Aufbruchstimmung im eHealth

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Beim eRezept drängt ja die Zeit. Können Sie den aktuellen Stand kurz beschreiben?

Höcherl: Auch beim eRezept möchten wir natürlich sicherstellen, dass der Versicherte auch tatsächlich die Person ist, die jetzt ein Rezept einlösen möchte. Diese Authentifizierung kann man am besten über die Kombination von elektronischer Gesundheitskarte (eGK) und PIN realisieren. Wir wissen aber auch, dass ein solches Verfahren nicht für jeden Nutzer geeignet oder gewünscht ist. Deshalb haben wir von vorneherein die Möglichkeiten angeboten, das eRezept auch ohne Anmeldung und ohne PIN nutzen zu können. Der Versicherte erhält einen Rezeptcode, mit dem er in der Apotheke sein Medikament erhält. Während dagegen jemand, der vielleicht Zugriff auf seinen gesamten Medikamentationsverlauf braucht, eGK und PIN nutzt.

Im Rahmen der nutzerzentrierten Entwicklung haben wir verschiedene Tests durchgeführt: So wurden bei UX-Tests circa 350 Teilnehmende zu den Funktionalitäten befragt. Es bestand außerdem die Möglichkeit, sich die eRezept-App im Rahmen von Alphatests auch schon vor der offiziellen Verfügbarkeit in den Stores herunterzuladen. Daran haben sich insgesamt rund 2.500 Nutzer beteiligt. Im Laufe der Weiterentwicklung der eRezept-App wird die Gematik die Tests weiterhin durchführen. So bearbeiten wir zum Beispiel das Thema Barrierefreiheit und erarbeiten mit unseren Testern, welche Anwendungen zum Beispiel Sehbehinderte – Stichwort Vorlesefunktion – brauchen und wie diese zu gestalten sind.

Natürlich kann man eine solche App nicht auf einen Schlag mit allen Funktionen bereitstellen, aber wir werden die App sukzessive und langfristig ausbauen. Wir sind daher generell sehr zuversichtlich, dass wir die anfänglichen Hürden für die Nutzer, von denen Sie gesprochen haben, peu à peu überwinden. Und alles, was wir mit der TI 2.0 vorschlagen, unterstützt diese Grundidee des positiven Nutzererlebnisses.

Sie haben das Thema Akzeptanz ja schon angesprochen. Gerade bei den niedergelassenen Ärzten stieß die Telematikinfrastruktur nicht immer auf Gegenliebe. In den vergangenen Monaten ließ die Kritik jedoch nach. Führen Sie das auf die neue Version der TI zurück, und was zeichnet die Version 2.0 gegenüber dem Vorgänger aus?

Höcherl: Die von Ihnen beschriebene Zurückhaltung ist natürlich auch damit begründet, dass mit der Einführung von Produkten oder Diensten immer auch ein gewisser Aufwand für die Anwender verbunden ist, der Nutzen aber nicht immer direkt und klar erkennbar ist. Oder erst in weiterer Zukunft liegt. Die Zahlen – zum Beispiel die Bestellung elektronischer Heilberufsausweise – wie aber auch das Feedback, das wir im Dialog mit der Ärzteschaft erhalten, zeigen jedoch, dass immer mehr positive Nachfragen kommen. Für uns ist ganz wesentlich, dass wir diesen konstruktiven Dialog mit allen Stakeholdern verbreitern und dabei möglichst viele und auch unterschiedliche Gesprächsformate nutzen.

Wir tun das zum Beispiel, indem wir aktiv den Austausch mit niedergelassenen Ärzten suchen. So können wir das Feedback von Ärzten, die zum Beispiel die ePA mit ihren Patienten anwenden oder das eRezept erproben, einholen und dieses in die Weiterentwicklung der Anwendungen einfließen lassen. Das zweite ist, dass wir auch gesonderte Dialogformate durchführen, wo man im Q&A-Stil Fragen stellen kann. Hier verzeichnen wir eine sehr hohe Resonanz. Wir hatten jetzt zum Beispiel vor der Sommerpause eine digitale Veranstaltung zum Thema ePA mit 5.000 Teilnehmenden. Das zeigt uns sehr deutlich, dass wir die anfängliche Zurückhaltung überwunden haben. Ich gehe davon aus, dass die Akzeptanz mit zunehmender Verbreitung der Anwendungen größer werden wird. Wir brauchen neben den besagten Aktivitäten einfach noch ein bisschen Geduld und Zuversicht.

Natürlich kann das Thema Nutzerfreundlichkeit in den Arztpraxen noch über verschiedene Stellschrauben verbessert werden. Wir, als Gematik, konzentrieren uns dabei auf die technischen Lösungen und die Hilfestellungen im Sinne einer möglichst breit gestreuten und fundierten Information. Wir setzten hier auf den Dialog mit der Ärzteschaft, den Krankenkassen und anderen Organisationen. Auch bei der Entwicklung der TI 2.0 haben wir zunächst einmal mit vielen Ärzten und Standesorganisationen gesprochen, und in der Problemanalyse erst einmal eruiert, was eigentlich die Hemmschuhe und Hindernisse sind. Dabei wurde schnell klar, wie die TI am besten zu modernisieren ist. Das Verfahren hat sich also bereits bestens bewährt.

Wenn es um das Thema Akzeptanz der Digitalisierung im Gesundheitswesen geht, dann muss man auch ein paar Worte zu den Themen Datenschutz und IT-Sicherheit verlieren. Die Cyberangriffe in den vergangenen Wochen haben ja deutlich gezeigt, wie wichtig diese Bereiche sind. Wie stellt sich hier der Stand der Entwicklung dar, und was antworten Sie den Kritikern?

Höcherl: Klar ist, Gesundheitsdaten sind extrem sensible Daten. Daher haben wir einen entsprechend hohen Anspruch, diese Daten zu schützen. Um dieses Ziel zu erreichen, setzen wir dazu alle Methoden und Verfahren ein, die sich am Markt etabliert haben. Das beginnt mit Penetrationstests und hört bei Sicherheitsgutachten noch lange nicht auf. Und auch hier ist das Thema Transparenz für uns von größter Bedeutung. Das heißt zum Beispiel, dass wir unsere Anwendungen auch auf Basis von Open Source zur Verfügung stellen, sodass keine Closed-Shop-Strukturen entstehen. Und wir stehen natürlich bei allem, was wir tun, in enger Abstimmung mit den Sicherheitsbehörden.

Es liegt in der Natur der Sache, dass es bei IT nie eine vollständige Sicherheitsgarantie geben kann, aber den Kritikern halte ich entgegen, dass medizinische Innovationen derzeit meist datenbasiert zustande kommen. Nicht nur Corona hat das deutlich gemacht. Wir sehen das auch bei der Bekämpfung großer Volkskrankheiten wie bei der Krebsbekämpfung. Deswegen muss man letztlich Nutzen und Risiken abwägen: Denn Daten zu nutzen, kann nicht nur die Behandlung verbessern, sondern auch Leben retten. Anmerken möchte ich noch, dass das Gesundheitswesen durch die föderale Struktur und den immensen Einsatz von medizinischen Geräten davon abhängt, dass in dieser gesamten Kette alle Arten von Schutzmaßnahmen getroffen werden. Deswegen begrüßen wir auch die eingangs angesprochene Aufbruchstimmung durch die konkrete politische Rahmensetzung, wie sie zum Beispiel durch das Krankenhauszukunftsgesetz erfolgte.

Dieser Beitrag erschien zuerst in unserer Sonderpublikation Healthcare Digital. Weitere Themen aus dem Heft Sonderheft finden Sie hier.

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