Vision Zero – keine Toten und Schwerverletzten im Straßenverkehr 26.000 Straßenkilometer auf einen Blick

Redakteur: Manfred Klein

Beim 17. eGovernment-Wettbewerb der Unternehmensberatung BearingPoint und des Technologieanbieters Cisco gewann das Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg mit dem „Verkehrssicherheitsscreening“ Gold in der Kategorie „Bestes Infrastrukturprojekt“.

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Mehr Sicherheit für die Bürger und immer aktuelle Daten für die Verkehrsbehörden zu Verkehrsdichte, Unfallrisiken und Mängelbeseitung
Mehr Sicherheit für die Bürger und immer aktuelle Daten für die Verkehrsbehörden zu Verkehrsdichte, Unfallrisiken und Mängelbeseitung
(© Verkehrsministerium Baden-Württemberg)

eGovernment Computing sprach mit Projektleiter Martin Pozybill.

Worum handelt es sich beim Verkehrssicherheitsscreening, und welche Ziele verfolgt es?

Projektleiter Martin Pozybill
Projektleiter Martin Pozybill
(© Martin Pozybill)

Pozybill: 2011 hat sich die damalige Grün-Rote-Landesregierung von Baden-Württemberg das politische Leitbild der ,Vision Zero‘ – keine Toten und Schwerverletzten im Straßenverkehr – gegeben. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde vom Verkehrsminister am 2. Juli 2013 das gemeinsam mit dem Innenministerium erarbeitete Verkehrssicherheitskonzept vorgestellt. In diesem Zusammenhang wurde als zentrale Maßnahme das hierfür neu entwickelte Verkehrssicherheitsscreening (VSS) präsentiert. Realisiert wurde das Verfahren durch die Aachener Firma DTV-Verkehrsconsult GmbH.

Beim VSS handelt es sich um ein webbasiertes verwaltungsinternes Expertenwerkzeug. Es ermöglicht sämtlichen Mitgliedern der landesweit 150 Unfallkommissionen auf alle relevanten Daten, die zur Unfallanalyse und zur Beseitigung von unfallbedingten Mängeln in der Straßenverkehrsinfrastruktur benötigt werden, auf einer zentralen Datenplattform zuzugreifen. Sämtliche Daten sind zudem standardisiert aufbereitet.

Wie funktioniert das VSS?

Pozybill: Das VSS führt landesweit für das gesamte übergeordnete Straßennetz von Baden-Württemberg die für die Verkehrssicherheitsarbeit verfügbaren Informationen, wie

--> die monatlich aktualisierten Unfalldaten der Polizei,

--> die Durchschnittlichen Täglichen Verkehrsmengen (DTV) der Straßenverkehrszählung bzw. endgültigen Hochrechnung,

--> die Auswertung der Fahrzeuggeschwindigkeiten aus dem kontinuierlichen Verkehrsmonitoring,

--> das Straßennetz inklusive der Breiten und der Aufbaudaten aus der Straßendatenbank TT-SIB,

--> sowie die Straßenzustände mit zugehöriger Straßengeometrie und Streckenfotos aus den Straßenzustandsbefahrungen

auf einer zentralen Rechnerplattform zusammen.

Zentrales Element des Verkehrssicherheitsscreenings ist die digitale Karte. Darin können beispielsweise die unfallauffälligsten Stellen im Straßennetz dargestellt werden. Ein weiteres wichtiges Element ist der jeweils 4-seitige Steckbrief, der bis zu 700 verschiedene Informationen für ein genau 100 Meter langes Straßenstück bereitstellt. Für das 26.000 Kilometer lange Netz sind dies rund 295.000 verschiedene Steckbriefe.

Wie trägt das VSS zur Unfallprävention bei?

Pozybill: Das VSS-Verfahren liefert kartenbasiert auch eine Überlagerung der unfallauffälligen mit sanierungsbedürftigen Streckenabschnitten. Das Überlagerungsergebnis geht in die Dringlichkeitsreihung der Unfallpräventions-Maßnahmen ein.

Durch die Aggregation unterschiedlicher Informationen entsteht ein umfassendes Bild der Realität der Verkehrssicherheit, das ermöglicht, gezielte Maßnahmen zu definieren. Die Wirksamkeit der von den Unfallkommissionen ergriffenen Maßnahmen kann direkt mithilfe von schaltbaren Layern in der digitalen Karte überprüft werden. Ihre Umsetzung trägt zu einer spürbaren Verbesserung der Verkehrssicherheit bei und hilft so letztlich, Leben zu retten.

Wie viele Mitglieder nutzen das VSS regelmäßig?

Pozybill: Hauptzielgruppe des VSS sind sämtliche Mitglieder der 150 Unfallkommissionen in Baden-Württemberg. Sie bestehen aus Mitgliedern der Verkehrsbehörde (Leitung), der Straßenbauverwaltung und der Polizei. Mit Gästen haben derzeit 676 Personen Zugriff auf das VSS.

Wodurch zeichnet sich der Beitrag im Hinblick auf die Verwaltungsdigitalisierung aus?

Pozybill: Das zentral verfügbare VSS-System reduziert mit seinen landesweit einheitlichen Steckbriefen den Bearbeitungsaufwand in den Unfallkommissionen erheblich. In der digitalen thematischen Karte lassen sich mit schaltbaren Layern die unfallauffälligen Streckenabschnitte und Knotenpunkte verschiedenfarbig (Rot = Höchstwerte (5 Prozent aller Werte), Orange = auffällige (nächsten 10 Prozent aller Werte) und Grün = unauffällige und restlichen 85 Prozent aller Werte) anzeigen. Diese Werteaufteilung gilt systemweit. Für die Unfallkommissionen ist somit immer ganz klar, um welche Stellen im Straßennetz sie sich zuerst kümmern müssen.

Das VSS ist ein nachhaltiges Projekt, bei dem die Digitalisierung im Dienst der Gesellschaft steht.

Inwieweit gehen Sie mit Ihrem Projekt auf die Anforderungen der Zielgruppen ein?

Pozybill: Durch die Einheitlichkeit des VSS-Systems wird neuen Mitgliedern der Unfallkommissionen die Einarbeitung erheblich erleichtert. Dies gilt vor allem für Personen in den Verkehrsbehörden, wenn diese zuvor in einem völlig anderen Themenbereich tätig waren.

Das in der Vergangenheit oftmals aufwändige Zusammensuchen der notwendigen Unterlagen für einen Unfallkommissionstermin hat ein Ende – die Lösung des Problems steht im Vordergrund. Ab dem Jahr 2019 wird es auf der Grundlage der VSS-Ergebnisse abzuarbeitende Zielvorgaben für sämtliche Unfallkommissionen in Baden-Württemberg geben.

Wie groß ist die Verbesserung der gesetzlichen und politischen Aufgabenerfüllung?

Pozybill: Ohne ein Werkzeug wie das Verkehrssicherheitsscreening sind die Vorgaben der EU-Richtlinie sowie das Ziel der „Vision Zero“ für den Teilbereich der Straßeninfrastruktur in Baden-Württemberg nicht zu erreichen. Die DEKRA kommt in ihrem Verkehrssicherheitsreport 2018 zu der Einschätzung, dass ein Screening dieser Art europaweit bislang einzigartig sein dürfte.

Welche technischen Voraussetzungen und Infrastrukturen sind vorhanden? Ist eine weitgehende technische Integrationsfähigkeit gegeben?

Pozybill: Das VSS-System ist in Baden-Württemberg seit 2014 landesweit im laufenden Betrieb, die verschiedenen Quellsysteme – zum Beispiel die elektronische Unfallerfassung, die Straßendatenbank – bereits vor diesem Zeitpunkt.

Durch minimale Abhängigkeiten und den Einsatz einer betriebs­systemunabhängigen Laufzeit­umgebung ist der Betrieb der Online-Plattform in den meisten IT-Umgebungen möglich. Die 3-Tier-Architektur, der modulare Aufbau und die Verwendung eines flexiblen, leistungsfähigen serverseitigen Frameworks erlauben es, das System bei Bedarf ohne übermäßigen Aufwand zu erweitern oder anzupassen, um weitere Systeme als Importquellen, Authentifizierungsserver oder ähnliches anzubinden.

Übrigens: Zur Einführung des Verkehrssicherheitsscreenings musste lediglich die Baden-Württembergische VwV-VkSA vom 29. Juni 2015 entsprechend ergänzt werden.

Welche Möglichkeiten zur Nachnutzung Ihrer Projektergebnisse haben Sie geschaffen?

Pozybill: Das Verkehrssicherheitsscreening ist durch seinen sowohl fachlich als auch technisch modularen Aufbau bewusst so gestaltet, dass die Einführung mit minimalen Voraussetzungen und Aufwand möglich ist und die Nutzung anschließend graduell ausgebaut werden kann.

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