In fünf Jahren sollen drei Millionen Euro Lizenzkosten gespart werden

München: Hat sich der Pinguin zu weit aus dem Fenster gelehnt?

21.07.2008 | Redakteur: Gerald Viola

Rathaus München. Hand in Hand mit dem Auswärtigen Amt auf Open-Source-Werbetour
Rathaus München. Hand in Hand mit dem Auswärtigen Amt auf Open-Source-Werbetour

Wenn die Verantwortlichen in der Münchner Stadtverwaltung eine vorläufige Bilanz der Open-Source-Migration ziehen, dann sagen sie: „Inzwischen kann das Projekt bereits beachtliche Ergebnisse vorweisen.“ Kritiker beurteilen das ganz anders: „LiMux ist wirklich ein Schildbürgerstreich.“

Tatsache ist: Fünf Jahre nach dem Beschluss des Stadtrates, die 14.000 Arbeitsplätze der Verwaltung an der Isar auf freie Software und ein freies Betriebssystem umzustellen, läuft der LiMux-Basisclient gerade mal auf 1.200 Arbeitsplätzen. Ein Abschluss der Migration, der ursprünglich für dieses Jahr geplant war, ist in weite Ferne gerückt. Die Macher gehen von einem längeren Zeitraum bis 2010 oder bis 2011 oder sogar bis 2012 aus.

Mit der Installierung des Basisclients war vor zwei Jahren begonnen worden. Ein Anlass für die zuständige Bürgermeisterin Christine Strobl eine positive Bilanz zu ziehen: „Zwei Jahre LiMux – Offene Standards, freie Software, starke Wirtschaft“.

Bei dieser Gelegenheit wurde auch das weitere Vorgehen zum Basisclient bekannt: „Das Direktorium und das Kulturreferat sind nahezu vollständig umgestellt, vier weitere Referate beginnen gerade mit der Umstellung. Im Laufe des kommenden Jahres werden alle Referate mit der Migration begonnen haben.“

Firefox gibt‘s schon für alle

Dabei – so Strobl – setze die Stadt bei der Einführung der freien Software auf eine „weiche Migration“. Die Rechner würden in zwei Schritten umgestellt: Zunächst werde das Officeprodukt der Firma Microsoft durch die freie Alternative OpenOffice ersetzt. Später erfolge dann die Ablösung des Betriebssystems. Windows NT und Windows 2000 sollen dann durch den Basisclient ersetzt werden. „Inzwischen kann das Projekt bereits beachtliche Ergebnisse vorweisen“, sagt Strobl und verweist darauf, dass ja bereits auf allen 14.000 Arbeitsplätzen der Stadtverwaltung freie Software eingesetzt werde, nämlich der Webbrowser und der eMailclient, also Firefox und Thunderbird. Auf 8.000 Arbeitsplätzen sei bereits OpenOffice an Bord. Und WollMux, eine Eigenentwicklung der Stadt zur komfortablen Vorlagen- und Formularverwaltung, sei in acht von zwölf Referaten im Einsatz. Die Landeshauptstadt sieht sich durch die Migration auf einem innovativen Zukunftsweg hin zu einer modernen, offenen Administration und beschwört die Vorteile von LiMux. Ein Vorteil sei die Förderung der lokalen Wirtschaft. Die Begründung: „Durch den Einsatz von kostenfreier Software bezahlt die Stadt nicht mehr vorrangig für die Beschaffung der Software selbst, sondern nur für eventuell notwendige Anpassungen an die besonderen Kundenwünsche. Diese Flexibilität können große Firmen und kommerzielle Programme nicht bieten, sodass freie Software und offene Standards vor allem kleinen und mittleren Unternehmen ermöglichen, sich umfassend am Wettbewerb zu beteiligen. Im Rahmen des Projektes wurden bisher insgesamt vier Millionen Euro an kleine und mittlere Firmen vergeben.“

Weshalb dadurch die lokale Wirtschaft gefördert wird, bleibt bei dieser Argumentation allerdings im Dunkel, denn die meisten Aufträge müssen (teilweise europaweit) ausgeschrieben werden. Eine Bevorzugung der lokalen Wirtschaft wäre ein Verstoß gegen die einschlägigen Vergaberichtlinien. Und unter den Tisch fällt auch, dass erst die Flexibilität großer Firmen das Migrationsprojekt überhaupt ermöglichte.

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