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Strategische Steuerung im Public Sector Als Wissensgesellschaft in die nächste Krise

| Autor / Redakteur: Dr. Tobias Knobloch, Dr. Nikolai Horn / Manfred Klein

Warum wir Datengestützte Strategische Steuerung als Prinzip politischen Handelns etablieren sollten und dafür eine Public Data Governance brauchen. Mit dieser Fragestellung befassen sich unsere Autoren Dr. Tobias Knobloch von Capgemini und Dr. Nikolai Horn von iRights.

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Der Stoßseufzer ist immer noch gültig: Wenn die Verwaltung nur wüsste, was sie weiß! Die Corona-Krise hat jedoch gezeigt, dass es so nicht weitergehen kann
Der Stoßseufzer ist immer noch gültig: Wenn die Verwaltung nur wüsste, was sie weiß! Die Corona-Krise hat jedoch gezeigt, dass es so nicht weitergehen kann
(© thingamajiggs – stock.adobe.com)

Nur eine solide Informationsinfra­struktur kann uns die nächste Krise besser überstehen lassen. Um uns für die Zukunft besser zu wappnen, sollten wir einen Ansatz verfolgen, den wir bei Capgemini „Datengestützte Strategische Steuerung“ nennen. Wenn wir ein evidenzbasiertes politisches und Verwaltungshandeln als Zielbild haben, dann müssen wir einige, zum Teil aufwendige Hausaufgaben erledigen. Die zentrale lautet: Public Data Governance aufsetzen und in jeder öffentlichen Institution ein ordentliches Datenmanagement etablieren.

Die Illusion der Wissensgesellschaft

Vor der Corona-Krise haben wir uns eingebildet, in einer digitalisierten Informationsgesellschaft zu leben. In einer Wissensgesellschaft gar. Dass das eine Illusion war, zeigt sich jetzt schmerzlich. Viel zu oft starren wir auf Fallzahlen-Dashboards, deren Datengrundlage unklar ist und die nicht vorhandene Gewissheiten suggerieren. Durch Corona ist uns klar geworden, dass wir trotz all unserer technischen Möglichkeiten eigentlich immer noch in einer Nichtwissensgesellschaft leben. Das müssen wir uns eingestehen – und die richtigen Schlüsse für die Zukunft daraus ziehen.

Gerade rächt sich, dass wir das Thema öffentliche Dateninfrastruktur über Jahre so stiefmütterlich behandelt haben. Analysekapazitäten haben wir, doch es fehlt vielfach an der Basis: Daten in aktueller und verlässlicher Form. Die datenverarbeitenden Informationssysteme, die wir derzeit betreiben, können diese nicht in der benötigten Qualität bereitstellen – von der ebenfalls dringenden Datenvernetzung ganz zu schweigen.

So hatten wir bis vor kurzem keinen tagesaktuellen Überblick über die Intensivbettenauslastung in deutschen Krankenhäusern. Da wir nicht wissen, was zu wissen morgen überlebensnotwendig sein könnte, schaffen wir die entsprechenden Strukturen nicht, bevor wir in Not sind. Das ist zutiefst menschlich. Der Mensch neigt angesichts komplexer Sachlagen dazu, kurzfristige Folgen zu überschätzen und langfristige zu unterschätzen. Gefahren existieren für uns, überspitzt gesagt, erst dann, wenn sie unmittelbar sind. Wie schlecht wir darin sind, langfristige Folgen in unsere Erwägungen und Entscheidungen einzubeziehen, sieht man zum Beispiel an unserem Umgang mit dem Klimawandel. Die Grenzen, innerhalb deren uns Technik immer nur helfen kann, sind vor allem kognitive und soziale Grenzen.

Evolutionäre Begrenzung überwinden

Dank technischer Systeme wie Simulationen können wir etwas wissen, wovon Physiker, Mathematiker und Philosophen seit Descartes, Newton und Kant etliche Jahrhunderte lang nur träumen konnten: Nämlich wissen wie die Zukunft werden könnte und mit welchen Handlungen in der Gegenwart wir sie wie beeinflussen können. Vorhersagen und gezielte, szenarioabhängige Handlungsempfehlungen sind die Königsdisziplinen des evidenzbasierten Handelns. Doch schon davor kann man durch die visuelle Aufbereitung von Fakten und einfache Analysen beträchtliche Gewinne für das Gemeinwohl einfahren – allerdings nur, wenn die Informationsbasis vorhanden ist und die technischen Voraussetzungen gegeben sind. Wenn man es richtig angeht und später auch zu skalierbaren Lösungen fähig sein möchte, ist das Schaffen dieser Voraussetzungen aufwendig. Wenn wir die Glühbirne zum Leuchten bringen möchten, dann müssen wir uns zuvor einiger infrastruktureller Anstrengungen an der Basis unterziehen.

Infrastrukturmängel sind gefährlich

Im Zusammenhang mit politischen und administrativen Richtungsentscheidungen während der Corona-Krise setzen uns Wissenslücken besonders zu. Wie viele Intensivpflegebetten haben wir in unseren Krankenhäusern und wie sind diese regional verteilt? Wie hoch ist der Anteil des Pflegepersonals, das selbst zur Risikogruppe zählt? Reichen die vorhandenen Lehrkräfte, um Kleingruppenunterricht für alle Übergangs- und Abschlussklassen abzudecken? Das sind nur drei von sehr vielen Fragen, die wir uns stellen mussten. Dass wir sie zumindest ad hoc nicht beantworten konnten, liegt vor allem an den Lücken unserer öffentlichen Informationsinfrastruktur. Und diese wiederum führen zu einer eingeschränkten evidenzbasierten Steuerungskompetenz insgesamt.

Was aber gestern im Zeichen von Wachstum und Wohlstand lediglich Anlass zu sarkastischem Augenzwinkern war (zum Beispiel die Tatsache, dass man in Deutschland auch im Jahr 2020 zahlreiche Verwaltungsakte noch immer nicht online abwickeln kann), das wirkt heute, im Zeichen der Krise und viel größerer Herausforderungen, riskant und gefährlich. Vielleicht würde beispielsweise die Frage, ob man Forschungsdaten aus dem Geltungsbereich des Open-Data-Gesetzes ausnehmen soll, heute anders als 2017 beantwortet, als sie nämlich zunächst ausgenommen wurden. Deutlich wurde in den vergangenen Monaten jedenfalls, dass uns zur Beantwortung vieler wichtiger Fragen unter Zuhilfenahme von mehr oder weniger avancierten Analysemethoden eine solide Informationsgrundlage in Gestalt aktueller, verlässlicher und maschinenlesbarer Daten fehlt.

Während einer Pandemie sind es zum Beispiel Fragen dieser Art, auf die wir genaue Antworten brauchen: Welche Menschen sind tatsächlich am Virus gestorben und nicht bloß damit? Wo ist das passiert? Welche Krankengeschichte hatten die Verstorbenen? Wie wurden sie behandelt? Wo leben Personen mit einem ähnlichen Profil? Wie viele Menschen sind dort bereits getestet worden? Wer ist wahrscheinlich für eine gewisse Zeit immun, weil er bereits infiziert war?

Wer dazu keine Informationen verfügbar hat, kann nur schwer richtige Entscheidungen für die Bevölkerung treffen. Das Gegenteil aber – gut begründbare, auf fundierten Faktenanalysen beruhende Maßnahmen – würde der Einsicht und Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung immens dienen. Einsicht und Akzeptanz sind dabei keine weichen Faktoren, keine zusätzlichen Vorzüge, sondern in einem Katastrophenszenario von höchster Priorität. Denn das würde das Mittragen verordneter Einschränkungen erleichtern und das Auftreten neuer Konfliktlinien vermeiden. Dieser Tage fühlen sich die Menschen jedoch eher schlecht informiert und verunsichert. Das liegt schlicht daran, dass die Entscheidungsträger es auch nicht besser wissen können und daher bisweilen auch auf Mutmaßungen und Intuitionen zurückgreifen müssen.

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