Was würde Cicero tun?

Humanistische Realpolitik für das digitale Zeitalter

| Autor / Redakteur: Dr. Philipp Müller, General Manager Public Sector bei CSC / Manfred Klein

Das EU-Parlament diskutiert „Politiker im Kommunikationssturm"
Das EU-Parlament diskutiert „Politiker im Kommunikationssturm" (Bild: © European Union 2016 – European Parliament)

Manipulierte eMails und gefakte Facebook-News – der amerikanische Wahlkampf hat deutlich gezeigt, dass Politik mit demokratischem Anspruch sich dringend mit den Folgen des Kommunikationszeitalters befassen muss, will sie nicht populistischen Hasardeuren unterliegen.

Seit über 30 Jahren feiern wir das emanzipatorische Potenzial von Digitalisierung und reflektieren darüber, dass sich alles in unserem Leben ändern wird. Parallel dazu  digitalisieren wir unsere privatwirtschaftlichen und staatlichen Organisationen und lamentieren, dass es nicht so schnell geht, wie es gehen sollte.

Seit einigen Jahren ist Digitalisierung in Deutschland nun zur Chef-Sache erklärt worden. Angela Merkel spricht darüber, die Studien, Startup-Programme und Digitalisierungsgipfel häufen sich.

Seit #brexit ist Digitalisierung allerdings wirklich im Zentrum der Politik angekommen und nicht nur als positive Kraft. Soziale Medien haben die Möglichkeitsräume von Politik radikal verändert. Algorithmen, Echokammern und Fake-News bestimmen heute den kritischen medialen Diskurs. Donald Trump ist zum amerikanischen Präsidenten gewählt worden. Die Bundesregierung befürchtet die Einmischung ausländischer „Troll-Dienste“ in den bevorstehenden Bundestagswahlkampf.

Die Politik selber hat nicht den Luxus darüber zu lamentieren, sondern muss schnellstmöglich lernen,  mit diesen Instrumenten umzugehen. Denn dies ist erst der Anfang der Disruption von Politik und Verwaltung. Und wir tragen die Verantwortung für unsere Gesellschaft.

Das europäische Projekt und die römische Republik in der (digitalen Kommunikations-)Krise

Am 16. November hatte ich die Ehre, im Europäischen Parlament in einer Konferenz mit dem Titel „Politiker im Kommunikationssturm“ zu sprechen. Die Parlamentarier setzten sich mit der Frage auseinander, wie komplexe humanistische Ideen wie das europäische Projekt in einer Welt von #brexit, #trump und der Macht sozialer Medien verteidigt und weiterentwickelt werden können.

Das historische Lagebild

Wenn die Zeiten turbulenter werden, lohnt eine historische Perspektive: Cicero, uns vor allem aus dem Lateinunterricht bekannt, war nicht nur brillanter Rhetoriker und Philosoph, sondern auch republikanischer Machtpolitiker, der mit einer humanistischen Realpolitik (beides natürlich Ausdrücke der Neuzeit) versuchte, die Ideale der römischen Republik gegen populistische Avancen zu verteidigen.

Mit all seinem oratorischen Scharfsinn versuchte Cicero, die komplexe Vorstellung von Vernunft, Freiheit und politischer Selbstbestimmung in einer Welt zu verteidigen, die Korruption, Kriege, Ausbreitung des Imperiums, Populismus und starke Männer prägten. Die Situation ist vergleichbar mit unserer heutigen. Wir brauchen mehr Ciceros, die sogleich die Welt verstehen und in ihr handeln.

Es ist klar, dass es keine einfachen Antworten und keine monokausalen Erklärungen gibt dafür, wie wir in diese Situation gekommen sind und was getan werden muss.

Aber es ist uns allen deutlich, dass die Situation ernst ist, sie kontinuierlicher Reflexionsarbeit und koordinierten Handelns bedarf. Ich möchte diesen Gedanken im Folgenden ausführen.

Die Veränderung, die wir erleben, ist ähnlich radikal, wie das, was ­Europa vor 500 Jahren mit der Reformation erlebt hat. Das heißt: ziemlich groß und schwer zu kontrollieren. Nach Martin Luthers Blog-Eintrag an der Kirchentür in Wittenberg im Jahre 1517 dauerte es mehr als 130 Jahre, bis die politische Konsensbildung mit dem Westfälischen Frieden 1648 wieder stabilisiert wurde.

Die Kombination einer neuen Technologie (sei es die Druckerei oder das Internet) mit neuen Denkweisen ändert radikal, wie sich Menschheit organisiert und wie wir zusammenleben. Das muss verstehen, wer in solchen Zeiten Politik betreiben will.

Es gibt drei technologische Treiber, die unsere Möglichkeitsräume, konkret von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, und der Logik der Zusammenarbeit beziehungsweise des Zusammenlebens transformieren.

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Danke für die tolle Diskussion, die ich erst gerade entdeckt habe (im Cafe neben dem Globe Theater...  lesen
posted am 12.01.2017 um 16:52 von philippmueller@gmail.com

Hallo Herr Günter, endlich kommuniziert man :-) Also ein paar Ergänzungen: zu 1) Cicero hat...  lesen
posted am 16.12.2016 um 19:24 von woksoll

Hallo woksoll, da haben sie sich wirklich viel Mühe gegeben bei ihrer ausführlichen Antwort...  lesen
posted am 15.12.2016 um 19:52 von Unregistriert

Dazu will ich gerne ein paar Punkte sagen: 1.) Cicero. Robert Harris hat uns in seiner...  lesen
posted am 14.12.2016 um 19:57 von woksoll

Es gibt Vieles schon dass Niemand gedacht haette. Trump. Aleppo. Was in der Türkei los Ist. Ein...  lesen
posted am 14.12.2016 um 19:35 von Unregistriert


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