Interview mit Christian Rupp, Digitales Österreich

Österreich baut Open Data weiter aus – Brüssel ist träge und weit weg

07.02.12 | Redakteur: Manfred Klein

Tradition und Moderne sind in Wien kein Widerspruch (Foto: Austrian Views)
Tradition und Moderne sind in Wien kein Widerspruch (Foto: Austrian Views)

Es geht voran mit Open Government Data made in Austria. Christian Rupp, der Sprecher der Plattform „Digitales Österreich“ im Wiener Bundeskanzleramt, erläutert im Gespräch mit eGovernment Computing die weiteren Schritte des ö­sterreichischen Open-Data-Projekts. Und es soll schnell weitergehen, denn in Wien ist man nicht zögerlich.

So soll noch im ersten Vierteljahr ein Open-Data-Portal online gehen und die Kooperation zwischen Bund, Ländern und Kommunen weiter ausgebaut werden. Rupp übt jedoch auch Kritik an der europäischen Open-D­ata-Politik.

Herr Rupp, Open Data ist derzeit in Europa das eGovernment-Them­a schlechthin. Politik und Verwaltung versprechen sich davon eine Stärkung der Innovationskraft in Gesellschaft und Wirtschaft. Sind die Hoffnungen berechtigt?

Rupp: Open Government Data, kurz OGD, wird in der Tat das Potenzial für einen gesellschaftlichen, kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt zugesprochen. Die Hoffnungen sind durchaus berechtigt. Dabei wird es auf den Bereich Kreativwirtschaft ankommen, ob Innovationen, mehr Anwendungen und neue Arbeitsplätze entstehen. Laut Studien der EU-Kommission wird davon ausgegangen, dass sich der Markt durch OGD von derzeit 32 Milliarden auf bis zu 70 Milliarden Euro für die EU 27 steigern lässt.

Auf welche Dinge wurde in Österre­ich im Zusammenhang mit Open Data besonderer Wert gelegt?

Rupp: In Österreich wird OGD unter dem Gesichtspunkt der Verwaltungsmodernisierung wahrgenommen. OGD sind jene nicht-personenbezogenen Datenbestände, die im Interesse der Allgemeinheit ohne jedwede Einschränkung zur freien Nutzung, zur Weiterverbreitung und zur freien Weiterverwendung frei zugänglich gemacht werden – auch wenn kommerzielle Produkte daraus entstehen. Maschinenlesbarkeit, Barrierefreiheit, zeitnahe Veröffentlichung, Vollständigkeit, etc. sind als Grundprinzipien für Österreich selbstverständlich.

In Österreich wurde vor allem auf den Dialog mit Nutzergruppen und Stakeholdern Wert gelegt, sowie auf die bewährte Bund-Länder-Städte-Gemeinden-Kooperation in der Plattform Digitales Österreich. Die Vereinbarungen und Ausarbeitungen wurden dokumentiert und veröffentlicht. Zur Verfügung werden gestellt werden Formate, Klassifikationen, Metadatenstruktur, Kategorienkatalog, URL/URI-Schemata und vieles mehr.

Im Sinne der nationalen Sichtbarkeit und Transparenz wird ein österreichisches OGD-Portal als „Katalog“ auf Basis der erarbeiteten Standards aufgebaut werden. Dabei wurde vor allem auf die Erfahrungen der Stadt Wien aufgebaut.

Welche juristischen beziehungsweise rechtsstaatlichen Vorgaben müssen Ihrer Meinung nach bei Open Data erfüllt sein?

Rupp: Die Wiederverwendung von öffentlichen Daten wird in Österreich durch das Informationsweiterverwendungsgesetz geregelt, welches die Umsetzung der Public-Sector-Information-Richtlinie (PSI-RL) darstellt. Hier könnte die EU-Kommission in der Überarbeitung noch proaktiver sein.

Die Qualitätssicherung ist ein kritischer Faktor, der sowohl top-down durch den Staat und seine Institu­tionen erfolgen könnte, als auch bottom-up, mittels Überprüfung und Gegenanalyse durch die interessierte Öffentlichkeit – insbesondere durch die Wissenschaft und die Einbindung von Universitäten und Fachhochschulen. Auch die Manipula­tion durch Datenverfälschung in statistischen Auswertungen oder verfälschte Darstellung in Applikationen stellt die Daten anbietende Verwaltung vor neue Herausforderungen.

Fragen der Haftung der Informations- und Datenbereitstelle – etwa zum Haftungsausschluss und zur Amtshaftung – sind hier gesetzlich oder durch Terms of Use eindeutig zu klären.

Die Arbeitsgruppe OGD Bund-Länder-Städte-Gemeinden im Digitalen Österreich hat sich in einem White Paper darauf geeinigt, dass die Creative Commons Lizenz (CC BY 3.0 AT) für die Veröffentlichung zu verwenden ist. Die Nutzungsbedingungen sind zu veröffentlichen, etwa unter data.wien.gv.at/nutzungs
bedingungen).

In Österreich sind mittlerweile eine Reihe einschlägiger Anwendungen in Betrieb. Welche Erfahrungen konnten hier gesammelt werden?

Rupp: Seit Mai 2011 bietet die Stadt Wien von der Verwaltung gesammelte öffentliche Daten frei zugängig an. Unmittelbar nach der Veröffentlichung der ersten Open-Government-Daten wurden bereits Anwendungen durch Private entwickelt. Mittlerweilen sind fast zwanzig Apps enstanden. Dieses Projekt ist wegweisend für andere Verwaltungen und hat bereits einen Ehrenpreis bei der „PSI Alliance 5 Stars competition“ und den ersten Preis in der Kategorie „Innovativstes eGovernment-Projekt“ beim „eGovernment Wettbewerb 2011 Deutschland, Österreich, Schweiz“ erreicht.

Seit Oktober 2011 ist ebenfalls die Stadt Linz mit Open Data online und auch hier haben sich in kürzester Zeit viele nützliche Applikationen e­rgeben.

Kunden der Kommunen wünschen sich vor allem Verkehrs-, Freizeit- und Umweltdaten. Vor allem bei Routen- und Behördeninformationssystemen geht es den Bürgern um eine Gesamtsicht der Verwaltung. Ob die Leistung von der Stadt, dem Land, dem Bund oder einer Organisation kommt, wird immer unwichtiger.

Wie soll das Angebot in Österreich ausgebaut werden?

Rupp: Das Bundeskanzleramt, die Städte Wien, Linz, Salzburg und Graz gründeten im Sommer 2011 gemeinsam die „Cooperation Open Government Data Österreich“ (gov.open
data.at) und werden in Kooperation mit den Communities in Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft die Basis für die Zukunft von Open Government Data festlegen.

Durch die Einigung auf Standards wurden effektive Rahmenbedingungen geschaffen, die zum Nutzen aller sind. In dieser Cooperation werden die Interessen von Ministerien, Ländern, Städten und Gemeinden vertreten, also all jener Akteure, die eine Open-Government-Data-Plattform betreiben, planen, erstellen oder sich daran beteiligen möchten. Das Bundeskanzleramt bildet mit der Plattform Digitales Österreich eine Koordinierungsstelle. Ein gemeinsames Open-Data-Portal für ganz Österreich wird im 1. Quartal 2012 folgen. Es soll auch als Single Point of Contact im Abgleich mit europä­ischen Metaportalen dienen.

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Schreiben Sie uns hier Ihre Meinung ...
(nicht registrierter User)

Spamschutz 

Bitte geben Sie das Ergebnis der Rechenaufgabe (Addition) ein:
Kommentar abschicken

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 31207120) | Fotos: Austrian Views

Healthcare Computing Update Newsletter abonnieren.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Wenn Sie wichtige Nachrichten in Zukunft nicht verpassen möchten, dann versorgen wir Sie über unseren Themenkanal-Newsletter gerne direkt mit den aktuellsten News und Fachbeiträgen aus diesem Themenumfeld. Jetzt abonnieren!

* Ich bin mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung und AGB einverstanden.
Spamschutz:
Bitte geben Sie das Ergebnis der Rechenaufgabe (Addition) ein.
Vorgangsmanagement statt Aktensuche

Die gemeinsame Nutzung von Dokumenten ist im Gesundheitswesen der entscheidende Faktor für eine effiziente Patientenbetreuung. Ein Vorgangsmanagementsystem ist dazu die unverzichtbare Basis. EMC erläutert, was es bei der Einführung zu beachten gibt. zum Advertorial