Aufpreis von maximal 600 Euro oder weniger. In China hingegen würden insgesamt 93 Prozent geringe oder sogar höhere Extrakosten akzeptieren.

Insgesamt besonders gefragt sind im vernetzten Auto Features und Dienste, die für effizientere Navigation, mehr Verkehrssicherheit und Unfallvermeidung sorgen. Zugleich bestehen aber weltweit Bedenken bezüglich der Datensicherheit von vernetzten Automobilen. In Deutschland gaben dies 60 Prozent der Befragten an, in Indien sogar 70 Prozent. Weniger kritisch sehen dies Konsumenten in China und Japan (42 bzw. 39 Prozent).

Wenn es darum geht, wem Verbraucher die im vernetzten Auto generierten und geteilten Daten bevorzugt anvertrauen, sind ebenfalls Unterschiede auszumachen. So werden global die OEMs zwar an erster Stelle genannt, doch in Deutschland, USA und China vertrauen ihnen lediglich 31 Prozent der Befragten (in Japan sind es immerhin 53 Prozent). Überraschend ist mit 24 Prozent der Nennungen der Wunsch chinesischer Verbraucher, dass sich gerade der Staat um die Datensicherheit beim Thema Connectivity kümmern soll. In den USA befürworten dies nur 2 Prozent.

Neue Mobilitätskonzepte: Verbraucher halten an traditionellen Gewohnheiten fest

Shared Mobility (z.B. Carpooling oder Minibus-Shuttle) stößt mit Ausnahme von Indien (52 Prozent) nur bei einem überschaubaren Teil der Verbraucher auf Interesse; in Deutschland sind es lediglich 21 Prozent, in den USA 24 Prozent. Der Hauptgrund dafür: Sich den relativ beengten Fahrgastraum eines Autos oder Minibusses mit Fremden zu teilen, empfunden viele als unangenehm; weltweit gaben dies zwischen 40 und 54 Prozent der Befragten an.

Täglich das eigene Auto nutzen in den USA 59 Prozent und in Deutschland 47 Prozent, in den asiatischen Märkten mit ihren vielen Metropolen und Mega-Cities sind es hingegen deutlich weniger (China 38 und Japan 21 Prozent). Ein ähnliches Verhältnis zeigt sich demnach auch bei der regelmäßigen Kombination unterschiedlicher Verkehrsmittel pro Wegstrecke.

Die Nutzung von Fahrdiensten wie Uber hat laut Studie gegenüber 2017 weltweit gesehen sogar einen leichten Rückgang erfahren. Zumindest bei jungen Nutzern der Generationen Y und Z zeichnet sich hier aber ein klarer Trend ab: Sie geben signifikant häufiger als ältere Befragte an, für ihre Mobilitätsbedürfnisse auf den Besitz eines eigenen Autos verzichten zu können; in Deutschland sind dies aus der Generation Y/Z 35 Prozent gegenüber 17 Prozent der älteren Konsumenten. Im Vergleich zu 2017 stagniert oder sinkt jedoch über alle Altersgruppen und Märkte hinweg der Anteil derer, die sich vorstellen können, künftig gar kein eigenes Auto mehr zu besitzen.

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