Verschwindet die Verwaltung in der Wolke? App-Land: eGovernment at your Fingertip

Autor / Redakteur: Franz-Reinhard Habbel / Manfred Klein

In den nächsten Jahren wird die digitale Ökonomie weltweit einen noch nicht da gewesenen gigantischen Aufschwung erleben. Sie wird – vermutlich bis auf das Investmentbanking – alles andere weit in den Schatten stellen.

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Im Jahre 2009 setzte die Informations- und Kommunikationswirtschaft allein in Deutschland 127 Milliarden Euro um. Weltweit waren es rund 2,5 Billionen Euro. Und das ist erst der Anfang. Denn der Umsatz wird explodieren.

In Zukunft werden noch mehr Hochleistungsglasfaserstrecken die Erdkugel wie Meridiane umspannen. Wo sich diese Lebensadern der Informationsgesellschaft treffen, entstehen die Arbeitsplätze von morgen. Die digitale Ökonomie wird zum Treibsatz der Weltwirtschaft und verändert ganze Wirtschaftszweige.

Aus dem Internetdienstleister wird vielleicht ein Energie- oder Automobilunternehmen, aus einem Software-Hersteller möglicherweise ein Anbieter von Wissensdatenbanken. Der Alltag der Menschen wird in allen Lebensbereichen von Informationstechnologie geprägt. Im Wesentlichen sind es zwei Technologien, welche die Nutzung von Informationen, Organisationen und Hierarchien, die Zugänge zu Daten, die Arbeitsabläufe, die Bereiche Bildung, Gesundheit, Energieversorgung, Arbeitswelt und Freizeit – letztlich die Art zu leben – komplett umkrempeln werden. Die beiden Technologietrends heißen Apps und Cloud Computing – und sie werden sich gegenseitig hochschaukeln. Damit wird sich auch der Zugang zum Internet verändern. Nicht mehr der Browser und die Eingabe einer URL-Adresse wird die Startrampe in die virtuelle Welt sein, sondern das App-Internet erlaubt es dem Nutzer, durch Apps komfortabel an Informationen zu gelangen und zu kommunizieren.

Aktuell gibt es in Deutschland rund 110 Millionen Handys. Davon sind sieben Millionen Smartphones und rund eine Million iPhones. In den nächsten fünf Jahren werden turnusgemäß fast alle Handys ausgetauscht. Das bedeutet, dass die Menschen 110 Millionen leistungsstarke und einfach zu bedienende Computer mit sich herumtragen werden. Damit wird das Mobiltelefon zur universalen Schnittstelle in die digitale Welt und wird nebenbei auch noch Kreditkarten als Zahlungssystem ergänzen oder sogar ablösen.

Programme, Daten und die daraus generierten Dienstleistungen werden weitgehend in der Cloud liegen und mit dem Smartphone angesteuert werden. Was im vergangenen Jahrzehnt der PC war, wird in diesem Jahrzehnt das Smartphone respektive das Tablet sein. Immer mehr Unternehmen, aber auch die Öffentliche Verwaltung, werden die Cloud als Softwarespeicherstelle und Datenlieferant nutzen. Immer mehr IT wird in solche Clouds ausgelagert und Organisationen – was die IT betrifft – weitgehend dematerialisieren. Kein Staat kann dies verhindern.

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Wolke sieben

Die Welt der Apps und des Cloud Computing wird auch die Öffentliche Verwaltung fundamental verändern. Ähnlich wie bei Fluggesellschaften, wo Flugscheine der Vergangenheit angehören, wird ein Self-Service-System Einzug in die Verwaltung halten. Wenn täglich weltweit Millionen von Buchungsvorgängen von Kunden über das Internet und immer öfter über Apps vom Smartphone ausgelöst werden, warum soll das nicht auch für Services der Öffentlichen Hand gelten? Wie selbstverständlich wird man sich in einigen Jahren die einfache Baugenehmigung mit klarer Authentifikation durch den neuen Personalausweis „aus dem Automaten ziehen“, in dem vorab die Daten, die das Bauvorhaben darstellen, automatisch mit den Plänen in der Verwaltung abgeglichen werden.

Wie selbstverständlich werden wir auf den mobilen Endgeräten „Häkchen“ machen, um über ein individuelles elektronisches Formular Verwaltungsprozesse auszulösen, die uns die entsprechenden Services verfügbar machen. Verwaltungslogistik befindet sich dann in virtuellen Datencontainern in der Wolke.

Aus Rechenzentren werden Service Provider, die sich stärker um Managementaufgaben kümmern werden und nicht mehr Programme oder Daten in einem Gebäude vorhalten und bereitstellen. In welchen Clouds die Datenbestände der Öffentlichen Hand sich befinden, sollte allerdings wohl überlegt sein.

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Touch me State

In Deutschland gab es im Jahre 2010 rund 750 Millionen App Downloads aus dem Apple-Store. Weltweit waren es über fünf Milliarden bei 300.000 Anwendungen. Alle Lebensbereiche werden mit Apps durchzogen. Seit Kurzem bietet die US-Kaffeehauskette Starbucks in den USA die Bezahlung eines Getränkes per App an. Die Kunden legen den Bildschirm ihres iPhones auf einen Barcode-Scanner an der Kasse. Der liest davon einen Strichcode ab, in dem die Bezahlinformationen gespeichert sind. Mit der App kann man sich zuvor ein Guthaben auf seinen Account laden. Auch im Bildungsbereich setzen sich mehr und mehr Apps durch. Die London School of Economics gibt eine Student Edition heraus, über die Podcasts verfügbar gemacht werden oder der Zugang zur Bibliothek optimiert wird. In den USA gibt es ein Blutdruckmessgerät, das direkt an das iPhone angeschlossen wird und die Daten aufbereitet anzeigt und als Zeitreihe abspeichert oder an eine Auswertungsstelle versendet.

Noch ist die Öffentliche Hand mit eigenen Angeboten sehr verhalten vertreten. Aber das wird sich ändern. Die Behördenfinder-App der Freien und Hansestadt Hamburg wurde bis Ende 2010 rund 80.000 Mal heruntergeladen. Es geht aber nicht nur um Behördenfinder, sondern um die gesamte Palette öffentlicher Dienstleistungen, die künftig mit einem Fingertouch auf modernen Geräten genutzt werden können.

Immer mehr Menschen und Organisationen werden eigenständig oder als Co-Produzenten Services kreieren und auf Plattformen verfügbar machen. So haben im Rahmen von Web 2.0 Bürger Webseiten erstellt, die in einer Stadt beispielsweise die öffentlichen Toiletten auf einer Karte darstellen. Die Verwaltung muss sich in Zukunft darauf einstellen, dass sie nicht mehr allein das Monopol auf das Gemeinwesen hat.

Nicht zuletzt sind die Städte und Gemeinden die sozialen Räume, in denen die Alltagswelt der Menschen mit ihren vielfältigsten Interaktionen abgebildet wird. Dem stehen zunehmend virtuelle Räume gegenüber. Der rasante Aufstieg von Facebook – mit mittlerweile weltweit mehr als 600 Millionen Nutzern und damit nach China und Indien „drittgrößter Staat“ – bildet soziale Interaktionen der Menschen virtuell ab. Damit entsteht eine völlig neue Wertschöpfung, die sowohl die digitale Ökonomie als auch die Gesellschaft prägen wird.

Der Wert des Unternehmens Facebook, das bis auf Server praktisch über kein eigenes Anlagevermögen (Grundstücke, Maschinen) verfügt, wird mittlerweile auf rund 50 Milliarden Dollar geschätzt. Das löst Begehrlichkeiten der Investoren aus. Investmentbanken wie Goldman Sachs fluten das Unternehmen bereits vor dem Börsengang mit enormen Geldsummen. Der immaterielle Wert des Unternehmens sind die Daten der Kunden. Kein anderes Unternehmen der Welt verfügt über solch ausgefeilte Kundendaten wie Facebook. Daraus werden sich neue Dienstleistungen ergeben, die vermutlich auch Kernbereiche bisheriger Verwaltungstätigkeiten berühren werden.

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Operating System

Social Networks mit ihren vielfältigen und selbst zu konfigurierenden Anwendungen (Apps) sind künftig die Betriebssysteme bei der Verarbeitung von Informationen und damit die Startplattform der Smartphones, der Laptops und der Personal Computer. Auch die Verwaltung muss hier präsent sein. Das bedeutet, sich wesentlich stärker in diese neue Welt der sozialen Netzwerke einzubringen. Hier halten sich die Menschen auf, hier organisieren sie sich, hier können sie erreicht werden.

Die neue digitale Welt wird aber nur existieren können, wenn der Datenschutz wirklich funktioniert. Daher werden die Unternehmen selbst mit Argusaugen darauf achten, dass sie das Vertrauen ihrer Kunden nicht verlieren. Denn Vertrauen ist der neue Goldstandard im digitalen Zeitalter. Hier kommt auch der moderne Staat wieder ins Spiel. Er muss in internationaler Abstimmung die Regelwerke schaffen, die den Schutz der persönlichen Daten sicherstellen. Die heute im Netz gebräuchlichen, seitenlangen Datenschutzerklärungen, die kaum einer versteht, sind sicher nicht die Lösung. Wie wäre es mit einer Art Ampel? Staatlicherseits würden dabei drei Korridore definiert, in denen sich die Unternehmen bewegen dürfen und die dem Bürger klar machen, welche Daten im gewählten Fall zur Verfügung gestellt werden. So könnte der Bürger viel besser entscheiden, was mit einer Datenschutzfreigabeerklärung eines Unternehmens wirklich gemeint ist.

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